Vor 70 Jahren revolutionierte Ikea den Möbelversand mit flach verpackten Paketen, eroberten Bullerbü- und Pippi-Langstrumpf-Bücher von Astrid Lindgren auch deutsche Kinderzimmer – und Volvo verblüffte die Autowelt mit einem Fahrzeug, wie es noch keins gab. Der im August 1956 vorgestellte Volvo Amazon machte die schwedische Automarke weltweit zum Synonym für skandinavisches Design, Sicherheit und nachhaltige Langlebigkeit. Anderthalb Jahrzehnte lang verkörperte der Volvo Amazon das Bild zeitlos eleganter und fast unzerstörbar robuster Mittelklasse-Limousinen und Kombis fürs Familienidyll, aber auch als schickes Firmenauto, Taxi oder Einsatzfahrzeug von Polizei und Rettungsdiensten.
In einer Ära, die weltweit von modischer Schnelllebigkeit bestimmt war – Mercedes präsentierte während der Laufzeit des Volvo Amazon drei Generationen seiner mittleren Baureihe, Opel sogar sechs neue Rekord-Modelle – vermittelte der Schwede verlässliche Kontinuität. Verlässlich war dieser Volvo in jeder Hinsicht: Seine berühmten B16- bis B20-Motoren boten das Potenzial zum Kilometer-Millionär, und seine Sicherheitstechnik steht für einen frühen Schritt auf dem Weg zur Vision Zero (Unfalltote).
Denn ab 1959 verfügte der Amazon als erster Viertürer über den lebensrettenden Dreipunkt-Sicherheitsgurt – und Volvo setzte ein damals spektakuläres Zeichen gesamtgesellschaftlicher Verantwortung, indem das Gurt-Patent auch anderen Herstellern zur Nutzung freigegeben wurde. Längst ist der Amazon historisches Kulturgut, aber seine Gene hat er weitergegeben: Heute ist es der vollelektrische EX60, mit dem Volvo die Premium-Mittelklasse aufmischen will.
Macht das Kompakt-SUV Volvo EX60 alles anders?
Auf den flüchtigen Blick macht das Kompakt-SUV Volvo EX60 alles anders, doch bei genauem Hinsehen wird die Abstammung vom Urahnen Volvo Amazon deutlich. Dies visualisiert der 1962 lancierte, schicke Amazon Kombi P220, der mit seiner geteilten Hecktür und einer raffinierten Komfort-Ausstattung mit dem rustikalen Lieferwagen-Charakter damaliger Kombi-Konkurrenten brach und die Basis für stylische Fünftürer legte, so wie sie heute vorwiegend in SUV-Form à la EX60 angesagt sind.
Auch die Eröffnung des Werks Torslanda für den Volvo Amazon im Jahr 1964 als bis dahin größte schwedische Industrieinvestition war ein historischer Meilenstein, ähnlich wie heute der Umbau der Torslanda-Fabrik mit Batteriemontage und Megacasting für den Volvo EX60. Investitionen, die von Politik und schwedischem Königshaus gewürdigt wurden, weil sie in Volvo-Modelle flossen, die jeweils zu ihrer Zeit den wichtigsten Exportgütern des nordischen Landes zählen.
Der nach den Kriegerinnen der griechischen Mythologie benannte Amazon eroberte als erster Volvo alle Kontinente, wurde sogar in Nordamerika, Südafrika, Chile, Malaysia und Belgien gebaut, auch wenn er außerhalb Skandinaviens schlicht Volvo 121, 122 S (ab 1958 mit Zweifachvergaser), 123 GT (sportiver Spitzentyp, ab 1966) oder 221 (Kombi, ab 1962) hieß, weil die Markenschutzrechte dort beim deutschen Zweiradhersteller Kreidler und beim Landmaschinenhersteller Amazone lagen.
70 Jahre Volvo Amazon
Erst 1958 eröffnete Volvo eine Dependenz in Deutschland, und an die ersten Handelspartner zwischen Flensburg und Füssen wurde die Devise ausgegeben „Mit Vollgas auf den Markt“. Wie in Nordamerika sollten die Volvo Amazon – bzw. 121 und 122 S – und der parallel angebotene, betagte Buckel-Volvo PV444/544 am Sonntag Rundstreckensiege erzielen und am Montag Verkaufserfolge einfahren. Eine Strategie, die hierzulande nicht aufging, obwohl die werksseitig unterstützten Wikinger bei Flugplatzrennen den favorisierten Borgward, BMW oder Alfa Romeo kaum eine Chance ließen.
Verkauft wurden die Volvo-Modelle trotzdem nur in homöopathischer Dosis, sie waren schlicht zu teuer. Erst 1965 wurden die Zulassungszahlen vierstellig, denn nun kam der Amazon aus neuem Werk im belgischen Gent und damit zollgünstig aus der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Plötzlich bezahlten deutsche Käufer für einen Amazon nicht mehr als für einen Mercedes oder BMW, und der Slogan „Sicherheit aus Schwedenstahl“ polierte den Volvo mit Premiumglanz.
Sicherheit als Verkaufsargument
Tatsächlich gelang es Volvo als erstem Hersteller, Sicherheit als Verkaufsargument erfolgreich zu nutzen. Während in Politik und Medien noch über Vor- und Nachteile des Sicherheitsgurts diskutiert wurde, präsentierte Volvo 1967 knallharte Fakten: Eine Analyse von 28.000 Unfällen bewies nicht nur die lebensrettende Wirkung des Gurtes, sondern auch, dass das Verletzungsrisiko für angegurtete Passagiere um 60 Prozent sank. Hinzu kam, dass der Volvo Amazon inzwischen bereits über Gurte auf den Fondsitzen verfügte, eine Phalanx weiterer potentieller Lebensretter wie eine sich bei Kollisionen teilende Lenksäule, unfallsichere Türverriegelungen oder die Zweikreis-Bremsanlage und ein früher, optionaler Kindersitz kamen 1967 hinzu.
Damals befand sich der Volvo Amazon bereits im reifen Alter von elf Jahren, von seinen frühen Rivalen wie Mercedes 180 (Ponton), Peugeot 403 oder Borgward Isabella hatte praktisch keiner überlebt, und sein designierter Nachfolger, die Volvo-Reihe 140, hatte schon den viertürigen Amazon abgelöst. Dennoch setzte sich der Amazon 1967 noch einmal auf Platz eins der schwedischen Neuzulassungen und sogar in den USA und in Deutschland pushte der Oldie die Volvo-Absatzzahlen auf ein frisches Allzeithoch.
Umweltschutz
Ende der 1960er sprach noch kaum jemand über Umweltschutz, obwohl bisweilen dichte Smog-Glocken über den Industrie- und Ballungsräum hingen: Wieder übernahm Volvo eine Vorreiterrolle und führte beim Amazon mit B20-Motor eine frühe Abgasreinigungsanlage ein. Erst am 3. Juli 1970 fuhr der 667.323ste und letzte Volvo Amazon direkt vom Werk Torslanda ins Volvo-Museum. Das Straßenbild seiner größten Absatzmärkte bestimmte dieser Publikumsliebling aber noch über Jahrzehnte, eine offizielle schwedische Statistik bescheinigte dem soliden Amazon sogar das Doppelte der üblichen Pkw-Lebenserwartung. Wobei der Antrieb des Amazon im Alltag sogar gut war für mehrere Millionen Meilen, wie ein Volvo 1800 S mit B18-Motor bewies, der sich so einen entsprechenden Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde sicherte.
Zum Erfolgsgeheimnis des Amazon zählte zudem die fast zeitlos gefällige Linienführung von Limousine und Kombi, realisiert vom langjährigen Volvo-Chefdesigner Jan Wilsgaard. Die stilprägenden Konturen des Amazon überzeugten sogar Celebrities wie die dänische Thronfolgerin Prinzessin Margrethe, die dreifache Oscar-Preisträgerin Ingrid Bergman, den Starregisseur Ingmar Bergman oder Björn Ulvaeus, Gründungsmitglied von Abba.
Kein Wunder, dass der Volvo Amazon als frühes Beispiel für skandinavisches Autodesign auch in rund 800 TV- und Kinofilmen, nicht zuletzt in Nordic-Noire-Krimis, auftrat und am Ende zum schwedischen Kulturgut avancierte, ähnlich wie Ikea oder Abba. Eine automobile Erfolgsstory, die von den nachfolgenden Volvo-Modellen 140 und 240, aber auch vom SUV XC60 getoppt wurde: Heute für den Volvo EX60 eine hohe Messlatte.