Werkstätten im Wandel: So unterstützt Mahle bei der Transformation

22.07.2026 09:30 Uhr | Lesezeit: 4 min
Mahle
(v.l.n.r.): Marco Warth, Leiter der Konzernforschung und Vorentwicklung, Arnd Franz, Vorsitzender der Mahle-Konzern-Geschäftsführung und CEO sowie Philipp Grosse Kleimann, Mitglied der Mahle-Konzernleitung und Leiter des Geschäftsbereichs Lifecycle and Mobility.
© Foto: Alexander Junk / asp

Beim Media Tech Day in Stuttgart stellte Mahle einen Range Extender für Nutzfahrzeuge vor. Der Zulieferer entwickelt zudem im Pkw-Bereich für freie Werkstätten ein umfassendes Ökosystem aus Ersatzteilen, Diagnostik, Know-how und Betriebsausrüstung.

Mahle will freie Werkstätten stärker bei der Transformation zur vernetzten und elektrifizierten Mobilität unterstützen. Dafür entwickelt die Sparte "Lifecycle and Mobility" ein ganzheitliches Ökosystem, das Ersatzteile, Diagnostik, Werkstattausrüstung und Fachwissen miteinander verknüpft. Für Mahle ist das Ersatzteil- und Servicegeschäft mittlerweile eine wichtige Säule des Konzerns. Im Jahr 2025 erwirtschaftete der Bereich nach Angaben des Unternehmens mehr als 1,2 Milliarden Euro Umsatz. Weltweit sind über 2.000 Mitarbeiter in 28 Ländern für das Geschäftsfeld tätig

Im Mittelpunkt steht ein neues cloudbasiertes Werkstattportal, das auf der Automechanika 2026 in Frankfurt erstmals vorgestellt wird. Philipp Grosse Kleimann, Mitglied der Mahle-Konzernleitung und Leiter des Geschäftsbereichs Lifecycle and Mobility, sagte dazu am Dienstag in Stuttgart: „Die Werkstatt der Zukunft wandelt sich von einer Reparaturstätte zum Dienstleistungszentrum für vernetzte, elektrifizierte und zunehmend softwaregesteuerte Mobilität. Mahle gestaltet diesen Wandel aktiv mit". Weiter erklärte der Manager: "Indem wir Mahle Lifecycle and Mobility konsequent vom Teilelieferanten zum Lösungsanbieter weiterentwickeln, schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass freie Werkstätten auch künftig eine starke und unabhängige Rolle im Markt spielen."

Neues Portal bündelt Wissen, Support und Schulungen

Kernelement ist ein neues, kostenfreies Werkstattportal. Die cloudbasierte Plattform soll technische Informationen, Schulungen, Reparaturlösungen und persönlichen Support an einer Stelle zusammenführen. Zum Angebot gehören laut Unternehmen eine Wissensdatenbank, Online-Trainings, Brancheninformationen sowie ein integrierter technischer Support mit KI-gestützten Funktionen und Ticketsystem. Das Portal wird zunächst im Rahmen von Pilotprojekten in Europa und Südamerika getestet. Die Freischaltung für freie Werkstätten in Deutschland ist für die zweite Jahreshälfte geplant.

KI-Unterstützung und Ferndiagnose

Das Portal lässt sich über eine Webseite nutzen, macht aber erst mit dem Einsatz eines Mahle-Diagnosegeräts richtig Sinn. Aus Sicht von Grosse Kleimann ist das die zweite Generation des Diagnosegeräts "TechPro", das mittlerweile zahlreiche asiatische Marken wie Toyota, Hyundai, BYD oder MG unterstützt. Neu sind unter anderem eine KI-gestützte Suchfunktion, die auch ungenaue Eingaben verarbeiten kann, sowie eine erweiterte Ferndiagnosefunktion.

Mit "Remote Pro R" sollen Fahrzeugdaten künftig bereits vor dem Werkstatttermin analysiert werden können. Das ermögliche, Fehlerbilder vorab zu identifizieren und benötigte Ersatzteile rechtzeitig zu bestellen. "Das Fahrzeug kommt erst in die Werkstatt, wenn die Diagnose steht", erläuterte Grosse Kleimann und sprach von einem "echten Gamechanger" für Effizienz und Standzeiten.

Die Werkstatt fährt künftig zum Kunden

Mit dem Konzept "Mobile Repair Service" will der Zulieferer zudem neue Geschäftsmodelle für Werkstätten erschließen. "Warum muss eigentlich der Kunde immer zur Werkstatt kommen? Die Antwort ist einfach: Muss er gar nicht", sagte Grosse Kleimann. Statt das Fahrzeug in die Werkstatt zu bringen, kommen Servicetechniker mit entsprechend ausgestatteten Fahrzeugen direkt zum Kunden, beispielsweise zu Betriebshöfen, Parkplätzen oder auf das Werksgelände. 

Mahle liefert dafür speziell entwickelte Ausrüstungs- und Werkzeugkonzepte, die in neue Servicefahrzeuge oder in bereits vorhandene Fahrzeugflotten der Werkstätten integriert werden können. Sie sind individuell konfigurierbar und passen sich an die spezifischen Anforderungen jeder Werkstatt an. Je nach gewünschtem Leistungsumfang lassen sich verschiedenste Services integrieren, etwa Ölwechsel, Bremsenservice, Inspektionen, Diagnose- und Software-Updates, Starterbatterie- sowie kleinere Elektroreparaturen, Glasreparaturen, Klimaanlagenservice und Hochvolt-Batteriediagnose. Erste Pilotprojekte laufen bereits in Europa.

Unterstützung bei Hochvolt-Batterien

Mit dem neuen "Battery Workshop Support" reagiert Mahle auf die wachsende Bedeutung von Elektrofahrzeugen im Werkstattgeschäft. Das System soll Werkstätten dabei unterstützen, den Zustand von Hochvoltbatterien innerhalb weniger Minuten zu analysieren und Reparaturentscheidungen zu treffen.

Über die CAN-Schnittstelle kommuniziert die Diagnoselösung direkt mit der Batterie und liefert Handlungsempfehlungen, etwa ob eine Reparatur möglich ist, ein Austausch erforderlich wird oder eine Weiterleitung an spezialisierte Zentren sinnvoll ist. Auf Wunsch begleitet Mahle den gesamten Prozess von der Demontage bis zur Dokumentation. Das System ermöglicht die Kommunikation mit Hochvoltbatterien sowohl im eingebauten als auch im ausgebauten Zustand.

Radarprüfung nach Reparaturen

Gemeinsam mit Rohde & Schwarz hat Mahle außerdem als erster Hersteller eine Lösung entwickelt, mit der sich Radarsensoren nach Reparaturen erstmals standardisiert überprüfen lassen. Die Kombination aus dem Kalibriersystem "TechPro Digital ADAS 2.0 Extra" und dem Radar-Tester "RadEsT" soll eine reproduzierbare Prüfung unter realitätsnahen Bedingungen ermöglichen. Nach Angaben des Unternehmens lassen sich die Ergebnisse dokumentieren und nachvollziehen, was zusätzliche Sicherheit bei der Reparatur moderner Fahrerassistenzsysteme schaffen soll.

Mahle und Rohde & Schwarz haben eine Lösung zur Prüfung von ADAS-Sensoren entwickelt.
Mahle und Rohde & Schwarz ermöglichen erstmals die standardisierte Überprüfung von Radarsensoren nach Reparaturen.
© Foto: Mahle

Range Extender für Nutzfahrzeuge

Auch auf den Nutzfahrzeug-Sektor wurde auf dem Media Tech Day großes Augenmerk gelegt: Mahle-CEO Arnd Franz machte deutlich, dass die Transformation des Nutzfahrzeugsektors aus Sicht des Unternehmens nicht mit einer einzigen Technologie bewältigt werden kann. "Die CO₂-Neutralität kann nur erreicht werden, wenn man wirklich alle Hebel zieht", sagte Franz. Dazu zählten batterieelektrische Antriebe ebenso wie Hybridsysteme, Wasserstoff, nachhaltige Kraftstoffe und weiterentwickelte Verbrennungsmotoren. Gerade im Nutzfahrzeugbereich bleibe der Verbrennungsmotor auch langfristig relevant.

Nach Einschätzung von Mahle werden im Jahr 2035 weltweit weiterhin rund 73 Prozent der Nutzfahrzeuge über sechs Tonnen mit Verbrennungsmotor unterwegs sein. Etwa ein Viertel des Marktes werde elektrifiziert sein, überwiegend batterieelektrisch. Franz verwies darauf, dass die Elektrifizierung global sehr unterschiedlich voranschreitet. Während China und Europa bei Pkw und teilweise auch bei Nutzfahrzeugen die stärksten Treiber seien, verlaufe die Entwicklung in vielen anderen Regionen deutlich langsamer. Für Mahle ergibt sich daraus die Notwendigkeit, weltweit unterschiedliche Antriebskonzepte bedienen zu können

Eine Lösung im Antriebs-Mix ist der Wasserstoffverbrennungsmotor. Für den bereits entwickelten MAN hTGX liefert Mahle unter anderem die Kolbenbaugruppe inklusive Zylinderlaufbuchse, sowie weitere Komponenten im Ventiltrieb. Franz sieht im Wasserstoffverbrenner eine wichtige Brückentechnologie: "Wir sind überzeugt, dass der Wasserstoffverbrennungsmotor eigentlich die Eingangstür in die Wasserstoffwirtschaft ist." Darüber hinaus sieht Mahle im Range Extender eine Möglichkeit, den elektrischen Nutzfahrzeughochlauf zu beschleunigen. Ein entsprechendes Produkt wurde von Marco Warth, Leiter der Konzernforschung und Vorentwicklung, vorgestellt.

Der Range Extender ist ein kompaktes Modul aus Verbrennungsmotor, Generator, Thermomanagement, Kraftstoff- und AdBlue-Tank. Herzstück des neuen Systems ist ein effizienter Hochvoltgenerator mit 110 Kilowatt Dauerleistung und bis zu 130 Kilowatt Spitzenleistung, der von einem kompakten Verbrennungsmotor angetrieben wird und für die Ladung des Fahrzeugbatterie zuständig ist. Anders als nachträglich angebaute Zusatzaggregate lässt sich die Einheit laut Warth in den Bauraum integrieren, der sonst für zusätzliche Batteriemodule vorgesehen wäre. Gleichzeitig werde die Hinterachslast reduziert, da das System vor der Hinterachse positioniert ist.

Der Entwickler beschreibt den Range Extender als "intelligentes Notstromaggregat", das nur dann aktiviert wird, wenn zusätzliche Energie benötigt wird. Ziel sei nicht, den Verbrennungsmotor dauerhaft zu betreiben, sondern die Reichweite des batterieelektrischen Fahrzeugs situationsabhängig zu erweitern. Nach Angaben von Mahle ersetzt das System rund ein Drittel der Batteriekapazität eines rein batterieelektrischen Fahrzeugs.

Die dadurch zunächst reduzierte elektrische Reichweite werde durch die zusätzliche Energieversorgung des Range Extenders mehr als ausgeglichen. In der von Warth vorgestellten Konfiguration mit 400 bis 500 kWh Nettobatteriekapazität kann im Fahrzeug rund 400 Kilogramm Achslast an der Hinterachse eingespart werden. Insgesamt kommt ein Range-Extender-BEV-Lkw so auf eine Reichweite von über 800 Kilometer, rund 400 Kilometer leistet die Batterie, die anderen 400 Kilometer der Range Extender. Gleichzeitig könnten gegenüber einem konventionellen Diesel-Lkw mehr als 80 Prozent CO₂ eingespart werden. Beim Einsatz erneuerbarer Kraftstoffe wie HVO100 lasse sich die Bilanz weiter verbessern.


Mahle Media Tech Day 2026 in Stuttgart

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