Designstudie "Interaction Ease": Warum BMW-Fans jetzt tapfer sein müssen

Die Designstudie ohne Außendesign lässt in Sachen Elektronikangebot keine Wünsche offen.
© Foto: BMW

Obwohl sich in Las Vegas Jahr für Jahr auch die Autoindustrie trifft, ist die CES wahrlich keine PS-Messe. Dennoch wäre es ja möglich gewesen, dass die Neuheit, die BMW hier vorstellte, wie ein Auto ausgesehen hätte. Hat sie aber nicht.

Von Stefan Anker/SP-X

"BMW i Interaction Ease" heißt das Ding, das mehr an eine Sitzkiste erinnert, also das 1:1-Modell, mit dem Designer den Innenraum eines neuen Fahrzeugs darstellen. "Bewusst abstrakt" habe man das Äußere dieser Studie gehalten, heißt es bei BMW, der i Interaction Ease hat denn auch nichts mit dem zu tun, wofür BMW-Fans typischerweise ihre Marke so schätzen: Design, Fahrdynamik, Fahrleistungen. Vielmehr zeigt die Studie, wie in wenigen Jahren auch BMW-Fahrer möglicherweise durch die Städte rollen: autonom und vollständig vernetzt mit ihrer Umgebung.

Immerhin, das machen sie bei BMW so konsequent, wie sie sonst die "Freude am Fahren" in ihre Autos hineinkonstruieren. Die Designstudie ohne Außendesign lässt in Sachen Elektronikangebot keine Wünsche offen. Da wird die komplette Windschutzscheibe zu einem gigantischen Head-up-Display, auf das sich Schicht für Schicht neue Informationen legen können. Wann welche Dinge angezeigt werden, bestimmt dabei nicht nur die Stimme oder eine bestimmte Geste des Fahrers, sondern nun auch sein Auge. Fällt etwa der Blick auf das Schild eines Cafés am Straßenrand, so zeigt sich auf der Frontscheibe gleich, wie das Geschäft heißt, und wie viele Bewertungssterne es von anderen Menschen bekommen hat. Wenn das alles zuverlässig funktioniert, sind der Kreativität der Ingenieure und Designer für das  Anbieten weiterer Informationen kaum Grenzen gesetzt.

"Wir sind zum siebten Mal bei der CES, und es war immer unser Ziel, die Besucher zu überraschen", sagt Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich. Das ist mit der intelligenten Sitzkiste gelungen – auch und vor allem auf den zweiten Blick. Denn um  so eine Studie Wirklichkeit werden zu lassen, muss man ebenfalls das vollständig autonome Fahren anbieten können. In dem Werbefilm, den BMW auf der Messe zeigt, ist das schon gelungen, die Fahrerin des i Interaction Ease sieht während der Fahrt nicht immer nur auf Straße und Cafés, sondern es läuft auch ein Video auf der Windschutzscheibe. (Ganz nebenbei: Der Film zeigt die kalifornische Insel Catalina, so wie es aktuelle Apple-Computer tun.) Zudem lassen sich die Scheiben per Handgeste verdunkeln, und der Fahrersitz kann in eine Beinahe-Liegeposition gebracht werden.


BMW i Interaction Ease

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Dieser Liegesitz ist sogar schon in der Entwicklung, als Beifahrerplatz für große Autos à la BMW X7. Drei seiner Mega-SUV hat BMW schon mit Sitzprototypen ausgestattet und verspricht einzelnen Messebesuchern ein Erlebnis der "Schwerelosigkeit": ZeroG Lounger heißt der Sitz, den man um 40 bis 60 Grad nach hinten neigen kann, was man sonst wohl nur beim Zahnarzt erlebt. Zu kaufen gibt es den ZeroG Lounger allerdings erst dann, wenn die Ingenieure sichergestellt haben, dass es auch in der Serienversion keine Einbußen bei der Crashsicherheit gibt.

Von den elektronischen Möglichkeiten des i Interaction Ease werden laut Fröhlich einige schon im 2021 erscheinenden BMW iNext verfügbar sein. Dieses elektrisch angetriebene Pendant eines BMW X5 wird das neue Elektro-Flaggschiff des Autoherstellers, das unter anderem autonomes Fahren auf Level 3 anbietet – der Fahrer kann sich hier über längere Zeit aus dem Führen seines Autos ausklinken, darf das Steuer auch loslassen, muss es aber auf Aufforderung binnen Sekunden wieder übernehmen können. E-Mails checken während der Fahrt ist also okay, schlafen dagegen nicht. Level-3-Autonomie ist allerdings derzeit noch nicht zugelassen.

Unbedingte Voraussetzung für alle weiteren Schritte in Richtung kompletter Autonomie (Level 5) wie im i Interaction Ease, der folgerichtig weder Lenkrad noch Pedale hat, ist das flächendeckende Angebot eines 5G-Mobilfunknetzes. Hier kommt BMWs langjähriger Technikpartner Harman ins Spiel, seit drei Jahren unter dem Dach des koreanischen Elektronikriesen Samsung zu Hause. Von hier werden die 5G-Chips für den iNext zugeliefert, und laut Young Sohn, dem Harman-Vorstandsvorsitzenden, der gleichzeitig Samsung-Strategievorstand ist, werde der iNext "wahrscheinlich das erste Serienauto mit 5G-Fähigkeiten sein".

5G-Mobilfunkstandard ist wichtige Voraussetzung 

Nur mit dem 5G-Mobilfunkstandard ist die Vernetzung der Autos mit anderen Verkehrsteilnehmern und der Infrastruktur quasi in Echtzeit möglich. "Es ist einfach alles zehnmal schneller als mit dem heutigen 4G-Standard", sagt Young Sohn. "Was im 4G-Netz zehn Millisekunden dauert, dauert mit 5G nur noch eine Millisekunde." Außerdem könne das 5G-Netz viel mehr Geräte, also auch Autos, gleichzeitig ertragen. "In den Innenstädten von London oder New York kann einen das 4G-Netz auch mal rauswerfen", sagt Sohn, und das wäre für eine Level-5-Autonomie ein Worst-Case-Szenario. Ein funktionierendes 5G-Netz verkrafte aber pro Quadratkilometer eine Million Mobilfunkgeräte – so hätten vollautonome Fahrer nur noch den Stromausfall zu fürchten.

Ach ja: Der BMW-Slogan heißt ja eigentlich "Freude am Fahren". Doch wenn es darum nicht geht, muss man an den Messestand etwas anderes schreiben, in Las Vegas steht da: "Change your Perception" – ändere dein Verständnis, deine Vorstellung, deine Auffassung, je nach Übersetzungsvorliebe. In jedem Fall müssen BMW-Fahrer ganz tapfer sein, zumindest aber offen für Neues. Klaus Fröhlichs Trost-Botschaft an die Fans: "Der iNext wird das coolste Auto auf der Straße sein, mit Fahrleistungen auf dem Level heutiger M-Fahrzeuge." Die Level-3-Autonomie werde "mit Geschwindigkeiten bis 80 Meilen pro Stunde" funktionieren. Das deckt nahezu alles ab, was Amerikaner im Alltag fahren, und es entspricht ungefähr der deutschen Autobahn-Richtgeschwindigkeit von 130 km/h. Es gibt aber auch einen Hinweis darauf, wie rasant die Elektronik des iNext Entscheidungen treffen muss. Freude am Rechnen, könnte man wohl sagen.

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