Porsche ohne 911 oder Volkswagen ohne Golf? Undenkbar. Genauso ist es beim Octavia, dieses Erfolgsmodell ist seit 30 Jahren das Herz der Marke Skoda. Damals, im Frühjahr 1996, durften die ersten Journalisten den tschechischen Golf im XL-Format kennenlernen, und wenige Monate später avancierte der "Anti-Koreaner", wie ihn VW-Konzernchef Ferdinand Piëch nannte, zum Star des Pariser Autosalons.
Das Messepublikum konnte es kaum glauben: Dieser fein verarbeitete Beau im eleganten Blechkleid, das Designkritiker damals an noble Lancia-Modelle erinnerte, sollte das neue Volumenmodell der ehemaligen Ostblock-Billigmarke Skoda sein? Tatsächlich überraschte auch der schicke, mit neuster VW-Konzerntechnik aufwartende Octavia anfangs mit Discount-Preisen – aber er brach konstruktiv komplett mit früheren Skoda-Fahrzeugen der 1960er bis 1980er Jahre. Waren diese doch altertümliche Heckmotor-Modelle.
Octavia: 1959 lancierter Markenbotschafter
Zuvor allerdings hatte Skoda schon einmal mit schicken Designs und moderner Technik in der kompakten Mittelklasse gepunktet: Octavia hieß auch dieser, 1959 lancierte Markenbotschafter. Ein Traditionsname, den der VW-Konzern – seit 1991 zählt Skoda zum VW-Markenportfolio – mit neuem Leben erfüllte und den Octavia nun als preiswerten tschechischen Golf im XL-Format positionierte. Wenn Skoda heute in Deutschland Platz vier im Zulassungsranking belegt – als erster Importeur überhaupt – dann vor allem dank des Octavia. Nicht einmal der Trend zum SUV konnte die Karriere dieses Favoriten von Familien und Flottenkunden stoppen. Trotzdem: Keine Erfolgsstory ohne Drama, wie der Blick in den Rückspiegel dieses Skoda zeigt.
Jetzt wird der Octavia aus dem Jahr 1996 Oldtimer, ein Kandidat fürs amtliche H-Kennzeichen, dem das Alter erst auf den zweiten Blick anzusehen ist. Kein Wunder: Das Designteam unter der Leitung von Dirk van Braeckel hatte die Linien des Octavia mit damals neuartiger digitaler CAD-Technologie gezeichnet und dabei unaufgeregte, über Jahrzehnte elegant wirkende Konturen kreiert. Erst im Dezember 2010 endete die Fertigung des Octavia I, weil die Motoren nicht die Abgasnorm Euro-5 erfüllten. Besonders bemerkenswert: Van Braeckels stilistischer Geniestreich wurde sechs Jahre lang parallel zum 2004 präsentierten Octavia II produziert.
Allerdings zeigte die fast zeitlose Eleganz des ersten Octavia laut Skoda keine italienischen Züge – im Gegensatz zur Meinung vieler Fachleute. Tatsächlich hatte Stardesigner Giorgetto Giugiaro – der Schöpfer des VW Golf I – Anfang der 1990er einen Octavia für Skoda gezeichnet. Aber der tschechische Premierminister Václav Klaus (Skoda gehörte zunächst noch mehrheitlich dem tschechischen Staat), legte sein Veto gegen den Italo-Look ein. Ferdinand Piëch, seit Januar 1993 als Nachfolger von VW-Konzernboss und Skoda-"Einkäufer" Carl H. Hahn im Amt, stimmte zu, er ließ den Giugiaro-Entwurf als Seat Toledo finalisieren, und den Octavia durch Dirk van Braeckels Team neu als „Anti-Koreaner“ gestalten.
30 Jahre Skoda Octavia
"Anti-Koreaner", diese interne Strategiebezeichnung erklärte klar die Mission des Skoda-Modells: Technologisch fortschrittlich – der Octavia debütierte sogar noch vor dem Golf IV auf der neuen Konzernplattform PQ34 – aber preislich aggressiv positioniert, sollte der Tscheche den nach Europa vordringenden asiatischen Herstellern eine attraktivere Alternative entgegensetzen. Die Skoda-Werke galten damals dank niedriger Lohnkosten als Billigstandorte, gleichzeitig freute sich der VW-Vorstand, dass in den Fabriken, die angeblich am besten ausgebildeten Fachkräfte Europas arbeiteten.
Beste Voraussetzung für den als „Spaltmaß-Fetischisten“ berühmt gewordenen Ferdinand Piëch, seine Qualitätsmaßstäbe ins damalige Discount-Segment zu übertragen. Die Fertigungsqualität des Octavia setzte Maßstäbe, übertraf sogar deutlich die des VW Golf. So lieferte der Skoda die konzernweit beste Lackqualität, denn nur ihm spendierten die Wolfsburger Kalkulatoren einen zusätzlichen Lackier-Arbeitsgang für optimalen Tiefenglanz, der sogar die Ergebnisse bei Bentley übertroffen haben soll. Möglich machte das der Lohnkostenvorteil in Tschechien.
Als sich die Lohnkosten zwischen den europäischen Werken im Lauf der Jahre nivellierten, blieb noch die effiziente Gleichteile-Strategie, die Volkswagen parallel zu den neuen Plattformen einführte. Mitte der 1990er kamen selbst Experten ins Staunen: Schon der erste Octavia teilte sich die Plattform mit VW Golf IV, VW Bora, VW New Beetle, Audi A3, Audi TT, Seat Leon und Seat Toledo. Klar, British Leyland, General Motors oder Chrysler hatten schon früher „Badge-Engineering“ in noch größerer Breite betrieben, aber VW gelang erstmals das Kunststück, dass sich die Kunden nicht an Gleichteilen störten, denn die Konzern-Modelle traten optisch und fahrdynamisch eigenständig auf.
Der Octavia punktete überdies mit einem zusätzlichen Vorteil: Obwohl verwandt mit dem Golf, wirkte er eine halbe Klasse größer, ein damals neuer Schachzug, der später auf den Skoda Superb übertragen wurde. Fortan galten Skoda-Limousinen und -Kombis (der Octavia Combi startete 1998) besonders im Fond und Gepäckabteil als Raumriesen, ideal für Familien und Vielfahrer mit Firmenautos.
Aufstieg zum Autobauer
So gelang Skoda, was anderen osteuropäischen Marken verwehrt blieb, nämlich der Aufstieg zum Autobauer, der in Deutschland die einheimischen Platzhirsche unter Druck setzt. Allerdings dauerte es, bis der Octavia zur bezahlbaren Stil-Ikone aufstieg. In den späten 1990ern, der Ära von Hip-Hop- und Techno-Einflüssen, von Baggy-Pants und Plateau-Sneakern sowie "New-Edge"-Kanten im Automobildesign, musste sich der 4,51 Meter lange Octavia erst etablieren als preiswerte Alternative zu Hyundai Accent, Toyota Corolla oder Opel Astra. Aber zu Beginn des neuen Millenniums hoben die Verkaufszahlen ab, der Octavia reüssierte inzwischen auch in der WRC-Rallye-Weltmeisterschaft und als rasanter RS für die linke Autobahnspur. Zudem etablierte der Octavia Combi die Marke mit dem geflügelten Pfeil als Kombispezialisten: Der Octavia lieferte ab 1998 mehr Laderaum als der nordische Kultkombi Volvo V70, kostete aber nur die Hälfte. Während der Octavia in den folgenden, sanft weiterentwickelten Generationen – Nummer zwei folgte 2004, die dritte Auflage 2012 und die vierte, bis heute aktuelle Serie 2019 – hierzulande um die Pole Position in den Importcharts kämpft, fährt der Octavia Combi längst in einer eigenen Liga.
Nur ein Kombi ist weltweit beliebter, allein der 4x4-Typ Subaru Outback erzielt noch größere Stückzahlen – Allradtechnik bietet allerdings auch der Octavia. Happy Family im SUV, für diesen Trend legte Skoda eine ganze Flotte von Verbrennern und Stromern auf. Der Octavia zeigt dennoch, dass konventionell angetriebene Kombis auch heute noch Fans haben, die sogar Eklats wie die Verwicklung von Skoda in den Dieselskandal mit dem Octavia III verziehen haben. Nach bisher rund 7,5 Millionen Einheiten gibt es keinen Zweifel, dass der Octavia auch eine elektrische Zukunft hat, die neue Kombi-Studie Vision O gibt einen Hinweis.