Waymo will Ende 2027 in München einen fahrerlosen Taxidienst starten. In den USA gehören die Autos der Google-Schwester längst zum Straßenbild. Dass ausgerechnet ein Tech-Konzern aus Kalifornien dem Autoland Deutschland zeigt, wie Robotaxis funktionieren, hat verschiedene Gründe.
Der Zeitplan ist ehrgeizig. In den kommenden Wochen will Waymo zunächst mit manuell gesteuerten Fahrzeugen hochauflösende Karten erstellen und Daten über den Münchner Verkehr sammeln. Später soll die Software selbst übernehmen, anfangs noch mit menschlichem Sicherheitsfahrer am Steuer. Erst Ende 2027 startet das Robotaxi im eigentlichen Sinne seinen Dienst. Das Auto fährt vor, der Fahrgast steigt ein, und das Fahrzeug bringt ihn autonom ans Ziel.
In mehr als zehn US-Städten: Vollautonome Waymos
Was in Deutschland noch futuristisch klingt, ist auf der anderen Seite des Atlantiks bereits Alltag. In mehr als zehn US-Städten können Kunden heute über eine App vollautonome Waymos bestellen. Allein im Frühjahr absolvierte der Dienst mehr als eine halbe Million Fahrten pro Woche. Insgesamt hat Waymo bereits mehr als 20 Millionen Fahrgastfahrten hinter sich. San Francisco, Phoenix oder Los Angeles sind die Vorbilder, von deren Erfahrungen München nun profitieren soll.
Für den Nutzer ähnelt der Robo-Service zunächst Mobilitätsdiensten wie Uber oder Free Now: Start und Ziel werden in einer App angegeben, ein Fahrzeug wird zugeteilt und fährt zu einem geeigneten Abholpunkt. Der entscheidende Unterschied sitzt – oder vielmehr sitzt nicht – vorne links. Innerhalb seines freigegebenen Einsatzgebietes übernimmt das Auto die komplette Fahraufgabe. Dazu beobachtet ein Paket aus Kameras, Radar und Laserscannern permanent die Umgebung. Die Software erkennt Autos, Fahrräder, Fußgänger, Ampeln oder Baustellen, schätzt deren weitere Bewegungen ab und entscheidet daraus über Geschwindigkeit, Spur und Fahrweg. Hochgenaue Karten liefern zusätzliche Informationen über die Straßenumgebung.
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Waymo: Geofencing-Mobilitätsdienst
Wichtig ist dabei eine Abgrenzung zu dem, was deutsche Autofahrer bislang unter automatisiertem Fahren etwa bei Mercedes und BMW kennen. Waymo nutzt nicht einfach besonders weit entwickelte Assistenzsysteme aus dem Pkw, sondern eine Art Geofencing-Mobilitätsdienst. In einem vorher definierten und kartographierten Einsatzgebiet kann das System ohne Fahrer auskommen, die Passagiere müssen und können auch gar nicht eingreifen. Außerhalb des umrissenen Gebiets hingegen ist das Auto hilflos – und bleibt einfach stehen.
Ganz ohne Menschen im Hintergrund funktioniert der Betrieb dennoch nicht. Bei ungewöhnlichen Situationen kann das Fahrzeug Unterstützung aus einer Betriebszentrale anfordern. Dort wird es allerdings nicht wie ein ferngesteuertes Spielzeug gefahren. Die Mitarbeiter dort liefern Informationen oder helfen bei der Beurteilung einer Situation, die Fahrentscheidung und deren Ausführung bleiben aber beim Fahrzeug.
Waymo: Technischer Vorsprung
Der technische Vorsprung des US-Unternehmens Waymo lässt sich allein durch die reine Dauer der Entwicklung erklären. Waymo startete bereits 2009 als Googles Projekt für selbstfahrende Autos. 2016 wurde daraus innerhalb des Alphabet-Konzerns ein eigenes Unternehmen. Bereits 2015 hatte ein Prototyp in Texas eine Fahrt auf öffentlichen Straßen komplett ohne Fahrer absolviert.
Entscheidend war dabei eine frühe Grundsatzentscheidung. Google experimentierte zunächst ebenfalls mit einem System, bei dem das Auto auf der Autobahn selbst fuhr, der Mensch aber jederzeit zur Übernahme bereitstehen sollte. Das Unternehmen verwarf aber schon bald den Zwischenschritt und konzentrierte sich auf ein System, das die Fahraufgabe innerhalb seiner Grenzen vollständig erledigt. Genau dieser Ansatz unterscheidet Waymo bis heute von einem großen Teil der klassischen Autoindustrie. Hersteller wie Mercedes und BMW sahen das automatisierte Fahren lange vor allem als Feature für die Fahrzeuge der eigenen Kundschaft – als eine Art digitalen Privat-Chauffeur. Nicht als Taxifahrer.
Waymo-Ansatz: Technisch leichter umsetzbar
Der Waymo-Ansatz ist also weniger universell, aber technisch leichter umsetzbar. Ein Robotaxi muss nicht vom ersten Tag an jede Landstraße in Bayern, jede verschneite Alpenpassage und jede Baustelle auf einer Urlaubsreise beherrschen. Es muss zunächst ein klar umrissenes Gebiet in München zuverlässig bewältigen. Funktioniert das, kann dieses Gebiet schrittweise wachsen. Waymo exerziert diesen Weg seit Jahren – mit großem finanziellem Einsatz. Über viele Jahre hat Google Milliarden in Software, Sensoren, Rechenleistung, Simulationen, Testflotten und Betrieb investiert, ohne mit jedem Entwicklungsschritt bereits ein profitables Serienauto verkaufen zu müssen. Anfang 2026 sammelte Waymo weitere 16 Milliarden Dollar ein.
Auch ein deutscher Konzern arbeitet inzwischen konkret am fahrerlosen Fahrdienst. Volkswagen entwickelt über seine Mobilitätstochter MOIA gemeinsam mit Mobileye einen autonom fahrenden ID Buzz. Seit Juli können ausgewählte Hamburger bereits Fahrten mit den selbstfahrenden Kleinbussen buchen. Noch handelt es sich um einen Testbetrieb, doch VW will daraus eine serienfähige Lösung für Verkehrsbetriebe und andere Flottenkunden machen. Langfristig soll der autonome ID Buzz auch in den USA fahren.
Und auch global ist das Robotaxi keineswegs eine rein amerikanische Disziplin. China hat inzwischen einen zweiten großen Entwicklungsschwerpunkt aufgebaut. Baidus Dienst Apollo Go hatte bis Mitte 2026 mehr als 23 Millionen Fahrten für die Öffentlichkeit absolviert und expandiert ebenfalls ins Ausland. Anbieter wie WeRide und Pony.ai drängen nach Europa.
Akzeptanz in Deutschland
Für die Akzeptanz in Deutschland dürfte vor allem eine andere Frage entscheidend werden: Wie sicher sind die Fahrzeuge? Waymo kann inzwischen immense Datenmengen vorlegen. Nach der jüngsten Auswertung war der Waymo Driver bei mehr als 220 Millionen vollständig autonom gefahrenen Meilen deutlich seltener in schwere Unfälle verwickelt als menschliche Fahrer unter vergleichbaren Bedingungen. Die Zahl der Unfälle mit schweren oder tödlichen Verletzungen lag demnach um 94 Prozent niedriger, die aller Unfälle mit Verletzten um 82 Prozent. Solche Vergleiche sind allerdings mit Vorsicht zu lesen. Waymos Fahrzeuge fahren bisher nicht überall, sondern in ausgewählten Gebieten und unter Bedingungen, für die das System freigegeben wurde. Die Statistik beweist daher nicht, dass ein Robotaxi grundsätzlich in jeder denkbaren Verkehrssituation besser fährt als jeder Mensch.
Für deutsche Nutzer bleiben zunächst viele Fragen offen. Was eine Waymo-Fahrt in München kosten wird, wie groß das endgültige Bediengebiet sein wird und wie der Dienst mit Taxis, Mietwagen und öffentlichem Nahverkehr zusammenspielt, ist noch nicht bekannt. Auch der angekündigte Start Ende 2027 hängt von weiteren Genehmigungen ab. Dass Waymo seine Europa-Offensive ausgerechnet in der Heimat von BMW beginnt, hat dabei durchaus Symbolkraft. Deutschland hat das Auto erfunden und seine Technik über Jahrzehnte geprägt. Beim fahrerlosen Taxi sieht das möglicherweise anders aus.