100 Jahre disruptive Autodesigns: Crash, Bang oder Boom

24.07.2026 08:10 Uhr | Lesezeit: 5 min
1967 heftig diskutiertes Design: Der NSU Ro 80 fuhr dem Zeitgeist voraus und scheiterte.
© Foto: Audi

Ferrari Luce oder Jaguar Type 01 zeigen es gerade: Manchmal riskieren Autobauer alles, um mehr Zukunft zu wagen. Eine Wette, die auch gründlich schief gehen kann – oder aber Kulttypen kreiert. Ein Gang durchs Kuriositätenkabinett der letzten 100 Jahre: Von Audi über BMW und Mercedes-Benz bis VW ist alles dabei.

Welcher Designer träumt nicht davon, automobile Ikonen zu entwerfen, die wie ein Fiat 500, Mini Cooper, Porsche 911, Jaguar E-Type oder (Ferrari) Dino Berlinetta Speciale auch nach Jahrzehnten nicht an Faszination verlieren – teils sogar Bestandteil der Alltagskultur sind? Vielleicht trieben die Designer des neuen Ferrari Luce, des Jaguar Type 01 oder des Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupés ähnliche Motive an, auf jeden Fall diskutiert die automobile Community mit bisher ungekannter Leidenschaft, ob die disruptiven Formen der Supercars den Mythos der Marken zerstören oder als kalkulierter Skandal visionär stilprägende Ikonen kreieren.

Geniestreich oder genial daneben: Derartige Debatten sind schon fast so alt wie das Auto selbst. Bereits der Blick zurück auf den ersten Porsche 911 (901) als anfangs umstrittenen Nachfolger des rundlichen Typs 356, auf den 1965 radikal neu gedachten Dino Berlinetta mit Mittelmotor-V6 (Enzo Ferrari wagte deshalb kein Cavallo-Rampante-Logo) oder den Fiat 500, der 1957 zunächst im Schatten des größeren Fiat 600 stand, zeigt: Manches Auto galt zuerst als Flop, war später aber doch top. Besonders drastisch zu erleben bei der "Ente", dem Citroen 2 CV. "Konservendose" nannten Kritiker diesen ab 1948 in schockierend billiger Qualität gebauten Gallier. Was keiner vermutete: Der kleine Citroen wurde Kult und lief bis 1990 in 5,1 Millionen Einheiten vom Band. Mehr noch, der Enten-Esprit führt 2026 zu einer Neuauflage des 2 CV im Retrolook. Die ganze Bandbreite der zum Wegschauen schrägen oder erst auf den zweiten Blick schönen automobilen Blüten zeigt eine Zeitreise durch das Design der letzten 100 Jahre.

Tropfenwagen verbrennt als Filmrequisit

Am Anfang der Galerie der schrillsten Meisterwerke der Automobilhistorie steht ein Fahrzeug, das der Form des Wassertropfens nachempfunden ist. Edmund Rumpler baute ab 1921 in Berlin den stromlinienförmigen "Tropfenwagen". Das revolutionäre Design des Luxusautomobils zog alle Blicke auf sich, konnte aber die kaufkräftige High Society der wilden 1920er nicht überzeugen. Nur rund 100 Tropfenwagen baute Rumpler, dann kam es zum Fanal. Im 1926 von Fritz Lang produzierten Film "Metropolis", dem ersten Science-Fiction-Epos der Kinogeschichte, verbrannten die meisten Rumpler. Allerdings zogen die Aerodynamiker keine Lehre aus dem Scheitern dieses Pioniers. Exaltierte Modelle wie der Chrysler Airflow (1934) und der Volvo PV36 Carioca (1935) entwickelten die Stromlinie weiter, fuhren so dem Zeitgeist viel zu weit voraus und endeten im finanziellen Desaster.


100 Jahre disruptives Autodesign – Von Blechbüchsen, Nasenbären und Barockengeln

100 Jahre disruptives Autodesign – von Konservendosen, Nasenbären und Barockengeln Bildergalerie

Auf den Gipfel getrieben wurde der Futurismus durch den im Wind geformten Peugeot 402 Andreau, der 1936 mit einer Flugzeug-ähnlichen Finne am Heck als Auto des Jahres 1940 präsentiert wurde. So viel Avantgarde funktionierte nicht einmal in Paris: Nur fünf Peugeot Andreau wurden gebaut. Zurückhaltender gezeichnet waren die übrigen 402-Typen – und prompt wurde diese "ligne fuseau Sochaux" (Spindelform aus Sochaux) prägend für die Streamline-Mode, die auch Lokomotiven, Busse und architektonische Bauwerke jener Dekade prägte.

VW XL1: Mehr Show als Serie

Bis heute treiben die Vorteile guter Aerodynamik, wie günstigere Verbrauchswerte und eine höhere Vmax, die Entwicklung zukunftsweisender Serienfahrzeugen voran. Auch wenn diese Avantgardisten oft mehr Ablehnung als Bewunderung ernten, sind sie Schrittmacher ins Morgen: So war es 1967 beim NSU Ro 80, der alle anderen Autos alt aussehen ließ und das Audi-Design bis in die 1980er prägte, aber kommerziell scheiterte. Auch der windschnittig-progressive Ford Sierra (1982) konnte nicht an die Verkaufszahlen seines konservativen Vorgängers Taunus/Cortina anknüpfen. Dennoch wagte Ford 1985 den Scorpio, dessen schräges „Aeroheck“ die Käufer des Granada verschreckte, ehe der glupschäugige Wal-ähnliche Scorpio II ab 1994 als Totengräber des Ford-Flaggschiffs arbeitete. Wie Streamlining die Kunden gewinnt, zeigten dagegen die cW-Weltmeister Audi 100 C3 (1982) und Opel Calibra (1989), nicht zu vergessen der Lancia Y10 (1985) mit gekapptem Heck nach den Lehren von Aerodynamiker Wunibald Kamm. Ebenfalls mit Kammheck, aber am Konsumentengeschmack vorbei, fuhr 1999 der Audi A2. Mehr Showcar (cW 0,19) als Serienauto war 2011 der exorbitant teure VW XL1, und zuletzt folgten die Elektriker Mercedes EQE und Hyundai Ioniq 6 dem Credo: "Love it or leave it".

Die Stromlinie brachte aber auch frühe Erfolgsmodelle hervor, sogar der spätere Produktions-Weltmeister VW Käfer verdankt sein rundliches Design den Erkenntnissen der Aerodynamik. Gleiches gilt für das 1947 vorgestellte schwedische Volksauto Saab 92, das aus den Werkshallen des Flugzeugspezialisten rollte. Damit war der drollige Saab Vorbote von Autos im Jetfighterstil. Das Weltraumzeitalter begann damals gerade, und spektakuläre Showcars wie der Cadillac El Camino (1954), Alfa Romeo BAT 7 (1954) oder Oldsmobile Golden Rocket (1956) testeten, wie weit die zukunftshungrigen Menschen diesem Sci-Fi-Trend folgten. Die Grenzen der Akzeptanz überschritt zunächst der GM Firebird XP-21 im Raketenkorpus (1954), dann der 1955er Lincoln Futura mit "Atomic Batteries", und endgültig die Cadillac-Modelle des Jahrgangs 1959: Deren messerscharfen Heckflossen mit raketenartigen Doppelleuchten ragten rund einen Meter in den Himmel.


Ferrari Luce (2026)

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Gründlich schief gingen in den Golden Fifties & Sixties andere gut gemeinte Entwürfe: Micro-Cars wie der Zündapp Janus (1957) mit zwei "Gesichtern", der BMW 501 mit Hightech-V8 aber schwülstig-barocken Formen (1951/54), der (Ford) Edsel (1957) mit einem skandalösen Frontdesign ähnlich der Form des äußeren weiblichen Geschlechtsteils, der Opel Kapitän P "Schlüsselloch" (1958) mit unbequemem Fondeinstieg, das Fastback des VW 1600 TL ("Traurige Lösung") oder der als "Nasenbär" belächelte VW 411 (1968). Später waren es dann Designunfälle wie der rundliche Austin Allegro (1973) mit eckigem Lenkrad, der AMC Pacer (1975) als XXXL-Compact, der birnenförmige Renault 14 (1976), der kuriose Suzuki Vitara X-90 (1995) und die Schreckenskammer aus Pontiac Aztec (2001), SsangYong Rodius (2004) und Nissan Micra C+C (2005), die Debatten entfachten.

Auch Retro will gekonnt sein

Retrodesign ist ebenfalls eine Kunst für sich: Mazda MX-5 (1989), BMW Mini (2001) oder Fiat 500 (2007) zeigen, wie es perfekt funktioniert; VW New Beetle, Chrysler PT Cruiser oder Chevrolet HHR (Heritage High Roof) führten vor, was nicht geht. Und dann gibt es die Liebe auf den zweiten Blick: Erst als grässlich, dann als genial galten der minimalistische Renault 4 (1961), der Volvo 240 mit Stoßfängern im Safety-Car-Look (1974), der Van-Pionier Renault Espace (1984), Kanzler Kohls Mercedes-S-Klasse W140 (das Dickschiff verkaufte sich global besser als der Vorgänger), die erste Mercedes A-Klasse (der Elchtest brachte den Micro-Benz anfangs zum Kippen), der Hybrid-Pionier Toyota Prius (wurde erst im zweiten Anlauf Millionseller) oder der Chris-Bangle-BMW-7er von 2001 (toppte die Auflage seines Vorgängers). Manchmal liegen Crash, Bang und Boom dicht beieinander: Vielleicht sind Ferrari Luce oder Jaguar Type 01 doch verkannte Stilikonen?


Jaguar Type 00 Concept

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Flops und Tops mit disruptivem bzw. diskutiertem Design:

Rumpler Tropfenwagen (Deutschland), 1921-26
Mercedes-Benz 130, (Deutschland), 1934
Chrysler bzw. DeSoto Airflow Sedan (USA), 1934
Tatra 77a, (Tschechien), 1935
Stout Scarab (USA), 1935
Volvo PV36 Carioca (Schweden), 1935
Toyota Model AA (Japan), 1935
Mercedes-Benz 500 K und 540 K Autobahnkurier (Deutschland), 1935/1936;
Peugeot 402 Andreau (Frankreich), 1936
Peugeot 402 Eclipse (Frankreich), 1936
Bugatti Type 57 SC Atlantic Coupé (Frankreich), 1936
Volkswagen Kfd-Wagen (Deutschland), 1938
Chrysler Thunderbolt (USA), 1940
Saab 92 (Schweden), 1947
Davis Divan (USA), 1947
Citroen 2 CV "Ente" (Frankreich), 1948
Panhard Dynavia (Frankreich), 1948
Tasco T-Top (USA), 1948
Ford Taunus G73A „Buckel-Taunus“ (Deutschland), 1948
BMW 501 "Barockengel“ (Deutschland), 1951
Inter 175 Berline (Frankreich), 1953
Alfa Romeo BAT 7 (Italien), 1954
Cadillac El Camino (USA), 1954
General Motors Firebird XP-21 (USA), 1954
Nash/Austin Metropolitan (Großbritannien/USA), 1954
Mercedes-Benz 300 SL (Deutschland), 1954
Citroen DS (Frankreich), 1955
Lincoln Futura „Atomic Batteries & Turbines“ (USA), 1955
Oldsmobile Golden Rocket (USA), 1956
Pontiac XP-200 Club de Mer (USA), 1956
Tatra 603 (Tschechien), 1956
Ford Taunus 17 M P2 „Barock” (Deutschland), 1957
Aurora Safety Car (USA), 1957
Zündapp Janus (Deutschland), 1957
Edsel Pacer/Corsair (USA), 1957/1958
Opel Kapitän P „Schlüsselloch“ (Deutschland), 1958
Scootacar (Großbritannien), 1958 
BMC Mini (Großbritannien), 1959
Ford Anglia 105 E (Großbritannien), 1959
Simca Fulgur (Frankreich), 1959
Pininfarina X (Italien), 1960
Ford Taunus 17 M P3 „Badewanne” (Deutschland), 1960
Amphicar (Deutschland), 1961
Renault R4 (Frankreich), 1961
Chrysler Turboflite (USA), 1961
Ford Gyron (USA), 1961
Jaguar E-Type (Großbritannien), 1961
Studebaker Avanti (USA), 1962
Willys Jeep Wagoneer (USA), 1962
Ford Mustang I/Mustang (USA), 1962/64
Peel P 50 (Großbritannien), 1963
Excalibur SS (Pionier des Retrodesigns, USA), 1963
Porsche 901/911 (Deutschland), 1963
Meyers Manx Buggy (USA), 1964
Renault 16 (Frankreich), 1965
VW 1600 TL, Typ 3, „Traurige Lösung” (Deutschland), 1965
Mazda Luce (Japan), 1965
Oldsmobile Toronado (USA), 1965
Lamborghini Miura (Italien), 1966 
Ford 17 M/20 M P7a (Deutschland), 1967
Mazda Cosmo Sport 110 S (Japan), 1967
NSU Ro 80 (Deutschland), 1967
Jaguar XJ (Großbritannien), 1968
VW 411, Typ 4 „Nasenbär“ (Deutschland), 1968
Nissan 240Z (Japan), 1969
Bond Bug (Großbritannien), 1970
AMC Gremlin (USA), 1970
Range Rover (Großbritannien), 1970
Lancia Stratos Zero (Italien), 1970
Lamborghini Countach (Italien), 1971
Fiat X1/9 (Italien), 1972
Austin Allegro (Großbritannien), 1973
Citroen CX (Frankreich), 1974
Volvo 240/260 (Schweden), 1974
VW Golf (Deutschland, 1974)
AMC Pacer (USA), 1975
Lotus Esprit (Großbritannien), 1975
Rover 3500 SD1 (Großbritannien), 1976
Aston Martin Lagonda (Großbritannien), 1976
Volvo 262 C (Schweden), 1977
Austin/Morris/Wolseley/Princess 1800/2200 (Großbritannien), 1975
Renault 14 „Birne“ (Frankreich), 1976
Triumph TR7 (Großbritannien), 1977
Fiat Ritmo (Italien), 1978
Fiat Panda (Italien), 1980
DeLorean DMC-12 (Großbritannien bzw. Nord-Irland), 1981
Mercedes-Benz 190 W201 (Deutschland), 1982
Ford Sierra (Deutschland), 1982
Audi 100/100 Avant C3 (Deutschland), 1982
Subaru E10 Libero 4WD (Japan), 1983
Plymouth Voyager (USA), 1984
Renault Espace (Frankreich), 1984
Lancia/Autobianchi Y10 (Italien), 1985
Sinclair C5 (Großbritannien), 1985
BMW Z1 (Deutschland), 1987
Italdesign Aztec (Italien), 1988
Nissan Figaro (Japan), 1989
Mercedes-Benz S-Klasse W140 (Deutschland), 1991
McLaren F1 (Großbritannien), 1992
Renault Twingo (Frankreich), 1992
Coupé Fiat (Italien), 1994
Ford Scorpio (Deutschland), 1994 
Renault Sport Spider (Frankreich), 1995
Suzuki Vitara X-90 (Japan), 1995
GM EV1 (USA), 1996
Mercedes-Benz A-Klasse (Deutschland), 1997 
Toyota Prius (Japan), 1997
Plymouth Prowler (USA), 1997
Volkswagen New Beetle (Deutschland), 1997
Audi TT (Deutschland), 1998
Smart Fortwo (Deutschland), 1998
BMW Z3 Coupé „Turnschuh“, 1998
Nissan Cube (Japan), 1998
Audi A2 (Deutschland), 1999
Fiat Multipla (Italien), 1999
Chrysler PT Cruiser (USA), 1999
Pontiac Aztec (USA), 2001
BMW 7er E65 (Deutschland), 2001
Renault Avantime (Frankreich), 2001
Morgan Aero 8 (Großbritannien), 2001
Renault Vel Satis (Frankreich), 2002
Smart Crossblade (Deutschland), 2002
Kia Opirus (Korea), 2003
SsangYong Rodius (Korea), 2004
Peugeot 1007 (Frankreich), 2004
Mercedes-Benz R-Klasse (Deutschland), 2005
Toyota bB bzw. Daihatsu Materia (Japan), 2005
Nissan Micra C+C (Japan), 2005
Nissan Qashqai (Japan), 2006
Mitsubishi Colt CZC Coupé-Cabriolet (Japan), 2006
Shuanghuan CEO „BMW X5 Kopie“ (China), 2006
Chevrolet HHR „Heritage High Roof” (USA), 2006
KTM X-Bow (Österreich), 2008
Mitsubishi i-MiEV, Peugeot iOn, Citroen C-Zero (Japan, Frankreich), 2009
Tata Nano (Indien), 2009
Nissan Juke (Japan), 2010
VW XL1 (Deutschland), 2011
Renault Twizy (Frankreich), 2012
Tesla Cybertruck (USA), 2019
Hyundai Ionig 6 (Korea), 2022
Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé (Deutschland), 2026
Ferrari Luce (Italien), 2026
Jaguar Type 01 (Großbritannien), 2026



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