Frühjahr und Sommer gelten traditionell als gute Zeiten für den Gebrauchtwagenkauf. Händler verfügen häufig über große Restbestände und bieten Rabatte an. Das gilt zunehmend auch für Elektrofahrzeuge. Der Markt für gebrauchte Stromer wächst: Bei einer der größten Gebrauchtwagensuchmaschinen sind derzeit rund 70.000 Elektroautos verfügbar. Hinzu kommt, dass immer mehr Fahrzeuge aus Leasingverträgen zurückkommen. Diese sind in der Regel regelmäßig gewartet, gepflegt und verfügen häufig über einen Nachweis zum Zustand der Batterie.
"Das Angebot ist groß, die Nachfrage immer noch eher verhalten. Der Anteil von PHEV und BEV am Gebrauchtwagenmarkt liegt aktuell zwischen fünf und acht Prozent (Heise). Das heißt, dass die Preise moderat sind und sich der Kauf eines gebrauchten E-Fahrzeugs gerade auf jeden Fall lohnt", sagt Markus Gregor, Technical Expert EV Battery.
Hoher Wertverlust macht Gebrauchte attraktiv
Auch wenn die neue Förderrunde für Elektroautos nicht für Gebrauchtwagen gilt, kann der Kauf eines gebrauchten Elektrofahrzeugs finanziell attraktiv sein. Elektroautos verlieren in den ersten drei Jahren und bei einer durchschnittlichen Laufleistung von 60.000 Kilometern bereits rund 50 Prozent ihres Neuwerts.
Gregor: "Die hohen Neuwagenpreise schrecken immer noch viele Autofahrer ab, ihre Mobilität umzugestalten. Warum also nicht mit einem günstigen Gebrauchten starten? Seitens der Experten bestehen hinsichtlich Batterie, Technik und Reichweite keinerlei Bedenken," und unterstreicht: "400 Kilometer – das ist heute Standard."
Batterie als zentrales Kaufkriterium
Zentrales Kriterium beim Kauf eines gebrauchten Elektroautos ist der Zustand der Batterie. Sie ist die wichtigste und teuerste Komponente im Fahrzeug. Zwar schützt die Fahrzeugelektronik den Akku grundsätzlich vor zu hohen Belastungen, dennoch können Ladeverhalten, Schnellladeanteil und Fahrstil Einfluss auf Haltbarkeit und Leistungsfähigkeit haben.
Markenhändler können in der Regel einen Zustandsbericht zur Batterie erstellen. Auch TÜV SÜD bietet entsprechende Tests im Rahmen der Fahrzeugbewertung an. Dabei werden unter anderem Schnellladevorgänge erfasst und die Restkapazität der Batterie ermittelt. Gregor: "Die Werte geben erste wichtige Hinweise für Interessenten. Deshalb sollten die Tests auf jeden Fall durchgeführt werden. Den wirklichen Gesundheitszustand kann man aber nur durch umfangreiche Messungen ermitteln."
Akkus halten oft länger als erwartet
Bedenken hinsichtlich der Haltbarkeit von Elektroauto-Batterien sieht Gregor nicht. "Unsere Erfahrung ist, dass die Batterien sogar besser halten, als viele Hersteller sagen. Nach mehr als 200.000 Kilometern Laufleistung und sieben bis acht Betriebsjahren sind viele Akkus häufig noch mit 90 Prozent ihrer Anfangskapazität in Betrieb. Daraus ergibt sich eine hohe Zyklenfestigkeit und eine sehr geringe Alterung."
Rechnerische Prognosen zeigen, dass Batterien bei realistischen 3.000 Ladezyklen und einer durchschnittlichen Reichweite von 300 Kilometern Laufleistungen von 900.000 Kilometern und mehr ermöglichen können. Damit erreichen Elektrofahrzeuge potenziell Gesamtlaufleistungen, die früher vor allem mit besonders langlebigen Dieselmodellen verbunden wurden.
Weniger Verschleiß am Antrieb
Auch beim Verschleiß unterscheiden sich Elektroautos teilweise deutlich von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Beim elektrischen Antriebsstrang spielt die Laufleistung für die Zuverlässigkeit eine geringere Rolle. Gregor: "Die Laufleistung spielt beim Elektrofahrzeug, zumindest für die Zuverlässigkeit des Antriebsstrangs, eine untergeordnete Rolle. Eine Million Kilometer oder mehr sind kein Problem – und das beinahe komplett wartungsfrei und praktisch ohne nennenswerten Verschleiß."
Die Bremsen halten bei Elektroautos in der Regel länger, da durch Rekuperation Energie zurückgewonnen wird und die mechanische Bremse weniger häufig genutzt wird. Gleichzeitig kann genau diese geringe Nutzung dazu führen, dass Bremsen festsetzen. Kaufinteressenten sollten daher Bremsen, Batterie, Ladekabel und Ladebuchse vor dem Kauf prüfen lassen. "Allgemein bietet sich beim Elektrokauf eine Überprüfung beim markenspezifischen Händler durch TÜV SÜD an", so Gregor.
Reifen und Fahrwerk prüfen
Neben den spezifischen Punkten für Elektrofahrzeuge gelten weiterhin die üblichen Kriterien beim Gebrauchtwagenkauf. Allgemeinzustand, Laufleistung, Reifen, Fahrwerk, Stoßdämpfer, Achsen und Traggelenke sollten geprüft werden. Besonders Reifen können bei Elektroautos stärker beansprucht werden.
Gregor: "Reifen sind ein Thema. Das extrem hohe Drehmoment sorgt für erhöhten Verschleiß – schlicht, weil der Ampelstart so viel Spaß macht." Auch Achsen und Traggelenke können durch das hohe Fahrzeuggewicht stärker belastet werden.
Euro 7 bringt mehr Transparenz
Künftig sollen Batteriedaten transparenter werden. Mit der neuen Emissionsnorm Euro 7 werden ab November 2026 international harmonisierte Kenngrößen zur Dauerhaltbarkeit von Traktionsbatterien eingeführt, darunter SOCE (State of Certified Energy) und perspektivisch SOCR (State of Certified Range). Diese Werte können im Fahrzeug angezeigt und über standardisierte Schnittstellen bereitgestellt werden. Gregor: "Jeder kennt das vom Handy. Wie gut die verbliebene Leistung der Batterie ist, wird in Prozent angegeben. Zukünftig kann das der Fahrer eines neuen Elektromodells im Cockpit ablesen. Bei Verbrennern dagegen müssen die Emissionen angegeben werden."
Die Euro-7-Vorgaben sehen zudem Anforderungen an die Dauerhaltbarkeit von Fahrzeugen vor. Hersteller müssen eine Haltbarkeit von 160.000 Kilometern oder acht Jahren nachweisen. Eine erweiterte Lebensdauer gilt bis 200.000 Kilometer beziehungsweise zehn Jahre. Für Antriebsbatterien von BEV und PHEV werden ebenfalls Mindesthaltbarkeitsanforderungen festgelegt: Nach 100.000 Kilometern oder fünf Jahren darf die Speicherkapazität nicht unter 80 Prozent sinken, nach acht Jahren oder 160.000 Kilometern nicht unter 72 Prozent. Mindestanforderungen an die Reichweite sollen noch definiert werden.