Als Lotus 1952 gegründet wurde, formulierte Firmenboss Colin Chapman ein Credo, das der britischen Ikone einen ewigen Parkplatz in den Herzen aller Sportwagenfans sicherte: "Simplify, then add lightness." Vereinfache – und füge Leichtigkeit hinzu. Ein Leitsatz, der nicht nur die Konstruktion bestimmte, sondern das Selbstverständnis der ganzen Firma. Lotus baute Fahrzeuge als fahrdynamische Präzisionsinstrumente. Scharf wie Skalpelle, reduziert aufs Wesentliche.
2017 übernahm der chinesische Konzern Geely die Mehrheit an Lotus Cars und gab dem Traditionshersteller aus Hethel finanziellen sowie technologischen Spielraum. Geely brachte neben Kapital auch Erfahrung bei der Elektrifizierung ein. Dass sich diese mit der Leichtbau-Philosophie vergangener Tage auf Kollisionskurs begeben würde, war spätestens mit Einführung des E-SUVs Eletre klar.
Langstrecken-PHEV gefragt wie nie
Auch das nächste Lotus-Statement geht nicht wirklich "leicht" von der Hand. Ab Sommer heizt der Eletre X die Diskussion um Chapmans Erbe und den Schub von morgen weiter an. Wie andere chinesische Hersteller auch, stellt Lotus dem vollelektrischen Eletre einen besonders cleveren Plug-In-Hybriden zur Seite. PHEV mit Mega-Reichweiten brechen in China gerade Zulassungsrekorde und machen den einst als Brückentechnologie apostrophierten Mischantrieb – trotz Gewichtsnachteil – zu einer neuen Trumpfkarte im Kampf um Kunden, die sich noch nicht auf reinen E-Antrieb einlassen wollen.
Der Eletre X treibt es dabei auf die Spitze. Basierend auf der adaptierten Plattform des vollelektrischen Bruders und optisch nahezu unverändert, pflanzt Lotus dem Eletre X eine fette 70 kWh-Batterie ins Untergeschoss. Kein anderer Plug-In-Hybrid hat derzeit einen größeren Akku an Bord. Vorne unter der Haube, wo beim Eletre ein Frunk sitzt, arbeitet beim Antriebs-Mischling ein Vierzylinder-Turbo-Benziner mit 205 kW / 279 PS, zugeliefert von Horse Powertrain, einem Joint-Venture zwischen Geely und Renault. Zum dynamischen Ensemble stoßen noch drei E-Motoren, die die Gesamtleistung auf 700 kW / 952 PS addieren und das Gewicht auf 2,6 Tonnen schrauben.
Lotus Eletre X
Lotus Eletre X: Gesamtreichweite von über 1.200 Kilometern
Rein elektrisch soll der Eletre X so – nach der chinesischen Messnorm WLTC – 350 Kilometer schaffen, im Verbund mit dem Verbrenner und einem 52 Liter Tank sind über 1.200 Kilometer am Stück drin. Mit seiner 900-Volt-Ladetechnik zapft der Akku an der DC-Säule mit bis zu 430 kW neue Energie und braucht für die Auffrischung seiner Zellen von 20 bis 80 Prozent nur neun Minuten. Der ideale Lotus also für reiselustige Reiche mit Reichweitenangst.
Die Funktionsweise des Antriebs ist dank ausgeklügelter Software ziemlich kompliziert und kaum auf einem Bierdeckel zu erklären. Auf Kurzform gebracht: Vorne sitzen zwei E-Motoren, wobei einer direkt am Verbrenner angeflanscht ist, im Normalfall als Generator fungiert und wenn nötig beim Fahren die Batterie lädt, während der andere mit 310 kW die Vorderräder antreibt. Der dritte E-Motor ist an der Hinterachse montiert, arbeitet immer mit und ist 390 kW stark.
Im Alltag fährt der etwas andere PHEV stets elektrisch und als Allradler. Dann werden 80 Prozent der Leistung nach hinten durchgereicht und 20 nach vorne. Erst ab 85 km/h kann sich unter bestimmten Bedingungen der Verbrenner ins Spiel der Kräfte einmischen und zur Unterstützung auch direkt die Vorderräder antreiben. Ansonsten läuft er unauffällig mit und versorgt den Akku mit frischer Energie. Der Lotus mit dem X-Faktor offeriert drei Fahrmodi, wobei zwei den EV-Antrieb präferieren und einer den Mischbetrieb mit Verbrenner, was laut Lotus gerade auf Strecke effizienter sein kann.
Lotus Eletre X: Fahrleistungen wie ein Supersportler
Wie sich das anfühlt, konnten wir jetzt erstmals in Shanghai ausprobieren. Hier heißt der in Wuhan gebaute Eletre X "For me" und dürfte angesichts der ewig verstopften Lebensadern das Schicksal eines Speedboots im Ententeich führen. Was das Leistungspotential angeht, würde Colin Chapman Gefallen daran finden. Trotz Gewicht und Größe schießt der Super-SUV komplett entfesselt, spontan und leichtfüßig wie ein Supersportwagen nach vorne. 3,3 Sekunden auf Tempo 100 und 230 km/h Top-Speed sind laut Lotus möglich – von wegen Trägheit der Masse. Die Komplexität des Antriebs bleibt dem Fahrer dabei weitgehend verborgen. Wie sich der Verbrenner akustisch einmischt, wenn es mal zügiger über deutsche Autobahnen geht, müssen wir nachreichen.
Insgesamt hat der neue Überflieger eine dezent langstreckentauglichere, sprich komfortablere Abstimmung erhalten. Elektronische Dämpfer mit aktiver Luftfederung sowie die 48 Volt-Wankstabilisierung sorgen für eine aufrechte und fast schon erschreckend dynamische Gangart in übermütig angepeilten Kurven. Das Ruder ist dabei mit viel natürlichem Lenkgefühl gesegnet, aber nicht so spitz ausgelegt, wie beim vollelektrischen Eletre. Stichwort Reisekomfort.
Der Rest ist reichlich Luxus, abgesichert von jeder Menge Fahrassistenten und die Frage, inwieweit Transformation die Tradition auffrisst. Wer sich noch an die unbeschwerten Lotus-Modelle der Chapman-Tage erinnert, wird das alles kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Alle anderen, vor allem aber die wohlhabenden jungen Chinesen werden sich fragen: Wer war eigentlich noch dieser Chapman….?.