asp: Stellantis verfolgt im Aftersales einen Ansatz, der auch ältere Fahrzeuge und den freien Reparaturmarkt adressiert. Worin unterscheidet sich Ihre Strategie von der anderer Automobilhersteller?
Francesco Abbruzzesi: Im Teilegeschäft unterscheiden wir uns grundlegend. Unser Geschäftsmodell ist zu 100 Prozent auf den Aftermarket ausgerichtet. Wir sagen deshalb scherzhaft: Wir sind eine Aftermarket-Organisation, die zusätzlich Originalteile verkaufen kann. Seit der Entstehung von Stellantis haben wir unser Portfolio nach dem One-Stop-Shop-Prinzip aufgebaut. Das Angebot reicht von Originalteilen über unsere Eigenmarke Eurorepar by Stellantis und Produkte von Zulieferern in deren Originalverpackung bis zu SUSTAINera mit wiederaufbereiteten Teilen. Dazu kommen Öle und Flüssigkeiten. Unser Angebot ähnelt damit dem eines großen Aftermarket-Großhändlers.
asp: Wie bringen Sie dieses breite Sortiment in den Markt?
F. Abbruzzesi: Auch die Distribution ist nach dem Vorbild des freien Teilemarkts organisiert. Unser Distrigo-Netz umfasst mehr als 500 Partner unterschiedlicher Größe in Europa. Hinzu kommt Eurorepar Car Service als Werkstatt-Franchisenetz. Wir denken wie ein Aftermarket-Distributor und verstehen uns als Marktteilnehmer im freien Aftermarket. Gleichzeitig verfügen wir über Originalteile für die eigenen Marken und unser autorisiertes Reparaturnetz.
asp: Was war die Idee hinter Eurorepar Car Service?
F. Abbruzzesi: Das Netz gibt es seit mehr als zehn Jahren. Es soll nicht nur Stellantis-Fahrzeuge, sondern Fahrzeuge aller Marken betreuen, in der Regel Autos, die älter als fünf Jahre sind. Das Netzwerk ist vollständig auf den Aftermarket ausgerichtet.
asp: Gleichzeitig verändert die Elektromobilität das Reparatur- und Teilegeschäft. Was bedeutet das für Ihr Werkstattnetz?
F. Abbruzzesi: Ein batterieelektrisches Fahrzeug benötigt im Vergleich zu einem Verbrenner ungefähr 35 Prozent weniger Ersatzteile. Um das Geschäft zu erhalten, müssen wir deshalb unser Tätigkeitsfeld erweitern. Für Eurorepar Car Service bieten wir spezielle Schulungen und Werkzeuge an. Unser autorisiertes Netz ist bereits auf BEV und Hybridfahrzeuge vorbereitet.
asp: Wie groß ist Eurorepar Car Service heute?
F. Abbruzzesi: Europaweit haben wir rund 5.000 Betriebe. In Deutschland waren es zu Jahresbeginn etwa 630, bis Jahresende wollen wir 730 erreichen. Für uns ist entscheidend, die Partner bei der Transformation zur E-Mobilität zu unterstützen, damit sie künftig auch BEV und Hybridfahrzeuge betreuen können.
asp: Welche Rolle spielt das Distrigo-Netzwerk in dieser Strategie?
F. Abbruzzesi: Zwischen Stellantis und dem Reparaturbetrieb steht das Distrigo-Netz. Damit bringen wir die Bestände näher an die Kunden, sowohl an Vertragswerkstätten als auch an freie Reparaturbetriebe. Im Aftermarket muss man Werkstätten zwei-, drei- oder viermal täglich beliefern können. Das funktioniert nur mit kundennahen Beständen. In Europa haben wir 143 größere Hubs sowie kleinere Relais-Verteilerstationen und die Märkte.
asp: Welche Aufgabe übernimmt dabei das Joint Venture Octago?
F. Abbruzzesi: Octago soll Ausbau und Professionalisierung von Eurorepar Car Service beschleunigen. Eine wesentliche Aufgabe besteht darin, Distrigo und Eurorepar Car Service enger miteinander zu verbinden. Die Außendienstorganisation soll bestehende Partner weiterentwickeln und neue Partner gewinnen. Heute haben wir europaweit rund 5.000 Betriebe, bis 2030 sollen es 8.500 sein.
asp: Welche Märkte stehen dabei im Fokus?
F. Abbruzzesi: Deutschland ist einer unserer wichtigsten Märkte. Hinzu kommen Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien. Die Strukturen im Aftermarket sind in den Ländern ähnlich, die Unterschiede liegen vor allem im Fahrzeugbestand.
asp: Welche Werkstätten wollen Sie als neue Partner gewinnen?
F. Abbruzzesi: Uns ist eine gute geografische Abdeckung wichtig. Deshalb kommen auch kleinere Werkstätten infrage. Ein Schwerpunkt liegt bei sogenannten Large Buyers mit einem jährlichen Teileeinkauf von mehr als 120.000 Euro. Zusätzlich haben wir ein neues Label für Karosserie- und Lackierbetriebe entwickelt.
asp: Was steckt hinter diesem neuen Konzept?
F. Abbruzzesi: Es handelt sich um ein markenübergreifendes Karosseriekonzept. In Italien wurde es bereits unter der Bezeichnung „Carrozzeria Multimarca“ eingeführt. Weitere Länder, darunter Deutschland, sollen folgen. Zielgruppe sind freie Karosseriewerkstätten für alle Fabrikate.
asp: Wie wollen Sie diese Betriebe gewinnen?
F. Abbruzzesi: Wir haben mit dem Joint Venture Octago einen eigenen Außendienst aufgebaut. Er besucht die Betriebe einzeln und spricht geeignete freie Werkstätten direkt an. Dabei konzentrieren wir uns auf unabhängige Betriebe ohne Konzeptbindung.
asp: Welche Leistungen erhalten potenzielle Partner?
F. Abbruzzesi: Sie erhalten neben Teilen auch technische Informationen, Reparaturdaten und Unterstützung. Die Karosseriebetriebe werden innerhalb des Eurorepar-Car-Service-Auftritts entsprechend gekennzeichnet und auf unserer Website als entsprechende Standorte ausgewiesen. Außerdem wollen wir Vereinbarungen mit Versicherern entwickeln. In Deutschland besteht derzeit allerdings noch keine solche Vereinbarung.
asp: Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
F. Abbruzzesi: Über Octago wollen wir Werkzeuge für das Kundenbeziehungsmanagement bereitstellen. Viele kleine Werkstätten sind Familienbetriebe und haben solche digitalen Lösungen nicht. Auf Basis ihrer Kundendaten können sie damit beispielsweise Mailings oder SMS-Kampagnen erstellen.
asp: Wie weit ist Opel in das Stellantis-Aftersales-Geschäft integriert?
F. Abbruzzesi: Teile und Service sind vollständig integriert. Auch die früheren Opel-Strukturen laufen über dieselben Systeme wie die anderen Stellantis-Produkte. Wir haben erheblich in das frühere Opel-Lager in Bochum investiert. Zusammen mit Vesoul und Rivalta gehört es heute zu unseren drei wichtigsten Lagern in Europa. Wir investieren dort insbesondere in Automatisierung. Der Umbau ist gerade abgeschlossen worden.
asp: Was verstehen Sie unter dem von Stellantis propagierten 360-Grad-Serviceansatz?
F. Abbruzzesi: Wir wollen mit unserem Produktportfolio das gesamte Aftermarket-Geschäft abdecken, sowohl für unseren eigenen Fahrzeugbestand als auch darüber hinaus. Stellantis-Fahrzeuge machen rund 20 Prozent des europäischen Fahrzeugbestands aus.
asp: Welche Rolle spielen dabei Gebrauchtteile?
F. Abbruzzesi: Wir investieren stark in dieses Geschäft. Dazu haben wir mit B-Parts eine Plattform für gebrauchte Autoteile übernommen. Die Nachfrage der Versicherungsunternehmen ist hoch. Wir betreiben zudem einen eigenen Demontagebetrieb in Turin, einer von aktuell drei Stellantis Circular Economy Hubs weltweit. Dort zerlegen wir Fahrzeuge aus unserem eigenen Bestand, um gebrauchte Teile wieder in Verkehr zu bringen.