asp: Herr Dackam, das große Thema der Branche ist aktuell der Wandel hin zur Elektromobilität. Inwieweit ist Mann + Hummel als Hersteller von Kraftstoff- und Luftfiltern davon betroffen?
C. Dackam: Dieser Wandel ist für Mann + Hummel kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern eine Weiterentwicklung unserer Kernkompetenz. Wir sind seit über 85 Jahren im Bereich Filtration tätig. Unsere Mission besteht seit jeher darin, das Notwendige vom Schädlichen zu trennen, unabhängig von der Antriebstechnologie. Auch Elektrofahrzeuge benötigen Filtration, zum Beispiel zum Schutz der Batterie vor Staub, da Luft zur Kühlung eingesetzt wird. Zudem bleiben Innenraumfilter ein wichtiges Thema, in das wir in den vergangenen Jahren stark investiert haben. Unser Portfolio deckt Luft-, Öl-, Kraftstoff-, Hydraulik- und Innenraumfilter ab, nicht nur für Pkw, sondern auch für Industrie, Bergbau, Agrar- sowie Bau- und Landmaschinen.
asp: Neben der Luftfiltration für Batterien: Gibt es auch bei Flüssigkeiten im Elektrofahrzeug einen Filterbedarf?
C. Dackam: Ja, im Batteriesystem spielt das Thermomanagement eine wichtige Rolle. Auch bei Brennstoffzellen und in den Achssystemen werden Filter benötigt.
asp: Oft heißt es, Elektrofahrzeuge hätten 30 bis 50 Prozent weniger Ersatzteile als Verbrenner. Lässt sich das so auf Filter übertragen?
C. Dackam: Bei klassischen Verbrennern standen Luft-, Öl- und Kraftstofffiltration im Vordergrund. Bei elektrischen Antrieben rücken andere Systeme in den Fokus, etwa Batteriesysteme, Leistungselektronik, E-Achsen, Bremsen und Thermomanagement. Diese Systeme sind hochsensibel und erfordern sehr hochwertige Produkte. Die Anzahl der Filter kann sich verändern, der Wert der einzelnen Komponenten steigt jedoch.
asp: Die Anforderungen an Filter steigen also?
C. Dackam: Absolut. Es geht um präzise Partikelkontrolle, Feuchtigkeit und chemische Stabilität. Filtration wird systemischer gedacht. Wir betrachten nicht mehr nur Einzelkomponenten, sondern integrierte Kreisläufe, etwa bei gemeinsamen Kühlmedien oder komplexen Batteriethermomanagement-Systemen.
asp: Werden beim E-Auto die Filter weiterhin gewechselt?
C. Dackam: Es gibt zwar sogenannte Lifetime-Filter, aber es wird weiterhin auch austauschbare Filter geben. Zudem ist der weltweite Fahrzeugbestand nach wie vor stark vom Verbrennungsmotor geprägt. In vielen Regionen wie Afrika oder Südostasien ist Elektromobilität derzeit keine Priorität.
asp: Bleibt der Filtertausch beim Service also ein relevantes Werkstattgeschäft?
C. Dackam: Auf jeden Fall. Nehmen Sie den Innenraumfilter: Die Entwicklung ging von der reinen Partikelfiltration über Aktivkohle bis hin zu biofunktionalen Beschichtungen, die auch Mikroorganismen reduzieren. Gesundheit im Fahrzeug gewinnt für neue Fahrzeuggenerationen und die junge Kundschaft zunehmend an Bedeutung.
asp: Welche Rolle spielen Forschung und Entwicklung bei Mann + Hummel?
C. Dackam: Innovation war bei uns immer zentral. Wir haben einen eigenen Geschäftsbereich für Filtrationsmaterialien aufgebaut. Früher haben wir Materialien teilweise zugekauft, heute entwickeln wir sie selbst. Das verschafft uns Differenzierung und Mehrwert, da wir Automotive, Nutzfahrzeuge, Industrie und Wasseranwendungen abdecken.
asp: Wie groß ist dieser Entwicklungsbereich?
C. Dackam: Weltweit arbeiten fast eintausend Mitarbeiter in der Entwicklung. Im Jahr 2024 haben wir 128 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung investiert.
asp: Welche neuen Anforderungen kommen vonseiten der Automobilindustrie?
C. Dackam: Nachhaltigkeit ist ein klarer Megatrend. Themen wie Abfallreduzierung und CO2-Fußabdruckanalysen sind sehr wichtig. Wir haben eigene Software entwickelt, um CO2-Bilanzen zu berechnen und Systeme zu optimieren. Zudem setzen wir im Independent Aftermarket zunehmend nachhaltigere Materialien ein, etwa alternative Schäume oder Lignin-basierte Werkstoffe.
asp: Der Bereich Independent Aftermarket wächst bei Mann + Hummel. Was treibt dieses Wachstum?
C. Dackam: Zum einen die regionale Expansion. Wir sind heute stark in Afrika, dem Mittleren Osten, Südostasien und Lateinamerika präsent. Im Aftermarket gibt es regional große Unterschiede, weil Märkte unterschiedlich strukturiert sind. In Asien spielen beispielsweise Online-zu-Offline-Modelle eine große Rolle. Das heißt, der Kunde bestellt einen Filter online und lässt ihn in einer Kfz-Werkstatt vom Profi einbauen. Weltweit steigt das Alter der Fahrzeuge, was den Bedarf an Aftermarket-Produkten erhöht.
asp: Wie entwickelt sich Europa im Vergleich?
C. Dackam: Europa ist relativ stabil. Das größte Wachstum sehen wir aktuell in Asien. Von den rund 1,2 Milliarden Pkw, die weltweit im Einsatz sind, fahren etwa 320 Millionen in China.
asp: Welche Rolle spielen Onlineplattformen?
C. Dackam: Onlineplattformen wie Amazon gewinnen klar an Bedeutung und sind auch für uns relevant. In China werden rund 20 Prozent des Aftermarket-Volumens über Onlinekanäle abgewickelt.
asp: Mit welchen Marken sind Sie im deutschen Markt vertreten?
C. Dackam: In Deutschland bieten wir Mann-Filter als Premiumqualität und Filtron, eine als Mittelklasse positionierten Marke, die auf die Bedürfnisse von Werkstätten ausgerichtet ist.
asp: Was zeigen Sie auf der Automechanika?
C. Dackam: Wir werden Innovationen in den Bereichen Nachhaltigkeit, Leistungssteigerung, Materialien und Digitalisierung zeigen. Ein Thema sind Smart Filter, also Filterlösungen mit Sensorik, die Informationen über Luftqualität oder Restleistung liefern können.
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