asp: Frau Labbé, im September zeigt wieder die Aftermarket-Welt, was sie zu bieten hat. Worauf freuen Sie sich am meisten?
I. Labbé: Ich freue mich besonders darauf, dass der VDIK gemeinsam unseren Mitgliedsunternehmen und der Automechanika den markengebundenen Aftersales stärker in den Fokus rückt. Mit vier Veranstaltungen setzen wir wichtige Impulse für die Zukunft dieses Geschäfts. Ein besonderes Highlight ist der erstmals gemeinsam mit „Autobild“ und der Messe verliehene „Automotive Aftersales Award“. Vor allem freue ich mich aber auf den persönlichen Austausch mit Herstellern, Handel vielen Dienstleistern gerade im digitalen Bereich rund um die Zukunft des Aftersales.
asp: Sie hätten sicher gerne mehr Automobilhersteller auf der Messe als Aussteller gesehen. Warum sind die OEM so zögerlich?
I. Labbé: Mit unserer Kooperation wollen wir zunächst das Bewusstsein für die wachsende Bedeutung des Aftersales in der Markenwelt stärken. Die Hersteller erkennen das Potenzial, suchen aber noch nach weiteren Formaten. Deshalb verstehen wir unser Engagement als Auftakt für einen intensiveren Austausch zwischen Handel, Herstellern und Technologiepartnern. Der Mehrwert der Automechanika wird dabei sichtbar und Anreize schaffen für eine Präsenz von Herstellern auf der Messe.
asp: Welchen Mehrwert bietet der markengebundene Aftersales den Messebesuchern?
I. Labbé: Die Automechanika ist die internationale Leitmesse des Aftermarkets. Der markengebundene Aftersales ist dabei ein wesentlicher Teil des Marktes: Rund 45 Prozent aller Werkstattarbeiten und ein noch höherer Anteil der Wartungen erfolgen in Markenbetrieben. Viele Innovationen gelangen zunächst über die Hersteller in den Markt. Zielgruppenspezifische Leistungen des Markenservice, gerade für Flotten und Versicherer werden auf der Messe sichtbar.
asp: Prognosen gehen im Vergleich zum OES von einem stärkeren Wachstum des IAM aus. Hauptgrund ist die alternde Fahrzeugflotte. Wie kann man dem entgegensteuern?
I. Labbé: Mit zunehmendem Fahrzeugalter steigen Preisbewusstsein und Wettbewerb. Entscheidend ist deshalb, Kunden auch nach Ablauf der Garantie an das Markenservicenetz zu binden. Das gelingt durch technische Kompetenz, digitale Services, Originalteile und attraktive Angebote speziell für ältere Fahrzeuge. Ergänzend eröffnen neue Servicekonzepte für Flotten oder besondere Fahrzeugsegmente zusätzliche Wachstumsmöglichkeiten.
asp: Gibt es bereits erfolgreiche Strategien bei Ihren Mitgliedern?
I. Labbé: Ja. Viele Hersteller setzen bereits auf Konzepte für ältere Fahrzeuge, differenzierte Preisstrategien und Mehrmarkenangebote. Hinzu kommen Wartungsverträge, die schon beim Fahrzeugkauf abgeschlossen werden. Vernetzte Fahrzeuge ermöglichen außerdem eine vorausschauende Wartung und eine direkte Kundenansprache – ein wichtiger Baustein für langfristige Kundenbindung. Der neue Aftersales-Award wird viele dieser Strategien sichtbarer machen.
asp: Gibt es Bereiche, in denen der markengebundene Aftersales weiterhin Vorteile gegenüber dem freien Markt hat?
I. Labbé: Ja. Mit der zunehmenden Komplexität moderner Fahrzeuge wachsen die Vorteile der Hersteller insbesondere im Flotten- und Leasinggeschäft. Digitale Flottenmanagementsysteme, die direkte Herstelleranbindung und eine dokumentierte Servicehistorie sichern Restwerte und schaffen Vertrauen. Gerade bei Elektrofahrzeugen bieten die Herstellernetze Sicherheit bei komplexen Hochvolt-, Software- und Diagnosethemen.
asp: Welche Hebel hat der markengebundene Aftersales, die dem freien Markt fehlen?
I. Labbé: Der wichtigste Vorteil ist der direkte Kundenkontakt ab dem Fahrzeugkauf bei Neu- und Gebrauchtwagen. Garantie- und Wartungsverträge schaffen eine langfristige Bindung an das Servicenetz. Hinzu kommen Fahrzeugdaten, die vorausschauende Wartung und personalisierte Serviceangebote ermöglichen. Mit dem Software Defined Vehicle gewinnen zudem Software-Updates, digitale Dienste und die Integration neuer Fahrzeugfunktionen weiter an Bedeutung. Kundenkontakte entstehen digital direkt auf das Display im Fahrzeug und in der App. Auch bei Fahrerassistenzsystemen, Garantie- und Kulanzarbeiten sowie vernetzten Fahrzeugen verfügt der Markenservice über klare Stärken.
asp: Thema Teilecodierung: Ist das ein wirksamer Hebel, um bestimmte Schnittstellen erfolgreich zu besetzen?
I. Labbé: Die Teilecodierung dient der eindeutigen Identifikation von Ersatzteilen und ist damit eine wichtige Grundlage für Qualität, Sicherheit und effiziente Reparaturen. Sie verbindet Fahrzeug, Diagnose und Service. Gleichzeitig stellt der neue Rechtsrahmen sicher, dass unabhängige Werkstätten Zugang zu den erforderlichen Informationen erhalten – unter Wahrung hoher Qualitäts- und Sicherheitsstandards.
TÜV Mobility Studie 2026: Alle Ergebnisse auf einen Blick
asp: Der Anhang X zur Typgenehmigungsverordnung sichert dem IAM weitgehende Zugriffsrechte auf Daten. Wie beurteilen Sie das?
I. Labbé: Der überarbeitete Anhang X schafft mehr Rechtssicherheit und Transparenz beim Zugang zu Reparatur- und Wartungsinformationen sowie OBD-Daten. Gleichzeitig müssen Cybersicherheit, Fahrzeugsicherheit und der Schutz geistigen Eigentums gewährleistet bleiben. Deshalb müssen Zugangsrechte stets mit klaren Authentifizierungs- und Sicherheitsanforderungen verbunden sein.
asp: Kann mit diesen Vorgaben die Sicherheit vor Manipulationen gewährleistet werden?
I. Labbé: Die neuen Regelungen sind ein wichtiger Schritt, garantieren aber keinen vollständigen Schutz vor Manipulationen. Moderne Fahrzeuge sind hochvernetzte Systeme. Mit jedem zusätzlichen Datenzugang steigen auch die Anforderungen an die Cybersicherheit. Entscheidend ist deshalb, dass alle Marktteilnehmer denselben hohen Sicherheits- und Authentifizierungsstandards unterliegen.
asp: Versicherer monieren die stark gestiegenen OE-Teilepreise. Haben es die Hersteller überspannt?
I. Labbé: Diese Betrachtung greift zu kurz. Originalteile stehen für Qualität, Sicherheit, Passgenauigkeit und langfristige Verfügbarkeit. Gleichzeitig sind die Kosten für Material, Energie, Logistik, Regulierung und technologische Entwicklung erheblich gestiegen. Das Ersatzteilgeschäft finanziert zudem die langfristige Teileversorgung sowie Investitionen in neue Technologien und Serviceangebote. Preisentwicklungen müssen deshalb im Gesamtkontext bewertet werden.
asp: Andererseits gibt es Bestrebungen der OE, das Geschäft mit Gebrauchtteilen in Eigenregie voranzutreiben. Welchen Stellenwert hat es?
I. Labbé: Das Geschäft mit Gebrauchtteilen wird in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen. Es leistet einen wichtigen Beitrag zu Ressourcenschonung, CO₂-Reduzierung und Kreislaufwirtschaft – Ziele, die auch die Automobilhersteller verfolgen. Sie verfügen über das notwendige Know-how, um gebrauchte Komponenten fachgerecht zu prüfen, aufzubereiten und ihre Qualität sicherzustellen. Gerade bei sicherheits- oder softwarerelevanten Bauteilen ist das ein entscheidender Vorteil. Stellantis, Renault und Toyota sind hier Vorreiter, weitere Marken werden folgen. Austauschteile spielen bei fast allen Herstellern schon lange eine bedeutende Rolle.
asp: Was sind die Treiber dafür?
I. Labbé: Der Trend zu Gebraucht- und Austauschteilen wird durch mehrere Faktoren beschleunigt: Nachhaltigkeit, steigende Reparaturkosten, längere Fahrzeugnutzung und neue Vorgaben zur Kreislaufwirtschaft. Gleichzeitig ermöglichen Digitalisierung und moderne Prüfverfahren, gebrauchte Teile in einer Qualität anzubieten, die für viele Anwendungen eine attraktive Alternative zu Neuteilen darstellt.
asp: Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Road to Automechanika“ wurden einige spannende Themen aufgegriffen. Welches Fazit ziehen Sie nach der Tournee?
I. Labbé: Die „Road to Automechanika“ hat gezeigt: Der Aftermarket steht vor einem grundlegenden Wandel. Die Herausforderungen sind groß, aber auch die Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Genau diesen Dialog braucht die Branche – und genau dafür steht der VDIK.
asp: Soll das Format fortgeführt werden?
I. Labbé: Gemeinsam mit der Automechanika möchten wir das Format fortführen und weiterentwickeln. Die sehr positive Resonanz zeigt den Bedarf an einem kontinuierlichen Austausch über die Zukunft des markengebundenen Aftersales. Unser Ziel ist es, das Format mit der Automechanika als langfristiges Forum zu etablieren.