Mahle: Wissen ist Trumpf

05.10.2026 08:20 Uhr | Lesezeit: 2 min
Mahle
Philipp Grosse Kleimann ist auch Mitglied der Mahle-Konzernleitung.
©Foto: Mahle

Mahle will freie Werkstätten stärker in den Mittelpunkt rücken. Philipp Grosse Kleimann, Leiter des Geschäftsbereichs Lifecycle and Mobility, erklärt, warum Diagnose, technische Informationen und Wissenstransfer an Bedeutung gewinnen.

asp: Herr Grosse Kleimann, Mahle hat auf dem Media Tech Day in Stuttgart mehrere neue Lösungen für den Werkstattbereich vorgestellt. Welche Rolle spielt der Aftermarket heute im Konzern?

P. Grosse Kleimann: Das Ersatzteil- und Servicegeschäft für freie Werkstätten ist eine wichtige Säule für Mahle. Wir haben in diesem Bereich zuletzt mehr als 1,2 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet und sind mit über 2.000 Beschäftigten in 28 Ländern präsent. Unser Ziel ist es, freie Werkstätten stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Die Kfz-Betriebe brauchen fundiertes Wissen, passende Diagnoselösungen und die richtigen Ersatzteile. Das Fahrzeug soll möglichst beim ersten Werkstattbesuch vollständig repariert werden. So sichern wir Mobilität.

KurzfassungMahle bietet Werkstätten künftig Ferndiagnose auf OE-Niveau und ein neues Werkstattportal mit technischem Wissen, KI-Support und Trainings an. Kfz-Betriebe sollen damit fit für die Zukunft werden.

asp: Wie möchte Mahle freie Werkstätten unterstützen?

P. Grosse Kleimann: Wir wollen noch besser verstehen, wie Werkstätten arbeiten, welche Informationen ihnen fehlen und welche technischen Herausforderungen sie im Alltag haben. Aus diesem Gedanken heraus sind auch unsere "Mahle Workshop Heroes" entstanden. Diese Denkschule soll uns helfen, die Sicht der Menschen einzunehmen, die täglich in Werkstätten arbeiten, also Mechaniker, Serviceberater und Werkstattbetreiber.

asp: Was sind aus ihrer Sicht die größten Herausforderungen?

P. Grosse Kleimann: Fahrzeuge werden komplexer, Software und Konnektivität werden wichtiger, und elektrifizierte Antriebe bringen zusätzliche Anforderungen mit sich. Die Werkstatt entwickelt sich vom klassischen Reparaturbetrieb immer stärker zum digitalen Servicezentrum. Bis 2030 werden wir in Europa, im Nahen Osten und in Afrika schätzungsweise 88 Millionen batterieelektrische und Hybridfahrzeuge haben, was 18 Prozent des gesamten Fahrzeugbestandes entspricht. Mahle positioniert sich hier als Full-Service-Provider für die freien Werkstätten - nicht nur als Anbieter von Produkten, sondern als Lösungsanbieter für Diagnose, Service, Werkstattausrüstung und Qualifizierung. Wir wollen freie Werkstätten in die Lage versetzen, auch bei einer hohen Veränderungsgeschwindigkeit wirtschaftlich erfolgreich und technisch wettbewerbsfähig zu bleiben. Unser Rat lautet: Nicht auf die Mobilität von morgen warten, sondern die Weichen bereits heute stellen. Wer kontinuierlich in Wissen, Prozesse und Technologie investiert, wird auch in einem dynamischen Marktumfeld erfolgreich sein.

asp: Wie können freie Werkstätten diesen Investitions- und Qualifizierungsdruck bewältigen?

P. Grosse Kleimann: Investitionen müssen sich wirtschaftlich darstellen lassen. Deshalb sind skalierbare Lösungen gefragt, mit denen Werkstätten ihr Leistungsportfolio Schritt für Schritt erweitern können. Wir bieten gemeinsam mit ausgewählten Finanzierungspartnern den Werkstätten flexible Finanzierungs- und Leasinglösungen für unser gesamtes Service-Solutions-Portfolio an. Unsere vorkonfigurierten Leasingpakete sind ein Beispiel. Hier bündeln wir Geräte, Software sowie passende Serviceleistungen für zentrale Werkstattanwendungen zu einer attraktiven Gesamtlösung. Darüber hinaus unterstützen wir unsere Handelspartner mit passenden Finanzierungsmöglichkeiten, die den Verkaufsprozess vereinfachen. Aktuell sind diese Angebote bereits in Deutschland und Italien verfügbar. Schritt für Schritt werden wir sie auch auf weitere europäische Märkte ausdehnen.

asp: Welche Kompetenzen werden künftig für Werkstätten unverzichtbar sein?

P. Grosse Kleimann: Aus unserer Sicht werden Werkstätten künftig neben dem klassischen Verbrenner-Geschäft vor allem in drei Bereichen Kompetenzen aufbauen müssen: Fahrzeugdiagnose und Software, Thermomanagement sowie Elektromobilität inklusive Hochvolt- und Batteriesysteme. Wir gehen von einem hybriden Marktmodell aus. Grundlegende Hochvolt-Kompetenzen werden für viele Werkstätten zum Standard werden, während sich andere Betriebe gezielt auf anspruchsvollere Batterie- und Elektromobilitätsservices spezialisieren werden.

asp: Welchen Stellenwert nimmt die Fahrzeugdiagnose ein?

P. Grosse Kleimann: Die Fahrzeugdiagnose wird weiter an Bedeutung gewinnen - unabhängig von der Antriebsart. Moderne Fahrzeuge sind zunehmend softwaregesteuert, wodurch Datenanalyse und Diagnosekompetenz zu zentralen Erfolgsfaktoren werden. Allerdings helfen selbst die besten Daten wenig, wenn die Zusammenhänge zwischen Thermomanagement, Energiespeicherung, Elektronik, Software und mechanischen Komponenten nicht verstanden werden.

"Die Fahrzeugdiagnose wird unabhängig von der Antriebsart an Bedeutung gewinnen." Philipp Grosse Kleimann, Mahle

asp: Was muss aus ihrer Sicht ein Diagnose­tool heutzutage leisten können?

P. Grosse Kleimann: Diagnosetools müssen heute deutlich mehr leisten als das reine Auslesen von Fehlercodes. Sie müssen in der Lage sein, die gewonnenen Informationen in konkrete Reparaturprozesse zu übersetzen und daraus klare, praxisnahe Handlungsempfehlungen abzuleiten. Genau dafür ist ein umfassender Zugang zu Fahrzeugdaten die Grundlage: Erst wenn die relevanten Informationen schnell und vollständig verfügbar sind, können Werkstätten Diagnose- und Reparaturprozesse effizient gestalten und die steigende Komplexität moderner Fahrzeuge bewältigen.

asp: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Thema Ferndiagnose?

P. Grosse Kleimann: Die Ferndiagnose wird für freie Werkstätten zunehmend zum Schlüsselfaktor für effiziente Prozesse und Komfort für den Fahrer. Mit "RemotePRO Air" haben wir die erste Lösung auf den Markt gebracht, die Freien Werkstätten den Zugriff auf die Datenschnittstellen vernetzter Fahrzeuge ermöglicht und sie damit auf Augenhöhe mit OEM-Werkstätten bringt. Dadurch können sie die Möglichkeiten der Ferndiagnose voll ausschöpfen, indem sie den Datentransfer nutzen, der bisher OEM-Werkstätten vorbehalten war. So lassen sich Probleme frühzeitig erkennen, Reparaturen gezielt vorbereiten und Werkstattabläufe effizienter planen. Das verkürzt Diagnose- und Reparaturzeiten und verbessert die Kundenberatung. Wir sind überzeugt, dass die Ferndiagnose künftig ein fester Bestandteil moderner Service- und Reparaturprozesse sein wird. Dennoch wird der Erfolg nicht allein vom Datenzugang abhängen. Entscheidend ist die Kombination aus Daten, Diagnosekompetenz und vor allem qualifizierten Mitarbeitern.

asp: Wie kann eine Werkstatt zukünftig erfolgreich sein?

P. Grosse Kleimann: Der entscheidende Unterschied wird darin liegen, wie Werkstätten die verfügbaren Informationen nutzen. Moderne Fahrzeuge vereinen Thermomanagement, Elektronik, Software und Mechanik. Diese Zusammenhänge zu verstehen und daraus die richtigen Schlüsse für Diagnose, Wartung und Reparatur zu ziehen, bleibt die eigentliche Kernkompetenz. Deshalb investieren wir gezielt in Wissensvermittlung. Mit dem neuen Mahle Werkstattportal schaffen wir eine zentrale Plattform, die technisches Wissen, Trainingsangebote, Reparaturlösungen und persönlichen Support an einem Ort bündelt. Herzstück ist ein integrierter technischer Support mit KI-gestützten Funktionen und direktem Zugang zu Expertenwissen für Diagnose- und Reparaturfragen. Ergänzt wird das Angebot durch eine umfangreiche Wissensdatenbank und Schulungsangebote, die Werkstätten dabei unterstützen, neue Fahrzeugtechnologien sicher zu beherrschen. Am Ende schaffen nicht die Daten allein den Mehrwert, sondern die Kompetenz der Menschen, daraus die richtigen Entscheidungen abzuleiten.


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