Ist die europäische Automobilindustrie schon abgehängt und wurde die Zukunft verschlafen, die nun von US-amerikanischen und chinesischen Tech-Firmen gestaltet wird? Wie sieht individuelle Mobilität künftig aus und wo stehen wir beim autonomen Fahren? Darüber diskutierten Branchenexperten zusammen mit VDIK-Präsidentin Imelda Labbé beim Fachdialog "Future of Mobility" in der Berliner Dependance des Verbandes der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VDIK). Der Fachdialog ist Teil der Veranstaltungsreihe "Road to Automechanika", die vom VDIK zusammen mit der Messe Frankfurt veranstaltet wird.
Prof. Andreas Hermann, Director des Institute of Future Mobility der University St. Gallen, beleuchtete in seinem Impulsvortrag das Rollenverständnis von BigTech-Companies wie Google oder Amazon auf der einen und der klassischen Automobilindustrie auf der anderen Seite: "Große Technologieunternehmen wollen keine Autos bauen, sondern besetzen Schnittstellen, Rechnerinfrastruktur und Datenauswertung", erklärte Hermann die Herangehensweise der Player aus dem Silicon Valley.
Im Zeitalter softwaredefinierter Fahrzeuge (SDV) komme es auf ganz neue Qualitäten an, die diese Unternehmen perfekt beherrschten. Der Experte sieht dabei eine Gefahr: "In den digitalen Märkten sehen wir oft eine Winner-takes-it-all-Mentalität. Die Anzahl der Betriebssysteme in den Fahrzeugen wird begrenzt sein", prophezeit Hermann. Deutsche Hersteller stünden jetzt vor der Herausforderung, ihre Rolle zu finden.
Autonomes Fahren: Politik als "Moderator"
Anita Geissler, Referentin für Autonomes Fahren beim Bundesministerium für Verkehr, erklärte, welche Rahmenbedingungen die Politik im Bereich autonomes Fahren geschaffen hat und wie das Thema politisch weiterentwickelt werden kann. Die technische Entwicklung und Innovationskraft liege dabei klar bei der Industrie: "Die Politik kann nur den Rahmen schaffen. Wir verstehen uns als Moderator in dem Prozess, wir können nicht 200 Milliarden in einen Topf kippen."
Dabei ermutigte sie die Industrie, hier mutiger als bisher voranzugehen, um in die praktische Anwendung zu kommen. Geissler: "Ich höre immer als Erstes die Frage, wer bei einem Unfall haftet. Man kann aber erst Produkte entwickeln, wenn man in der Praxis ist. Man muss irgendwann auch sagen: Wir wagen es jetzt."
Nationale Rechtsgrundlagen und Förderrichtlinien für autonomes und vernetztes Fahren seien in den letzten Jahren geschaffen worden. Die nächsten Schritte müssten jetzt die Technikbewertung, die Weiterentwicklung des Rechtsrahmens sowie die praktische Erprobung umfassen. Wichtig sei die Schaffung grenzüberschreitender Testfelder in Europa sowie Modellregionen.
Was in Sachen Künstliche Intelligenz (KI) auf die Welt zukommt, erklärte der KI- und Softwareexperte Max van Kleek, der sich als Professor an der Universität Oxford mit der Thematik auseinandersetzt. "Wir stehen erst ganz am Anfang der Möglichkeiten von KI, die Entwicklung von neuen und leistungsstärkeren KI-Modellen wird rasant voranschreiten", glaubt der Fachmann. Ihn verwundere, dass KI oft immer noch negativ wahrgenommen werde, obwohl sie in vielen Bereichen wie Werbung, Softwareentwicklung und Mobilität bereits stark integriert sei. "Die Technologie befindet sich an einem Wendepunkt, 70 Jahre nach den ersten Überlegungen zu KI", so van Kleek.
KI sorgt für Welle von neuen Firmen in USA
Wie die technische Entwicklung in das Entstehen neuer Firmen und in ganz neue Geschäftsmodelle übersetzt werden kann, machte Matthias Kempf, Managing Partner bei Leap4, deutlich. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Venture Capital und Start-ups. Im Vergleich zu Europa sei die Gründerszene in den USA deutlich erfolgreicher, vor allem auch, was die Finanzierung durch Wagniskapital betrifft. Derzeit komme es zu einer Welle von Neugründungen im Bereich KI. "Wir haben in nur vier Wochen rund 380 neue Firmen identifiziert, die KI-Produkte entwickeln." Kempf: "Wir haben in Europa viel Potenzial an Know-how und starke universitäre Wissensträger. Aber es fehlt hier oft die Lust am Gründen – ganz anders als in den USA."
Heute hat man mit sprachbasierten Modellen wie ChatGPT bereits Systeme, die Aufgaben selbstständig lösen können. Man werde aber bald über noch leistungsfähigere Modelle verfügen, die ein wirkliches Verständnis von physikalischen Prozessen haben und physikalische Probleme selbstständig berechnen könnten. Dies werde unter anderem die Entwicklung von Maschinen und technischen Produkten revolutionieren – nicht zuletzt in der Automobilindustrie.
Die an den Fachdialog anschließende Abendveranstaltung gehörte der Politik. Als Gäste nahmen Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) und die Berliner Senatorin für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt, Ute Bonde (CDU), teil. Beim Berliner Abend des VDIK treffen sich traditionell Vertreter der Automobilwirtschaft, Akteure der Wirtschafts- und Verkehrspolitik sowie Journalisten der Wirtschaftsmedien.