In vielen freien Werkstätten sind Elektrofahrzeuge längst keine Ausnahme mehr. Besonders Tesla-Modelle tauchen zunehmend auf den Hebebühnen der Betriebe auf. Doch mit der steigenden Zahl an Fahrzeugen wachsen auch die Anforderungen an Diagnose, Reparatur und Hochvolt-Kompetenz.
Wie sich freie Werkstätten darauf vorbereiten können, zeigte ein mehrtägiger Workshop in der Nürnberger Spezialwerkstatt "Nik’s Garage". Die Schulungen bilden den Einstieg in das "Nik’s Garage Concept", mit dem freie Werkstätten nach weiteren Trainings dauerhaft Zugang zu technischem Support, Erfahrungsaustausch und zentralem Service erhalten sollen. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Ersatzteilhersteller Meyle.
Rund zwölf Teilnehmer aus unterschiedlichen Kfz-Betrieben deutschlandweit lauschten den Ausführungen von Niklas Persch, Inhaber von Nik’s Garage, und Sascha Illg, Technischer Trainer bei Meyle. Gleich am ersten Tag standen neben Theorie auch praktische Übungen auf dem Programm, darunter ein Fahrwerk-Check an einem Tesla Model S sowie das Herstellen der Spannungsfreiheit.
Bereits seit 2017 im Tesla-Geschäft
Während viele Werkstätten noch überlegen, wie sie sich dem Thema Elektromobilität nähern sollen, sieht Niklas Persch die Entwicklung deutlich pragmatischer: "Das Model Y von Tesla gehört zu den meistverkauften Elektrofahrzeugen Europas. Da macht es nur Sinn, sich mit der Technik auseinanderzusetzen und Wissen aufzubauen."
Sowohl Meyle als auch Nik’s Garage beschäftigen sich bereits seit 2017 intensiv mit Tesla-Fahrzeugen. Persch arbeitete vor seiner Selbstständigkeit unter anderem als Servicetechniker und technischer Ausbilder bei Tesla. Heute hat sich sein Betrieb auf die Marke spezialisiert und vermittelt dieses Wissen auch an Kollegen aus dem freien Markt.
Auch Meyle begleitet den freien Ersatzteilemarkt seit vielen Jahren auf seinem Wandel hin zur Elektromobilität. Im Fokus stehen dabei nicht nur neue Ersatzteile, sondern auch die Unterstützung freier Werkstätten durch Schulungen und Know-how, um diese auf die Anforderungen der E-Mobilität vorzubereiten.
Im Workshop wurde schnell deutlich, dass viele Teilnehmer zwar bereits über Hochvolt-Qualifikationen verfügen, im Alltag jedoch noch vergleichsweise wenig Berührungspunkte mit Tesla-Fahrzeugen haben. Gleichzeitig steigt die Nachfrage von Kunden, weil die Wege zum nächsten Tesla-Service-Center oft weit sind oder Fahrzeughalter bewusst Alternativen suchen.
"Viele Werkstätten haben die Hochvolt-Ausbildung gemacht, fühlen sich aber bei konkreten Fahrzeugen noch unsicher", erläutert Persch. Ziel des Trainings sei deshalb nicht nur die Vermittlung von Theorie, sondern vor allem der sichere Umgang mit den Fahrzeugen in der Praxis.
Komplexe Reparaturfälle
Komplexe Reparaturfälle können zudem gemeinsam mit der technischen Hotline von Nik’s Garage bewertet werden. Dieser Service steht bislang nur Partnerbetrieben bei anspruchsvollen Diagnose- und Reparaturaufgaben zur Verfügung, soll aber künftig weiter ausgebaut werden.
Ein zentraler Baustein des Workshops war der Zugang zu technischen Informationen. Anders als viele Hersteller stellt Tesla einen großen Teil seiner Reparatur- und Serviceinformationen frei über das Herstellerportal zur Verfügung. Dort finden Werkstätten Reparaturanleitungen, Schaltpläne, Wartungsvorgaben und technische Servicedokumente.
Besonders hilfreich ist, dass sich viele Reparaturen Schritt für Schritt nachvollziehen lassen. Neben klassischen Arbeitsanweisungen liefert das Portal auch Arbeitswerte, Drehmomente und detaillierte Informationen zur Fahrzeugkonfiguration. Für freie Werkstätten bedeutet das deutlich niedrigere Einstiegshürden.
Auch der Teilekatalog ist integriert. Nach einer Registrierung können Werkstätten Originalteile direkt bestellen und erhalten Angaben zu Verfügbarkeit, Arbeitspositionen und Fahrzeugvarianten. Gerade bei Tesla, wo sich Ausstattungen und Hardwaregenerationen häufig unterscheiden, ist die eindeutige Zuordnung anhand der Fahrgestellnummer entscheidend.
Tesla-Diagnoseplattform "Toolbox"
Ein weiterer Schwerpunkt des Workshops war die Tesla-Diagnoseplattform "Toolbox". Sie ermöglicht nicht nur die klassische Fahrzeugdiagnose per Kabelverbindung, sondern auch die Fernanalyse über das Internet. Mit Zustimmung des Fahrzeughalters kann eine Werkstatt zahlreiche Fahrzeugdaten abrufen, Fehlermeldungen analysieren und erste Diagnosen durchführen, noch bevor das Fahrzeug den Betrieb erreicht.
Fahrzeugzustand, Batteriedaten, Softwarestand oder aktive Fehlermeldungen lassen sich bereits im Vorfeld auswerten. Dadurch kann die Werkstatt den Reparaturumfang oft besser einschätzen und notwendige Ersatzteile frühzeitig bestellen.
Besonders interessant wurde es beim Thema Batteriereparatur. Niklas Persch berichtete von seinen Erfahrungen auf diesem Gebiet. Sein Betrieb gehörte nach eigenen Angaben zu den ersten Werkstätten im deutschsprachigen Raum, die Hochvoltbatterien von Tesla instandgesetzt haben. Mittlerweile bewertet er dieses Geschäftsfeld jedoch deutlich kritischer.
Unterschiedliche Alterungszustände und Kapazitätswerte
Der Austausch einzelner Module oder Zellen sei zwar grundsätzlich möglich, doch unterschiedliche Alterungszustände und Kapazitätswerte könnten langfristig neue Probleme verursachen. "Wir haben einige Batterien erfolgreich repariert. Aber die Rückkehrquote liegt bei über 50 Prozent. Nach ein oder zwei Jahren kommt oft der nächste Fehler", erklärt Persch.
Für die meisten freien Werkstätten sieht er deshalb größere Chancen in Wartung, Fahrwerksreparaturen, Diagnosearbeiten und Hochvolt-Serviceleistungen als in der Batteriereparatur.
Weil immer mehr Tesla-Fahrzeuge im unabhängigen Reparaturmarkt ankommen, hat Meyle in den vergangenen Jahren sein Angebot speziell für diese Marke ausgebaut. Schwerpunkt sind Fahrwerks- und Lenkungskomponenten für die Baureihen Model 3, Model S, Model Y und Model X.
Die Partnerschaft mit Nik’s Garage entstand aus gemeinsamen Projekten rund um Fahrwerkslösungen und den Aufbau von Werkstattkompetenz im freien Markt. Der Hamburger Hersteller lässt Erfahrungen aus dem täglichen Werkstattbetrieb direkt in die Weiterentwicklung neuer Produkte einfließen. Gleichzeitig werden die gemeinsam gewonnenen Erkenntnisse über das Nik’s Garage Concept an ein wachsendes Netzwerk spezialisierter Werkstätten weitergegeben.