Ein Blick in die Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) verdeutlicht die massive Leistungsentwicklung von Pkw in den vergangenen beiden Jahrzehnten eindrucksvoll: Hatten Neuwagen in Deutschland zur Jahrtausendwende im Durchschnitt noch 78 kW/106 PS unter der Haube, waren es im Jahr 2023 bereits 124 kW/169 PS. Gleichzeitig kletterte das Leergewicht der Fahrzeuge im selben Zeitraum um rund ein Viertel.
SUV treiben Gewicht und Leistungsbedarf
Ein großer Treiber dafür sind SUV. Machte ihr Anteil im Jahr 2005 lediglich 6 Prozent der Neuzulassungen aus, stieg er in Europa bis 2024 auf stattliche 54 Prozent. Da SUV wesentlich schwerer sind als die meisten klassischen Pkw-Bauarten, müssen auch die Reifendimensionen stetig wachsen, um das höhere Gewicht überhaupt sicher tragen zu können. Für die Reifenindustrie bedeutet diese Entwicklung einen echten Kraftakt.
Der rasante Aufstieg der Elektromobilität verschärft die Situation für die Ingenieure weiter. Denn die Batterien von Elektroautos erhöhen die Fahrzeugmasse nochmals deutlich. Moderne Antriebe, ob E-Motoren oder turboaufgeladene Verbrenner, liefern zudem aus dem Stand heraus Drehmoment- und Beschleunigungswerte, die früher Sportwagen vorbehalten waren.
"Hohe Drehmomente sind heute Alltag geworden", erklärt Jan Oliver Götz, Head of Product Management bei Continental. "Ein Supersportwagen wie der Ferrari F40 von 1987 hatte 577 Newtonmeter Drehmoment, während ein aktueller Elektro-Kombi wie der VW ID.7 GTX über 679 Newtonmeter verfügt."
Gleichzeitig müssen die Reifen für Elektroautos aufgrund des fehlenden Verbrennungsmotors und der Reichweitenangst vieler Kunden besonders geräusch- und rollwiderstandsoptimiert sein.
UHP-Reifen als Antwort auf neue Anforderungen
Die Antwort der Reifenindustrie auf diese komplexen Anforderungen sind Ultra-High-Performance-Reifen (UHP). Laut gängiger Branchen-Definition handelt es sich dabei um Reifen ab einer Größe von 18 Zoll, die in ihrer Bauweise und Gummimischung oft Know-how aus dem Motorsport übernehmen, etwa von der auf Rennreifen spezialisierten Continental-Tochter Hoosier. Sie zeichnen sich durch einen geringen Profilquerschnitt und Geschwindigkeitsfreigaben bis zu 300 km/h aus.
Bei Continental boomt dieses Segment massiv: Machten UHP-Reifen im weltweiten Pkw-Reifengeschäft des Herstellers 2020 noch 49 Prozent des Umsatzes aus, stieg dieser Anteil bis 2025 auf 62 Prozent. Der UHP-Anteil am gesamten EMEA-Reifenmarkt, also in Europa, dem Nahen Osten und Afrika, wuchs bis 2025 auf 32 Prozent.
Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, will der Konzern bis Ende 2027 mehr als 650 neue Reifendimensionen in diesem Segment auf den Markt bringen. Im Fokus stehen großformatige Rad-Reifen-Kombinationen für Performance-SUV, Premiumlimousinen und leistungsstarke Elektrofahrzeuge.
Geräuschkomfort wird zum Entwicklungsfaktor
Durch Elektrofahrzeuge verschieben sich die technologischen Schwerpunkte in der Entwicklung. Ein kritischer Aspekt ist das fehlende Motorgeräusch, wodurch die Abrollgeräusche im Innenraum plötzlich dominieren. Hier setzt Continental unter anderem auf die "ContiSilent"-Technik: Ein spezieller Polyurethanschaum im Reifenhohlraum absorbiert störende Resonanzen und soll den Lärmpegel im Innenraum um bis zu zehn Dezibel senken. Das menschliche Ohr nimmt dies etwa als Halbierung der Lautstärke wahr.
Nachhaltigkeit rückt in den Mittelpunkt
"Auch Nachhaltigkeit ist heute ein absoluter Megatrend im Reifendesign", betont Dr. Andreas Topp, Vice President Material & Process Development bei Continental.
Das belegt das aktuelle Forschungsprojekt ZEVRA, an dem Continental als einziger Reifenhersteller beteiligt ist. Der entsprechende Konzeptreifen besteht bereits zu 43 Prozent aus recyceltem Material, zu 13 Prozent aus erneuerbaren Rohstoffen und zu 25 Prozent aus sogenannten Massenbilanz-Materialien.
Premiumhersteller verteidigen Technologievorsprung
Auf dem hart umkämpften Reifenmarkt wächst der Wettbewerb spürbar, da asiatische Hersteller verstärkt mit aggressiven Preisen nach Europa drängen. Dennoch zeigt sich in den zahlreichen, teils stark reglementierten Reifentests der europäischen Fachpresse und Automobilclubs regelmäßig, dass etablierte Premiumhersteller bei der Lösung von Zielkonflikten, etwa gutem Nassgriff bei niedrigem Rollwiderstand und geringem Abrieb, nach wie vor vorn liegen.
Digitalisierung beschleunigt die Entwicklung
Um diesen technologischen Vorsprung zu verteidigen und die Flut an neuen Fahrzeugderivaten abzudecken, betreiben die Entwickler im Hintergrund einen enormen Aufwand. Das globale Erprobungsteam von Continental absolviert jährlich etwa 80.000 Prüfläufe mit 340.000 Testreifen über insgesamt 40 Millionen Kilometer. Das entspricht rund 1.000 Erdumrundungen.
Für wetterunabhängige Präzision bei Bremsvorgängen nutzen die Ingenieure beispielsweise den vollautomatisierten Automated Indoor Braking Analyzer, einen selbst entwickelten Fahrroboter.
Doch der größte Effizienztreiber der heutigen Zeit ist die Digitalisierung: Mithilfe virtueller Fahrzeug- und Reifenmodelle im modernen Conti Driving Simulator können Entwicklungszyklen, die mit echten Testreifen früher rund drei Monate in Anspruch nahmen, rein virtuell in wenigen Stunden absolviert werden. Etwa 10.000 gebackene Testreifen und 100.000 Erprobungskilometer spart der Konzern so jedes Jahr ein.
Es sind genau diese wertvollen Ressourcen, die Continental und andere Reifenhersteller letztlich benötigen, um die gesetzlichen Vorgaben von morgen, etwa die kommenden Euro-7-Abriebgrenzwerte, fristgerecht und sicher auf die Straße zu bringen.