Der klassische Reifenhandel steht wirtschaftlich schon länger unter Druck. Christoph Langer, der als Director Retail das Geschäft der 45 Verkaufsfilialen von Reifen Müller verantwortet, formuliert es deutlich: "Im reinen Reifenhandel wird es immer schwerer, noch Geld zu verdienen." Gründe sind die starke Vergleichbarkeit von Produkten und der wachsende Onlinevertrieb. Besonders jüngere Kunden kaufen zunehmend über Onlineplattformen.
Bei Reifen Müller machen die Online-Bestellungen im Privatkundengeschäft rund zehn Prozent des Geschäfts aus. "Wir bewegen uns mit dem Markt, denn wenn wir nicht auf den Plattformen anbieten, macht die Konkurrenz das Geschäft", ist Langer überzeugt. Seine Mitarbeiter kennen das: "Wir haben jede Woche Kunden, die ihre neuen Reifen im Internet bestellt haben und dann gleich mitbringen." Nicht selten sehe man dann verwunderte Gesichter, nämlich dann, wenn der bestellte Reifen doch nicht zum Auto passt.
Der Beratungsbedarf in den Filialen sei also grundsätzlich da. Besonders die älteren Stammkunden wüssten dies zu schätzen. Und Langer weiß, was er an ihnen hat: "Diese Kunden haben ein Interesse daran, dass sie vor allem sicher unterwegs sind." Das Filialgeschäft bleibe daher zentral - insbesondere durch Montageleistungen, das wichtige Einlagerungsgeschäft und Zusatzservices.
Online-Terminbuchung
Reifen Müller treibt die Digitalisierung schrittweise voran. Seit Juni ist ein neuer B2B-Webshop für Werkstätten und Autohäuser in Betrieb. Eine Erweiterung auf Endkunden ist langfristig geplant, aber noch nicht umgesetzt. Bereits etabliert ist die Online-Terminvergabe für Standardleistungen wie Radwechsel oder Einlagerung sowie verschiedene Standard-Kfz-Services. Parallel arbeitet das Unternehmen an einer neuen Website und an digitalen Tools für den Serviceprozess. Ziel ist es, Abläufe noch effizienter zu gestalten und Fehlerquoten zu reduzieren.
Beispiel Profiltiefenmessung: "Für die Messung der Profiltiefen und zur Luftdruck-Kontrolle bei Lkw-Flottenkunden haben wir ein komplett neues Tool im Einsatz", beschreibt Langer den Prozess. Der Vorteil: "Profiltiefe und Luftdruck werden elektronisch erfasst, ausgewertet und sind dann digital gespeichert. "Der Kunde bekommt keine handgeschriebenen Zettel mehr, sondern digitale Auswertungen", so Langer.
Service als Wachstumstreiber
Der weitere Ausbau des Autoservices an allen Standorten ist erklärtes Ziel. Weil über den reinen Reifenverkauf langfristig kein Wachstum zu erwarten ist, soll das Servicegeschäft deutlich wachsen: "Der Fokus liegt auf standardisierten Leistungen wie Bremsenservice, Inspektion oder Fahrwerk", erklärt Langer die Strategie.
Ein wichtiger Baustein ist die Integration der Hauptuntersuchung (HU) und Abgasuntersuchung (AU) über die Zusammenarbeit mit TÜV SÜD als exklusiver Partner an allen Filialen. Derzeit würden die Filialen entsprechend umgestellt, sagt Langer. "Historisch gewachsen wurde an den einzelnen Standorten mit je unterschiedlichen Prüfdiensten gearbeitet, teils wurden überhaupt keine amtlichen Prüfungen durchgeführt."
Man habe erkannt, so Langer, dass die HU als Kundenbindungsmaßnahme sehr wichtig ist. Daher hat man bei Reifen Müller das Thema nun zentral organisiert. Derzeit beschränkt sich die Zusammenarbeit mit TÜV SÜD vor allem auf HU und AU, aber perspektivisch gibt es Ideen für weitere Services, beispielsweise im Bereich Arbeitssicherheit.
Fabian Ragut, Team Lead Key Account Management (IAM) bei TÜV SÜD, erklärt die mittelfristige Strategie: "Unser gemeinsames Ziel mit Reifen Müller ist es, den Service in allen Filialen weiter auszubauen. Die Hauptuntersuchung schafft einen zusätzlichen Kundenkontakt und stärkt die langfristige Kundenbindung - insbesondere vor dem Hintergrund, dass durch Ganzjahresreifen viele Kunden seltener in die Werkstatt kommen. Entscheidend ist deshalb auch, dass die Kunden bereits am Standort erkennen: Hier kann ich meine HU durchführen lassen."
Trend zu Ganzjahresreifen
Die Bedeutung der HU hat speziell im Reifenhandel noch zugenommen, da immer mehr Kunden auf Ganzjahresreifen umsteigen. Der steigende Anteil an Ganzjahresreifen reduziert die Besuchsfrequenz in den Filialen deutlich. Je nach Region liegt der Anteil der Ganzjahrespneus zwischen zwölf und 50 Prozent.
"Wenn ein Kunde Ganzjahresreifen fährt, sehen wir ihn im Zweifel drei bis vier Jahre nicht mehr", erklärt Langer. Das erhöht den Druck, zusätzliche Anlässe für Kundenkontakte zu schaffen - etwa über HU oder Serviceangebote.
Stabiles Flottengeschäft
Ein wichtiger Baustein für Reifen Müller ist das Flottengeschäft - sowohl für Pkw-Flotten aber auch im Nutzfahrzeugbereich. Die Filialen betreuen Fuhrparks unterschiedlicher Größe. Zu den Kunden zählt die Bäckerei mit wenigen Lieferfahrzeugen ebenso wie die mittelständische Spedition. Ein weiteres wichtiges ergänzendes Geschäftsfeld ist der mobile Pannenservice für Nutzfahrzeuge an einigen Standorten. "Pro Jahr haben wir 2.500 bis 3.000 Einsätze im Lkw-Reifenpannen-Service."
Elektromobilität: Relevanz wächst
Das Thema Elektromobilität ist zwar präsent, hat aber aktuell noch eine untergeordnete Bedeutung im Tagesgeschäft. Dass das E-Auto im Reifenhandel schon ankommt, bezeugt das Werbeplakat eines Herstellers für einen speziell für E-Autos konzipierten Reifen. "Das Geschäft wird kommen, aber über 90 Prozent unserer Kunden fahren noch Verbrenner - darauf konzentrieren wir uns aktuell", sagt Langer.
- Ausgabe 7/2026 Seite 038 (816.8 KB, PDF)