Das neue Zauberwort im Bereich der Lenkung heißt "Steer by Wire". Gemeint ist damit die Übertragung der Lenkbefehle über elektronische Signale an das Rad, anstatt über eine direkte mechanische Verbindung. Das spart nicht nur Bauraum, sondern ermöglicht auch schnellere Reaktionszeiten. Aufgrund der Verbreitung von automatisierten Fahrfunktionen steigen auch die Anforderungen an die automobile Technik: Das Fahrzeuggewicht soll sinken, Sicherheit und Komfort sollen zunehmen.
Auch die Möglichkeiten zur Personalisierung sollen ausgebaut werden. Bei Steer-by-Wire-Lenksystemen, die sowohl für manuelles wie auch für automatisiertes Fahren ausgelegt sind, entstehen durch den Wegfall der mechanischen Verbindung zwischen Lenkradaktuator und Zahnstangenaktuator auch neue Freiheiten in der Gestaltung des Innenraumes und zur Umsetzung bislang nicht möglicher Funktionen.
So könnte zukünftig beispielsweise bei automatisierter Fahrt das Lenkrad individuell positioniert oder - im Falle hochautomatisierter Fahrzeuge - vorübergehend komplett verstaut werden. Erste Fahrzeuge mit modernen Steer-by-Wire-Lösungen werden in den kommenden Jahren auf die Straße kommen. Sukzessive wird dann auch ein Bedarf für den Aftermarket entstehen. Zulieferer Bosch möchte beispielsweise schon während der frühen Entwicklungsphase darauf achten, die zuverlässige Versorgung der Werkstätten mit Ersatzteilen sicherzustellen.
Ausfallsicherheit gewährleistet
Doch wie ist der Stand von Steer by Wire heute? Wir haben bei den Zulieferern nachgefragt, welche technologischen Entwicklungen in nächster Zeit zu erwarten sind. So treibt Schaeffler laut eigenen Angaben die Entwicklung von Steer-by-Wire-Lenksystemen maßgeblich voran. "Schaeffler arbeitet intensiv und partnerschaftlich mit Kunden zusammen, um deren spezifische Anforderungen direkt in maßgeschneiderte Steer-by-Wire-Lösungen zu übertragen. Dabei legen wir großen Wert darauf, innovative und zuverlässige Lösungen zu entwickeln, die höchsten Ansprüchen an Performance und Sicherheit gerecht werden - sowohl auf Komponenten- als auch auf Subsystemebene", sagt Benjamin Severin, Leiter der Produktgruppe Steer by Wire bei Schaeffler. Beispiele sind der "Hand Wheel Actuator" (HWA), der ein flexibel integrierbares oder sogar vollständig einziehbares Lenkrad ermöglicht.
Dies eröffnet neue Cockpit-Konzepte und steigert gleichzeitig Ergonomie und Bedienerfreundlichkeit. Ergänzt wird der HWA durch den "Force Feedback Actuator" (FFA), der mithilfe eines direktangetriebenen Elektromotors und einer magnetorheologischen Pulverbremse ein präzises und einstellbares Lenkgefühl erzeugt. Durch redundante Systeme soll höchste Ausfallsicherheit gewährleistet werden. "Jüngst am Markt verfügbare Steer-by-Wire-Systeme verzichten vielfach auf eine mechanische Rückfallebene", erklärt Severin. Mehrkanalige Steuergeräte oder redundant gewickelte BLDC-Motoren sollen eine sichere Funktion auch bei Ausfall einzelner Komponenten sicherstellen.
- Ausgabe 3/2026 Seite 016 (622.7 KB, PDF)
""Am Markt verfügbare Systeme verzichten oft auf eine mechanische Rückfallebene.""
Benjamin Serverin, Schaeffler
Richtung zeigen, Fahrzeug lenkt
ZF stellt seine Steer-by-Wire-Technologie als Schlüssel für zukünftige Lenk- und Fahrdynamiklösungen vor. Zudem bildet die Technologie die Grundlage für automatisierte Fahrfunktionen bis Level 4. Ab 2026 liefert ZF Steer by Wire erstmals an einen europäischen Kunden - Mercedes-Benz. Bereits zuvor war das System im Elektroauto Nio ET9 als erstes echtes Serien-Steer-by-Wire-Fahrzeug auf dem chinesischen Markt im Einsatz. Philippe Gasnier, Leiter Forschung & Entwicklung bei ZF Chassis Solutions, betont: "Wir erlauben Fahrzeugherstellern, das volle dynamische Potenzial ihrer Modelle zu entfalten."
Mit der "Torque-Feedback"-Unit wird beispielsweise ein präzises und natürliches Lenkgefühl ermöglicht, in Kombination mit "EasyTurn" kann die Wendigkeit deutlich verbessert werden. Der maximal mögliche Einschlagwinkel der Vorderräder steigt von 40 auf 80 Grad, wodurch der Wendekreis eines typischen Mittelklassewagens auf unter sieben Meter schrumpft. ZF-Projektleiter Peter Kontermann erklärt: "Mit Steer by Wire reichen kleinste Lenkradbewegungen aus, um auf engstem Raum zu rangieren."
Mit dem sogenannten "New Input Device" (NID) zeigt Astemo ein neuartiges Bedienkonzept, das klassische Lenkräder langfristig ablösen könnte. Der Ansatz: Eine intuitive, ermüdungsarme und direktere Form der Fahrzeugführung, die sowohl im Alltag als auch in kritischen Situationen Vorteile bietet. Das NID funktioniert nach einem einfachen Prinzip: der Fahrer zeigt in die Fahrtrichtung, das System setzt dies unmittelbar um. Dadurch entfällt die typische Lenkradbewegung, was die kognitive Belastung reduziert. Gerade in Notmanövern zeigt das System eine schnellere und stabilere Reaktion, da der Fahrer nur in die gewünschte Richtung zeigen muss.