Bei Autositzen ging es lange vor allem um Komfort und Optik: Gut gepolstert sollten sie sein, möglichst schlank gebaut und gerne auch mit Heizungs-, Lüftungs- oder Massage-Funktion versehen. Jetzt verschiebt sich der Schwerpunkt: Der Sitz wird massiger, aber auch variabler und intelligenter.
Ein wichtiger Treiber der Veränderung beim Sitzen ist das autonome Fahren, das nach ein paar Jahren im Hype-Abklingbecken nun tatsächlich endlich global in Fahrt kommt. Auch wenn zunächst noch relativ konventionelle Fahrzeuge den Robo-Fahrdienst übernehmen – in absehbarer Zeit dürfte der zumindest zeitweise Wegfall des klassischen Arbeitsplatzes hinterm Lenkrad einen prägenden Einfluss auf den gesamten Innenraum haben.
Wer nicht mehr zum Fahren hinterm Steuer hockt, kann viel flexibler sitzen als heute im Pkw gewohnt. "Hersteller investieren spürbar mehr Entwicklungsaufwand in Stellungen jenseits der klassischen aufrechten Fahrerhaltung", registriert Christian Neyrinck. "Sitze werden erkennbar mehr können als ‚aufrecht sitzen‘ ", prognostiziert der Global Manager für Kundeninnovationen des Zulieferers Forvia. Sitzt man bislang relativ steif und aufrecht, wollen die Sitze nun zum Relaxen einladen. Zurücklehnen und genießen, heißt das Motto – auf bis zu 60 Grad geneigten Lehnen wie man sie vom Fernsehsessel oder aus einigen "Business Class"-Abteilen im Flugzeug kennt. Auch andere Komponenten wie Sitzfläche, Beinauflage oder Seitenwangen werden immer variabler und ermöglichen mehr Flexibilität bei der Positionsfindung.
Hohe Variabilität bei China-Autos
Vor allem an Bord chinesischer Autos herrscht schon heute hohe Variabilität. Fast jedes neue Modell bietet etwa einen Entspannungs-Modus für den viel gestressten Familienvater, der nach der Arbeit in der Garage noch mal kurz relaxen will, bevor die familiären Pflichten rufen. Dabei fährt das Gestühl auf Knopfdruck in eine Quasi-Liegeposition, während das Infotainmentsystem die Entspannung musikalisch und mit passender Lichtstimmung untermalt. Häufig zu finden ist auch der sogenannte "Camping"-Modus, bei dem sich die Lehnen sämtlicher Sitze zu einer mehr oder weniger ebenen Liegefläche zusammenfalten.
Während der Fahrt wird das Schlafen oder Herumlümmeln aber auch im Pkw der Zukunft nicht möglich sein. "Schon aus Sicherheitsgründen kann man im Auto dann nicht flach liegen", so Neyrinck. Selbst eine nur halb waagrechte Relax-Position ist sicherheitstechnisch eine Herausforderung: Gurtführung, Airbag-Entfaltung und Sitzstruktur müssen angepasst werden, damit sie in möglichst jeder Lage helfen können. Bei Sitzen, die auf eine entspannte Sitz- und Fahrposition ausgelegt sind, können bestimmte konstruktive Anpassungen erforderlich werden. Verlagern sich beispielsweise die Gurtbefestigungspunkte in die Sitzstruktur, muss die Rückenlehne höhere Lasten aufnehmen. Das kann bei künftigen Sitzen zu robusteren Designs führen als die heutigen sehr schlanken und leichten Sitzkonzepte – eine Entwicklung, die den Ästhetik-Trend der vergangenen Jahre zu schlankem Leichtbau und optischer Feingliedrigkeit in eine andere Richtung lenkt.
Neue Komfortoptionen
Die wuchtigeren Sessel mit ihren großen Lehnen bieten aber auch neue Komfortoptionen. Kümmerten sich Sitzentwickler lange vor allem um Po und Rücken, werden nun Kopf, Nacken und Schulterzone wichtiger. Bald könnten Autositze aussehen wie teure Gaming-Chairs von Videospiel-Zockern: Mit zahlreichen Pölsterchen, Lehne und Einstellmöglichkeiten.
Dazu kommen Heizung, Lüftung und Massage, die im Luxussegment mittlerweile etabliert sind, aber nun auch bis in kleinere Segmente streuen. Und nicht nur das: "Massage wird komplexer und teils deutlich kräftiger – gerade in asiatischen Märkten", sagt Neyrinck. Der Autositz wird immer mehr zum Lounge-Möbel. Aber auch Abseits von Sonderfunktionen sollen es die Insassen bequemer haben, zum Beispiel dank KI-Hilfe. Elektronische Komfort-Assistenten können aus der Vielzahl an künftig darstellbaren Sitzfunktionen die richtigen zur richtigen Zeit aktivieren oder vorschlagen – etwa gegen Ermüdung oder Haltungsverschlechterungen.
Mercedes-Benz S-Klasse (2026)
Weniger direkt spürbar für den Fahrer dürfte eine andere Veränderung sein – die bei den Materialien, die immer nachhaltiger werden müssen. In Europa drücken "End-of-Life-Vehicle"-Regeln (ELV) und Typgenehmigungsanforderungen die Branche zunehmend in Richtung Kreislaufwirtschaft. Fahrzeuge müssen so konstruiert und gestaltet sein, dass Demontage, Wiederverwendung und hochwertiges Recycling leichter werden. Um den Zyklus möglichst komplett zu schließen, sollen für den Neubau von Autos und ihren Teilen verpflichtende Quoten für Rezyklate kommen, die auch gewisse Anteile aus Altfahrzeugen vorschreiben.
Materialien und Baugruppen müssen schon in der Entwicklung so angelegt sein, dass sie später leicht trennbarer sind – und es braucht Wege, aus alten automobilen Textilien wieder neue automobile Textilien zu machen. Das ist schwierig, weil Altteile verschmutzt sind, Additive enthalten und nicht zuletzt chemisch altern. Forvia hat daher gemeinsam mit Partnern ein Material entwickelt, das sich besonders gut in geschlossenen Kreisläufen nutzen lassen soll. "Bloomera", ein Rezyklat aus polyesterbasierten Textilien. Aktuell wird vor allem Produktionsverschnitt in der Wiederverwertung genutzt, perspektivisch will der Zulieferer den Anteil aus echten Altfahrzeugtextilien sukzessive erhöhen.
Gestalt, Funktion und Material von Sitzen sind im Wandel. Wie schnell sich die neuen Ideen wirklich durchsetzen, hängt weniger vom Willen der Designer ab als von Regeln, Kosten und dem Tempo des autonomen Fahrens. Sicher ist aber: Sitzen im Auto wird in den nächsten Jahren anders aussehen – und sich für viele auch anders anfühlen.