Mein Gott, was für ein Einstieg. Der Türgriff sitzt so hoch, dass man sich langmachen muss. Danach geht es über vier Stufen senkrecht hinauf ins Fahrerhaus. Das ist kein Einstieg, eher ein Aufstieg. Aber klar: Der Unimog soll überall dort weiterkommen, wo andere kapitulieren.
Die Höhe hat also ihren Grund. Wir stehen vor einem rot-weißen hochgeländegängigen Unimog mit Feuerwehraufbau, gebaut für Einsätze dort, wo Straßen enden. In den Waldbrandgebieten Spaniens und Frankreichs etwa. Auf dem Rücken trägt es 3.000 Liter Löschwasser. Portalachsen schaffen Bodenfreiheit, Differenzialsperren sorgen auf losem Untergrund für Vortrieb. Wird aus festem Boden Sand, lässt sich der Reifendruck verringern, später pumpt der bordeigene Kompressor wieder Luft hinein.
Fahrerhaus als Kommandozentrale
Das Fahrerhaus mit jeder Menge Schaltern und Tasten erinnert an eine Kommandozentrale. Wo moderne Lkw viele Funktionen über Bildschirme ansteuern, gibt es hier für jede Sperren und die Untersetzungen eigene Knöpfe. Denn wenn die schwere Fuhre über Bodenwellen pflügt und schwankt wie ein betrunkener Saurier, ist eine Taste schneller getroffen als eine Schaltfläche auf dem Bildschirm.
Auch die mit dem Eselssymbol. Der "Eselgang" lässt den Unimog extreme Steigungen in Zeitlupe hinaufklettern. Bis zu 1,20 Meter tiefes Wasser kann er ebenfalls durchqueren. Bei Waldbränden oder Überschwemmungen entscheidet solche Technik darüber, ob die Mannschaft den Einsatzort überhaupt erreicht.
80 Jahre Unimog
Das Fahrgestell allein löscht allerdings noch keinen Brand. Erst der Aufbau macht daraus ein Feuerwehrauto, einen Hubsteiger oder ein Fahrzeug für das Technische Hilfswerk. Weil die Aufgaben so unterschiedlich sind, arbeitet Mercedes eng mit spezialisierten Aufbauherstellern. Fahrgestell und Aufbau müssen auch unter härtesten Bedingungen zuverlässig funktionieren. Denn wenn der Lkw zwar bis zum Brandherd kommt, vorne aber kein Wasser herauskommt, ist wenig gewonnen.
Start als Agrarfahrzeug
Dabei begann die Geschichte des Geländespezialisten ausgesprochen bodenständig. Dass ausgerechnet eine landwirtschaftliche Arbeitsmaschine einmal zum Waldbrandhelfer werden würde, war 1945 nicht abzusehen. Deutschland liegt in Trümmern, Lebensmittel und Maschinen fehlen. Albert Friedrich, zuvor Leiter der Flugmotorenentwicklung bei Daimler-Benz, sucht nach einer Maschine, die pflügt, Geräte antreibt, Lasten transportiert und auf der Straße schneller ist als ein Ackerschlepper. Und findet Unterstützung bei Heinrich Rößler.
Schon im Oktober 1946 fährt der neue Chefkonstrukteur mit einem ersten Prototyp über die Waldwege bei Schwäbisch Gmünd. Rößler sitzt auf einer Holzkiste, ein Fahrerhaus gibt’s noch nicht. Aber vier gleich große Räder, Allradantrieb, Ladefläche und Geräteanschlüsse sind bereits vorhanden. Die Spurweite von 1,27 Metern passt genau über zwei Reihen Kartoffeln.
Auch beim Namen war man pragmatisch. Unimog steht für Universal-Motor-Gerät. Eine Maschine für die Arbeit auf dem Feld, die Lasten zum Hof bringt und anschließend auf eigener Achse zum nächsten Einsatz fährt. Daimler-Benz findet die Idee so überzeugend, dass das Unternehmen 1951 die Produktion übernimmt.
Mercedes-Benz Unimog "Showcar"
Heute verfolgt der Unimog diese Idee in zwei Richtungen. Als Geräteträger ist er vor allem bei Kommunen im Einsatz. Mit wechselnden Arbeitsgeräten schiebt er im Winter Schnee, mäht im Sommer Straßenränder oder schneidet Hecken. Je nach Aufbau wird er zur Kehrmaschine, zum Kran oder zum Zweiwegefahrzeug. Er soll nicht das extremste Gelände bezwingen, sondern viele Arbeiten erledigen und zügig zum nächsten Einsatz fahren.
Er ist hart, robust und beinahe unverwüstlich, was ihm im Laufe der Jahre Kultstatus verleiht. Alte Modelle werden liebevoll gehegt und gepflegt, stehen sich aber trotzdem nicht in Museen die Reifen platt. So trifft man beim Spaziergang durch die Weinberge, bei Forstbetrieben oder auch in der Landwirtschaft immer wieder auf Oldtimer, die 20, 30 und mehr Jahre auf der Uhr haben.
Leistung ist nicht alles
Ganz anders die hochgeländegängige Version. Sie trägt Spezialaufbauten, Besatzung und Material in den Wald, ins Hochwasser oder weit abseits befestigter Wege. Dafür benötigt sie keine überbordende Leistung. Unser Feuerwehrwagen vom Typ U 5023 etwa ist nur 231 PS stark, wuchtet aber stolze 900 Nm auf die Kurbelwelle. Mit Geländeuntersetzung schafft er extreme Steigungen von bis zu 45 Grad, durchquert 1,20 Meter tiefe Bäche und fährt mit Sonderzulassung als Einsatzfahrzeug auf der Straße 100 km/h schnell.
Beim Geräteträger reicht das Programm von 190 bis 354 PS. Mehr Leistung bedeutet dort vor allem, dass sich größere Mähwerke, Fräsen, Kräne oder Schneepflüge betreiben lassen. Der Unterschied liegt deshalb weniger im Motor als in der Aufgabe: Der Geräteträger bringt möglichst viele Werkzeuge zur Arbeit, der hochgeländegängige Unimog Menschen und Material dorthin, wo andere Fahrzeuge nicht mehr weiterkommen.
Zum Schnäppchenpreis ist diese Vielseitigkeit nicht zu haben. Bei Truckscout24 finden sich 20 Jahre alte Modelle mit 400.000 Kilometern auf der Uhr, die immer noch an die 40.000 Euro kosten. Kein Wunder bei einem Neupreis, der heute selbst für einfache Varianten weit jenseits der 100.000 Euro liegt. Bei einem hochgeländegängigen Unimog mit Feuerwehraufbau wie unserem U 5023 können sogar 350.000 Euro auf dem Preisschild stehen.