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Gelenkspieltester: Gefährliches Spiel

AHS empfiehlt, Gelenkspieltester rechtzeitig zu bestellen und Zeit für Planung mit einzukalkulieren.
© Foto: AHS

Spiel in Fahrwerkskomponenten gilt als erhebliches Sicherheitsrisiko. Beim Pkw wird im Rahmen der HU jetzt schon ein besonderes Augenmerk darauf gelegt. Ab Mai 2023 soll die Richtlinie 2014/45/EU die Sicherheit bei Transportern erhöhen.


Datum:
23.12.2021
Autor:
Marcel Schoch
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Kurzfassung

Ab Mai 2023 soll die HU-Richtlinie 2014/45/EU voll in Kraft treten. Auch bei Fahrzeugen über 3,5 Tonnen soll dann das Spiel von Gelenken im Fahrwerk sicher zu prüfen sein. Wir haben uns bei den Ausrüstern umgehört.

Bereits im April 2014 kamen das Europäische Parlament und der Rat überein, die HU schrittweise dem Stand der Technik anzupassen. Unter anderem finden sich im Anhang III, Absatz 8 der Richtlinie 2014/45/EU die technischen Vorgaben für Geräte zur Prüfung der Rad-Achs-Aufhängung von Fahrzeugen schwerer als 3,5 Tonnen ohne Anheben der Achsen. So müssen diese laut Vorgabe mit mindestens zwei kraftbetriebenen Platten ausgestattet sein, die sowohl in Längs- als auch in Querrichtung entgegengesetzt voneinander bewegt werden können. Die Bewegung der Platten ist dabei durch den Bediener von seiner Prüfposition aus zu steuern. Der Verfahrweg in Längs- und Querrichtung hat dabei mindestens 95 Millimeter, die Verfahrgeschwindigkeit in Längs- und Querrichtung 5 cm/s bis 15 cm/s zu betragen.

Planung und Umbau einkalkulieren

Die Vorgabe soll vor allem sicherstellen, dass unzulässiges Spiel in Fahrwerkskomponenten auch bei Fahrzeugen über 3,5 Tonnen detektiert werden kann, da dies mit reiner Muskelkraft dort nicht mehr möglich ist. Aus diesem Grund müssen die Prüfstellen der Überwachungsorganisationen, aber auch alle Kfz-Werkstätten, die Hauptuntersuchungen im Haus anbieten, ab Mai 2023 einen solchen richtlinienkonformen Gelenkspieltester für die HU zur Verfügung stellen. Ansonsten kann eine HU nicht mehr abgenommen werden.

Da noch Zeit ist, rechtzeitig nachzurüsten, haben wir bei den Herstellern von Gelenkspieltestern nachgefragt, ob die im Handel verfügbaren Geräte die neuen Vorgaben bereits erfüllen beziehungsweise ob Altgeräte nachgerüstet werden können. Wir wollten auch wissen, ob eine Nachrüstung bereits jetzt von den jeweiligen Herstellern empfohlen wird.

Bei AHS Prüftechnik aus Ganderkesee erfüllt der aktuelle Gelenkspieltester AHS GST 1602 bereits heute die Voraussetzungen der Richtlinie 2014/45/EU. Eine Nachrüstung älterer AHS-Gelenkspieltester ist jedoch nicht möglich. Janna Schneider von der Firmenleitung weist zudem darauf hin, dass, vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Bremsprüfstandsrichtlinie, es sehr ratsam ist, eine Aufrüstung oder Neu-Ausstattung nicht erst kurz vor Toresschluss im Jahr 2023 vorzunehmen. Grund für den Hinweis sind weniger drohende Lieferengpässe als vielmehr die Notwendigkeit baulicher Vorbereitungen, die entsprechend Zeit in Anspruch nehmen. Deswegen sollten sich Werkstätten auf jeden Fall rechtzeitig mit dieser Thematik auseinandersetzen.

Autopstenhoj aus Rheine teilt mit, dass seine Gelenkspieltester der Serie Testmaster APT 4 Flat, APT 4 Pit, APT 8 Pit und APT 20 Pit (4 t, 8 t und 20 t) die Mindestanforderung der Richtlinie 2014/45/EU erfüllen oder zum Teil sogar übertreffen. Ob bereits verbaute Gelenkspieltester nach Mai 2023 für die HU weiterverwendet werden können, kann die Werkstatt mit der Übermittlung der Seriennummer des Gelenkspieltesters an einen der Autopstenhoj-Servicepartner klären lassen. Ferner empfiehlt man, ebenfalls vor dem Hintergrund der Bremsprüfstandsrichtlinie, bereits jetzt, Gelenkspieltester nachzurüsten. So können heute schon ausgeschlagene Achsen oder Lenkungen erkannt werden, bevor der Defekt zu schweren Unfällen führt.

Nachrüstung möglich

Beissbarth aus München wird ab dem ersten Quartal 2022 den Gelenkspieltester GST 8600 (Beissbarth P/N1691850200) anbieten. Es ist ein 20-Tonnen-Überfahrgerät, das konform mit der Richtlinie 2014/45/EU ausgelegt ist. Die bestehenden Gelenkspieltester des Münchner Herstellers können nicht gemäß Richtlinie 2014/45/EU nachgerüstet werden. Der neue GST 8600 lässt sich jedoch ohne Anpassungen in den Installationsrahmen des Vorgängers GST 8508 problemlos einbauen. Gian Luigi Orzi, Produktmanager bei Beissbarth, empfiehlt darüber hinaus, eine Umrüstung schon vor dem Stichtag Mai 2023 nur dann vorzunehmen, wenn es zu Problemen beziehungsweise Defekten des Alt-Produkts kommen sollte.

Die Gelenkspieltester von Cosber aus München-Grasbrunn erfüllen alle die Richtlinie 2014/45/EU. Dies gilt auch uneingeschränkt für ältere Modelle. Josef Winkler, Development Director bei Cosber, empfiehlt Lkw-Werkstätten, aber auch Pkw-Werkstätten, die an Fahrzeugen schwerer 3,5 Tonnen arbeiten, sich frühzeitig um die Beschaffung eines Gelenkspieltesters zu kümmern, da sonst die Gefahr von Lieferengpässen und Preiserhöhungen drohe. Gleichzeitig gibt er zu bedenken, dass es bisher keine nationale deutsche Umsetzung der EU-Richtlinie bezüglich Gelenkspieltester gibt. Auch hätte der Gesetzgeber immer etwas Spielraum bei der Umsetzung.

Die beiden Gelenkspieltester PMS 3.5 (Achslast bis 3,5 Tonnen) und LMS 20.0 (Achslast bis 20 Tonnen) von MAHA aus Haldenwang erfüllen ebenfalls die Anforderungen der EU-Richtlinie 2014/45/EU. Sie sind beide ausschließlich für die Grube geeignet. Achsspieltester früherer Baujahre, das heißt vor Einführung der Richtlinie, können zudem umgerüstet werden, damit sie der Richtlinie entsprechen. Auch MAHA empfiehlt allen Werkstätten, die an Fahrzeugen schwerer als 3,5 Tonnen arbeiten, bereits jetzt die Umrüstung vorzunehmen.

Beim Werkstattausrüster Sherpa aus Ampfing sind vier Gelenkspieltester mit unterschiedlicher Tonnage im Portfolio, die die Anforderungen an die EU-Richtlinie 2014/45/EU bereits heute schon erfüllen (AST-4.3.Pit; AST-8.3.Pit; AST-20.3.Pit; AST-20.3.Pit-SW). Um zu erfahren, ob eine Umrüstung älterer Gelenkspieltester (vor 2020) des Herstellers möglich ist, muss zunächst ein Abgleich der Anlagen-Seriennummer erfolgen.

Auch wird jeder Einzelfall individuell geprüft, da es immer auf das jeweilige Modell und die Umstände vor Ort ankommt. Umrüstungen sind jedoch in vielen Fällen möglich. Da die landesspezifische Umsetzung derzeit noch aussteht und für den Pkw-Bereich (bis 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht) aktuell keine Änderungen anfallen, hält sich Sherpa mit einer Umrüstempfehlung zurück. Grundsätzlich aber macht eine Überprüfung durch einen Gelenkspieltester für Werkstätten immer Sinn, um die Fahrzeugsicherheit zu gewährleisten.

Thomas Sieber, Technischer Leiter bei TÜV SÜD und verantwortlich für die Prüfmittel bei der Hauptuntersuchung in den Werkstätten, nimmt Stellung zu den in der HU-Richtlinie 2014/45/EU geforderten Gelenkspieltestern.

"Mit der HU-Richtlinie 2014/45/EU möchten das Europäische Parlament und der Rat ab Mai 2023 neue Maßstäbe bei der HU und der Fahrzeugsicherheit setzen. Unter anderem soll eine Lücke geschlossen werden. Sind nämlich Gelenkspieltester bei der HU von Pkw schon längst als Prüfmittel etabliert, gibt es bei Fahrzeugen über 3,5 Tonnen nach wie vor Probleme, das Spiel von Gelenken im Fahrwerk sicher zu prüfen. Damit könnte aber nach Inkrafttreten der HU-Richtline 2014/45/EU Schluss sein. Denn mit der Einführung von Achsspieltestern auch für schwere Fahrzeuge könnten Überwachungsorganisationen, aber auch Kfz-Werkstätten, die an Fahrzeugen schwerer als 3,5 Tonnen arbeiten, sicherer Gelenkschäden und übermäßiges Spiel im Fahrwerk von Leichttransportern und Lkw diagnostizieren. Der Gesetzgeber hat die StVZO mit der 55. Verordnung zur Änderung straßenverkehrsrechtlicher Vorschriften entsprechend angepasst. Allerdings gibt es hinsichtlich der genauen Umsetzung der Anforderung derzeit noch Unsicherheiten. Diesbezüglich läuft daher eine Anfrage beim Bundesverkehrsministerium (BMVI)."

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