Nicht nur Werkstätten, Autohändler und Flottenbetreiber, sondern auch Politik, Wissenschaft, öffentlich-rechtliche Nachrichtenportale und Automobil-Fachmagazine beschäftigen sich mit dem Rätsel der Batteriegesundheit, dem sogenannten SoH (State of Health). Der State of Health hat sich zu einem zentralen Kriterium in der Elektromobilität entwickelt und spielt eine bedeutende Rolle bei der Diagnose, der Gewährleistung, der Bestimmung des Restwerts sowie beim Handel mit gebrauchten Fahrzeugen. Trotz dieser zentralen Bedeutung fehlt es bislang an einheitlichen, transparenten und herstellerübergreifenden Bewertungsmaßstäben.
Transparentes Verfahren
Ziel der Arbeitsgruppe VDE SPEC 90043 ist ein transparentes, reproduzierbares und herstellerunabhängiges Verfahren zur Ermittlung des Gesundheitszustands der Traktionsbatterie. Dieses Verfahren soll auf Basis definierter Prüfbedingungen entwickelt werden und sich von bestehenden Regelungen wie der GTR 22 abgrenzen. Damit soll eine belastbare Basis für die Diagnose, Bewertung und Wertermittlung von E-Fahrzeugen geschaffen werden.
Die Arbeitsgruppe hinter der VDE SPEC 90043 ist interdisziplinär zusammengesetzt. Vertreter technischer Prüforganisationen, Anbieter von Batteriediagnose- und Analysetechnologien, Hersteller von Prüf- und Diagnosesystemen im Automobilumfeld sowie Experten aus dem Normungsbereich bringen ihre Expertise ein.
Bewusste Abgrenzung
Inhaltlich grenzt sich die VDE SPEC 90043 bewusst von bestehenden Regelwerken ab. Sie versteht sich nicht als Weiterentwicklung bereits vorhandener Vorgaben, sondern als eigenständiger, praxisorientierter Standard. Dazu zählen unter anderem das Positionspapier des Verbands der Automobilindustrie (VDA) mit dem Titel "Alterungszustand und Traktionsbatterien - Eckpunkte zur Bestimmung des Alterungszustands von Traktionsbatterien von Gebrauchtfahrzeugen" sowie die Global Technical Regulation (GTR) Nr. 22 der Vereinten Nationen zur Dauerhaltbarkeit von Traktionsbatterien in Elektrofahrzeugen (In-vehicle Battery Durability for Electrified Vehicles), welche zugleich als Grundlage für die neue Euro-7-Abgasnorm dient, ebenso wie zahlreiche weitere Fachpublikationen.
Klare Definition des SoH
Zentraler Bestandteil des Standards ist die klare mathematische Definition des SoH als relativer Kennwert. Der State of Health beschreibt das Verhältnis zwischen dem aktuellen Zustand der Traktionsbatterie und dem definierten Anfangszustand als Prozentwert:
""Ziel ist es, praktikable Verfahren zu definieren, die sich in der Praxis anwenden lassen.""
Markus Gregor, TÜV SÜD
Ein SoH-Wert von 100 Prozent entspricht also dem Neuzustand. Sinkt der Wert, zeigt dies die fortschreitende Alterung der Traktionsbatterie.
Wichtige Messgrößen
Dabei stellt sich die Frage, mit welchen Messgrößen der SoH berechnet werden soll. Die Arbeitsgruppe hat dazu verschiedene Parameter untersucht - nicht nur nach ihrer technischen Aussagekraft, sondern auch nach ihrer praktischen Messbarkeit im Werkstattalltag.
. Kapazität - Wie viel elektrische Ladung kann die Batterie noch speichern oder abgeben?
. Energiemenge [kWh] - Welche Energiemenge kann die Batterie liefern oder in die Batterie geladen werden?
. Innenwiderstand [mΩ] - Steigt bei zunehmender Alterung und beeinflusst somit den Stromfluss.
. Reichweite (WLTP) [km] - Standardisierter Prüfstandswert, wie weit ein Fahrzeug fahren kann.
. Leistung [kW] - Welche Leistung kann die Batterie abgeben oder aufnehmen?
. Gesundheitsindikatoren (Health Indicators, HIs) - Zusätzliche Kennwerte zum Batteriezustand.
Nicht jeder der aufgeführten Werte eignet sich gleichermaßen als Referenz. Entscheid ist, ob ein Wert zuverlässig, reproduzierbar und herstellerunabhängig erfasst werden kann und ob die Aussagekraft hinsichtlich des Gesundheitszustands angemessen ist.
Damit der SoH sinnvoll berechnet werden kann, muss der Anfangszustand der Batterie bekannt sein. Die Arbeitsgruppe hat deshalb untersucht, wo solche Referenzdaten heute bereits vorliegen oder künftig verfügbar sein werden. Betrachtet wurden unter anderem Herstellerdokumentationen, Zulassungsunterlagen (wie z.B. Zulassungsbescheinigung Teil 1), das Certificate of Conformity (CoC), regulatorische Vorgaben wie die EU-Batterieverordnung (Art. 10 Abs. 1 und Anhang IV der Verordnung 2023/1542), darunter der Batteriepass im Rahmen digitaler Produktpässe sowie künftige Anforderungen aus der Abgasnorm Euro-7. Das Ergebnis der Recherche ist eindeutig: Viele dieser Daten existieren bereits. Was fehlt, ist eine einheitliche Beschreibung, wie sie über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus hinweg korrekt und vergleichbar verwendet werden können.
Praxisnahe Prüfverfahren
Um die geeignetste Größe für die Berechnung des SoH zu finden, hat die Arbeitsgruppe die verschiedenen Parameter bewertet. Für eine übersichtliche und nachvollziehbare Analyse setzten die Experten verschiedene Bewertungstabellen ein. Dabei werden unter anderem das jeweilige Messverfahren, die notwendigen Start- und Endbedingungen sowie eine Vielzahl weiterer Abhängigkeiten, darunter Temperatur, Ladezustand oder Eingriffe des Batteriemanagementsystems, überprüft.
Aktuell arbeitet die Arbeitsgruppe an konkreten Prüfverfahren und Messmethodiken, um die favorisierten physikalischen Größen herstellerunabhängig, nicht-invasiv und reproduzierbar zu bestimmen. Ziel ist es, praktikable Verfahren zu definieren, die sich in der Praxis anwenden lassen und dennoch eine belastbare SoH-Bestimmung ermöglichen.
Der Zeitplan ist klar definiert: Die Fertigstellung, die englische Übersetzung und die formelle Verabschiedung der VDE SPEC 90043 sind für Ende des zweiten Quartals 2026 vorgesehen. Nach Prüfung und Freigabe soll der Standard am Anfang des dritten Quartals 2026 veröffentlicht werden. Damit erhält die E-Mobilität erstmals einen einheitlichen, praxisnahen Maßstab zur objektiven Bewertung der Batteriegesundheit von Elektrofahrzeugen.
Damit könnte es einen einheitlichen, anerkannten Maßstab geben, um den Batteriezustand von Elektrofahrzeugen objektiv zu bewerten - als Grundlage für Diagnose, Beratung, Entscheidungen zur Reparatur und Wertermittlung. Die Batteriegesundheit verliert damit ihren bisherigen Graubereich und wird zu einer messbaren, nachvollziehbaren Größe. Ein entscheidender Schritt für mehr Transparenz und Vertrauen in die Elektromobilität.