Die Vorbereitungen im Technologiezentrum Fahrzeugsicherheit (TFS) von Mercedes-Benz in Sindelfingen haben Stunden in Anspruch genommen. Der Höhepunkt dauert nur einen Wimpernschlag – genauer gesagt: 300 Millisekunden. Die zwei jeweils gut zwei Tonnen schweren Probanden in fotografisch idealem Orange stellen einen typischen Kreuzungsunfall nach, einen sogenannten T-Bone-Crash. Sie fahren mit je 56 km/h im rechten Winkel aufeinander zu, der Hybrid-CLA erwischt den Stromer ungebremst exakt in der Mitte.
Ein erschreckend lauter Knall, Plastikteile und Glassplitter fliegen durch die Luft. Die Wucht des Aufpralls schleudert die beiden Fahrzeuge einige Meter auseinander. Feuerwehrmänner in dicken Schutzanzügen checken die Kontrahenten. Treten Flüssigkeiten aus, wird der große Akku hinter der Aufprallstelle zu heiß?
Alle Sicherheitssysteme funktionieren
Nach kurzer Zeit ist klar: Es ist alles in Ordnung, die Ingenieure können die beiden Autos genau unter die Lupe nehmen. Und sie sind zufrieden: Alle Sicherheitssysteme haben funktioniert, die Belastungen für die acht Crashtest-Dummies, vier Erwachsene und vier Kinder, liegen unterhalb der biomechanischen Grenzwerte. Das Risiko schwerer oder gar lebensbedrohlicher Verletzungen schätzen die Experten anhand der Daten aus rund 150 Sensoren pro Puppe als niedrig ein. Und: Auch die Hochvoltbatterie ist intakt geblieben, sie hat den brutalen Aufprall gut weggesteckt.
Mercedes Technologiezentrum Fahrzeugsicherheit (FTS)
Mit dem Test-Szenario geht Mercedes weit über die gesetzlichen Anforderungen und über die von Sicherheits-Ratings wie Euro NCAP hinaus. Die schreiben zumindest bisher keine Seitencrashtests von realen Autos vor. Standard sind Aufprall-Situationen gegen feste Barrieren oder fahrende "Stoßwagen". Laut der Mercedes-Unfallforscher ist der gezeigte "echte" Kreuzungsunfall aber wesentlich aussagekräftiger. Immerhin handelt es sich bei rund einem Viertel der Zusammenstöße mit Verletzten um Seitenkollisionen.
Rund 900 Mal kracht es in der gewaltigen, 47.000 Quadratmeter großen TFS-Halle pro Jahr, dazu kommen noch 1.700 Schlittentests, bei denen zum Beispiel eine Rohkarosserie auf einem beweglichen Schlitten montiert wird. Rund 70 unterschiedliche Konstellationen mit Pkw und Lkw sind möglich, ebenso Geschwindigkeiten von bis zu 120 km/h. Hochgeschwindigkeitskameras zeichnen die Zusammenstöße mit bis zu 1.000 Bildern pro Sekunde auf.
Die Erkenntnisse dieser Versuche fließen wie die Auswertung von mittlerweile etwa 6.000 "echten" Unfällen in Deutschland, China und Indien in die Konstruktion von Karosseriestrukturen und Rückhaltesystemen künftiger Modelle ein. Und zwar in Kombination mit virtuellen Crashtests: Jedes Modell durchläuft während seiner Entwicklung laut Mercedes KI-unterstützt rund 15.000 Unfallsimulationen – zusätzlich zu den jeweils circa 150 "echten" Zusammenstößen in der TFS-Halle. Das sei deutlich mehr, als der Gesetzgeber verlange, heißt es.
Digitale Sicherheitskarte kommt 2027
Parallel zum Seiten-Crashtest präsentierten die Forscher das System "Mercedes-Benz Rescue Intelligence", das nächstes Jahr eingeführt werden soll. Es handelt sich dabei um eine digitale, vernetzte Sicherheitskarte, über die eine direkte Verbindung zwischen Unfallfahrzeug und Rettungskräften geschaffen wird. Die Helfer bekommen damit schon bei der Anfahrt Informationen etwa zur Schwere des Unfalls, zur Zahl der Passagiere, zu Airbag- und Gurtstatus und zum Hochvoltsystem. Das soll ein schnelleres und effizienteres Handeln am Unfallort ermöglichen.