Autobranche im Umbruch: Aus der Krise in die Zukunft?

Die Lage der Autoindustrie bleibt kritisch.
© Foto: Daimler

Das "K-Wort" taucht nicht auf im Ergebnispapier des "Autogipfels" - eine Kaufprämie für Autos mit Verbrennungsmotor. Helfen soll nun ein Fonds. Die Lage der Autoindustrie aber bleibt angespannt.

Von Andreas Hoenig und Jan Petermann, dpa

Deutschland ist immer noch Autoland – Politik und Wirtschaft wollen die Zukunft sichern: eine Führungsrolle beim autonomen Fahren, mehr Tempo für ein kundenfreundliches Ladenetz für E-Autos und ein besserer Datenaustausch mit anderen Verkehrsträgern. Das sind die Kernziele des "Autogipfels" mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Vertretern aus Politik und Wirtschaft am Dienstagabend.

Der große Haken: Die Industrie steckt in einer tiefen Krise. Vor allem mittelständische Zulieferer hängen am Verbrenner. Ihnen droht, wegen der Absatzflaute in der Corona-Pandemie das Geld auszugehen – und die Kraft, in die Zukunft zu investieren. Jobs stehen auf dem Spiel. Ein Überblick:

Keine Verbrenner-Prämien

Die zuletzt erneut vor allem von der CSU geforderten staatlichen Kaufzuschüsse für moderne Benziner und Diesel gibt es nach wie vor nicht. Wer überlegt hatte, möglicherweise ein mit staatlichem Geld gefördertes Schnäppchen auf dem lahmenden Markt machen zu können, dürfte also vorerst enttäuscht sein. Viele in der Branche betonen zwar, dass auch neue Verbrenner bessere CO2-Werte haben als die Masse der Wagen, die heute auf der Straße ist. Doch die Prämien von Bund und Industrie bleiben auf Elektro- und Hybridautos beschränkt.

Fonds für Firmen in Not

Stattdessen wird nun ein anderes Instrument geprüft: Vor allem kleinere und mittelständische Zulieferer, die den Markteinbruch besonders stark zu spüren bekommen, sollen mit einem möglichen Transformationsfonds unterstützt werden. Dafür hatte sich etwa die IG Metall eingesetzt. Die Firmen sollen mit Eigenkapital gestärkt werden – um in E-Mobilität und Digitalisierung investieren zu können. Denn sonst droht, dass Unternehmen in die Insolvenz gehen und Jobs und damit Fachkräfte verloren gehen.

Bis zum November soll das Modell eines möglichen Fonds stehen. In der Autoindustrie wird betont, es solle sich um ein privatwirtschaftliches Instrument handeln, Staatsbeteiligungen solle es nicht geben. Der Staat könnte aber über Garantien Risiken absichern. Fraglich ist nur, ob diese Hilfe für Firmen, die kurz vor der Pleite stehen, noch rechtzeitig kommt. Die Autoindustrie beschäftigt direkt mehr als 800.000 Menschen in Deutschland.

Profitieren von der Strukturhilfe sollen auch die Autohäuser und Werkstätten. "Ich fordere die politischen Entscheidungsträger dringend auf, die Betriebe des mittelständisch geprägten Kraftfahrzeuggewerbes in den geplanten Transformationsfonds für die Automobilbranche einzubeziehen", sagt ZDK-Präsident Jürgen Karpinski. "Ohne den Automobilhandel kommt kein Fahrzeug auf die Straße, und ohne die Kfz-Werkstätten bleiben die 57 Millionen Kraftfahrzeuge auf deutschen Straßen nicht mobil." Die rund 37.000 Betriebe mit 450.000 Beschäftigten stehen in normalen Zeiten für einen Umsatz von rund 186 Milliarden Euro.

Weitere Hilfen

Im Juni hatte die Bundesregierung in ihrem Konjunkturpaket auch ein zusätzliches Programm über insgesamt zwei Milliarden Euro beschlossen, um Investitionen in neue Technologien zu fördern. Geprüft werden soll nun, ob das Programm nachgebessert wird. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans kritisierte, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) habe bisher kein erkennbares Konzept, wie konkret das Geld eingesetzt werden soll. "Altmaier muss die Hersteller einbeziehen, vor allem auf die Zulieferer fokussiert sein und da, wo Steuergeld eingesetzt werden soll, dem Spurwechsel in die Zukunft dienen", sagte Walter-Borjans am Mittwoch.

Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) fordert mehr Tempo. Auf den Pkw-Märkten gebe es nach wie vor eine große Kaufzurückhaltung, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Offen seien etwa Fördermaßnahmen für den Hochlauf der Elektromobilität oder ein Programm für den Flottenaustausch bei Lastwagen.

In der Autoindustrie schaut man außerdem mit Sorge nach Brüssel: Die EU-Kommission könnte schon bald konkrete Pläne für schärfere Klimaziele verkünden. In der Branche wird davor gewarnt, das könnte Firmen beim schwierigen Umbruch überfordern.

Autonomes Fahren

Viele Versuche auf Testfeldern laufen seit längerem - aber dass Autofahrer sich im normalen Verkehr von autonomen Fahrzeugen chauffieren lassen können, galt bisher als Zukunftsmusik. Jetzt soll die Umsetzung deutlich beschleunigt werden, Deutschland sogar eine internationale Vorreiterrolle einnehmen. Das Ziel ist, angesichts der technischen und rechtlichen Komplexität des Themas, ehrgeizig: Schon 2022 soll ein Regelbetrieb möglich sein, auch hierzulande sollen automatisierte und autonome Wagen "erlebbar" sein.

Die deutschen Hersteller bringen sich – nachdem sie bisher überwiegend Tesla, Google und chinesischen Firmen hinterherfuhren – allmählich in Position. VW etwa steckt in den kommenden Jahren Milliarden in entsprechende Systeme. Im Juni besiegelte der Konzern eine Partnerschaft mit dem US-Autobauer Ford. Bei dessen Tochter Argo AI, spezialisiert auf Künstliche Intelligenz, wollen sich beide Firmen die Entwicklungskosten teilen. VW-Chef Herbert Diess sieht die Vorschläge des "Autogipfels" als Beitrag, um das Thema in Deutschland zu verankern. Bisher wird nur in den USA getestet. "Das werden wir jetzt überdenken, wenn sich die Bedingungen in Deutschland ändern."

Internet im Auto, Daten und Vernetzung

Ein "Datenraum Mobilität" soll aufgebaut werden, die Autoindustrie will dafür Daten zur Verfügung stellen. Zieldatum ist der Weltkongress für intelligente Verkehrssysteme im Herbst 2021 in Hamburg. Es könnte ein wichtiger Schritt sein für eine gemeinsame Mobilitätsplattform für die verschiedenen Verkehrsträger – neben dem Auto also Flugzeuge, Busse und Bahnen, Taxis oder E-Scooter. Künftig könnte es eine gemeinsame App geben, um neue und existierende Mobilitätsangebote benutzerfreundlich miteinander zu vernetzen.

Leichteres Laden von E-Autos

Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in Deutschland zieht an, bedingt auch durch höhere staatliche Kaufzuschüsse. Aber nicht nur der bisher hohe Preis ließ viele Verbraucher noch zurückschrecken – sondern auch die Angst, dass nicht genügend Ladesäulen zur Verfügung stehen. Zwar gibt es Fortschritte, der Aufbau soll aber beschleunigt werden. Das Laden soll außerdem mit einer einheitlichen Bezahlmethode kundenfreundlicher werden.

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