Conti-Aufseher: Autoindustrie wird politisch zerstört

Wolfgang Reitzle, Aufsichtsratsvorsitzender bei Continental.
© Foto: Continental

Wolfgang Reitzle, Chefaufseher bei Continental, macht die Politik mitverantwortlich für die zahlreichen Stellenstreichungen beim Autozulieferer.


Datum:
01.10.2020
Lesezeit: 
3 min

3 Kommentare

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Der Chefaufseher des Autozulieferers Continental hat der Politik eine Mitschuld am weitreichenden Stellenabbau des Konzerns vorgeworfen. "Man zerstört politisch die Autoindustrie, die ja noch 99 Prozent ihrer Wertschöpfung durch Autos mit Verbrennungsmotor generiert", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle dem Nachrichtenportal "The Pioneer" (Donnerstag).

Hersteller und Kunden würden in die "noch nicht wirklich marktreife E-Mobilität" getrieben, der Verbrenner "diffamiert". "Ergebnis: Wir müssen Fabriken schließen und Arbeitsplätze abbauen", sagte Reitzle.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil wies die Kritik zurück. Die Autoindustrie, auch die Zulieferer, müssten sich vorhalten lassen, zu spät auf den Strukturwandel reagiert zu haben, sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Hannover, wo Continental seinen Sitz hat. Die Probleme der Branche seien unbestritten, besonders kleine und mittlere Zulieferer seien in ihrer Existenz bedroht, stellte Weil fest. Dennoch sage er aus Überzeugung: "Wir müssen raus aus dem Verbrennermotor. Wir müssen rein in die Elektromobilität."

Continental ist der zweitgrößte Autozulieferer der Welt. Am Mittwoch hatte der Aufsichtsrat unter dem Druck der Branchenkrise und der Corona-Auswirkungen einem verschärften Sparkurs zugestimmt. Insgesamt will Conti weltweit 30.000 Stellen "verändern", davon 13.000 in Deutschland. Neben dem Wegfall von Stellen zählen auch Umschulungen von Mitarbeitern und Verlagerungen von Jobs dazu. Arbeitnehmervertreter kritisierten die Pläne scharf. (dpa)

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KOMMENTARE


malnefrage

01.10.2020 - 16:26 Uhr

Das Statement von Herrn Reitzle ist an Dreistigkeit und Schamlosigkeit nicht mehr zu überbieten. Das also ist der Dank dafür, dass der Steuerzahler in immer kürzeren Abständen die Verluste aus unternehmerischem Totalversagen der Konzernführung auszugeichen hat. Seit gut 20 Jahren ignoriert die Automobilindustrie konsequent alle wissenschaftlichen Erkenntnisse und politischen Kurswechsel. Dabei wird die Industrie nicht müde, uns weiszumachen, dass der Markt alles von alleine regele, der Staat nicht der bessere Unternehmer sei und andere Schmähungen gegen gewählte Regierungen und das steuerzahlende Volk. Setzen, 6, Herr Reitzle. Ich schäme mich fremd für Ihr schäbiges Verhalten. Nochmal. Niemand anders als die beratungsresistenten Konzernführer selbst tragen die volle Verantwortung für das selbst angerichtete Desaster. Völlig überzogene Managergehälter und Dividenden bezahlt ab jetzt der Steuerzahler, danke für nichts.


Hansi

02.10.2020 - 10:39 Uhr

@malnefrage Stimme dem Kommentar fast vollumfänglich zu! Nur in einem Punkt hat Herr Reitzle recht: Die Politi setzt die Rahmenbedingungen und überwacht deren Einhaltung. Dies geschieht bei Automobil, Pharma und anderen großen Industrien nur inkonsequent, vorsichtig formuliert. Liegt wohl an der Lobbyarbeit dieser Industrien. Hatte Politik konsequent die Einhaltung der selbst gemachten Regeln eingefordert, wäre uns der Dieselskandal erspart geblieben.


Gutachter

02.10.2020 - 18:19 Uhr

hallo malnefrage, ich finde, dass Herr Reitzle absolut Recht hat. Aber es ist natürlich einfach, immer auf die Industrie einzuschlagen, vor allem wenn man ideologisch entsprechend vorbelastet ist. Die Politik hat den Herstellern in Bezug auf CO2-Ausstoß Vorgaben gemacht, die mit konventioneller Technik momentan nicht umsetzbar sind. Die Umstellung auf neue Antriebsformen braucht aber Zeit, und es macht auch keinen Sinn so zu tun, als ob die Rettung des Klimas nur durch batteriebetriebene Fahrzeuge möglich ist. Jeder Techniker weiß, dass die geforderten Werte allenfalls von Kleinwagen mit Mindestmotorisierung erreicht werden können. Und auch die Elektrofahrzeuge einschließlich der Hybrid-Pkw können diese Werte eigentlich nicht erreichen oder gar unterschreiten. Außer man belügt sich selbst, rechnet die Verbrauchswerte bei diesen Fahrzeugen schön und geht davon aus, dass der Strom ja sowieso aus der Steckdose kommt. Den Herstellern wird aber der Batterieantrieb als einzige kurzfristig umsetzbare Technik gewaltsam aufs Auge gedrückt, ohne Rücksicht darauf, dass vielleicht andere Techniken zur CO2-Reduzierung geeigneter wären. Und ohne Rücksicht darauf, dass die Entwicklung der Elektroantriebe Unsummen verschlingt, die die Industrie zumindest übergangsweise nur mit dem Verkauf von "bösen Verbrennern" finanzieren kann. Außerdem: was würde es für einen Sinn machen, nur noch batteriebetriebene Fahrzeuge zuzulassen und zu produzieren, die aber momentan kaum jemand kaufen will? Am Käufer vorbei zu entwickeln und zu produzieren wäre der sichere Tod unserer Fahrzeugindustrie, von der halb Deutschland lebt. Es wird für Jahrzehnte nur ein Mix aus verschiedenen Antriebsformen möglich und erforderlich sein, da batteriebetriebene Fahrzeuge nicht für alle Einsatzzwecke geeignet und auch noch viele ungeklärte Fragen offen sind. Und niemand weiß heute, welche Antriebsform sich letztlich durchsetzen wird. Daher macht es Sinn, parallel auch z.B. Brennstoffzelle, synthetische Kraftstoffe und Wasserstofftechnologie zu erforschen - was die Industrie wiederum nur kann, wenn sie das Geld dazu in der Übergangszeit mit Verbrennern verdienen kann. Also: Gebt doch der Industrie nicht die Antriebsform vor, sondern die Zeit, neue Techniken zu erforschen und zur Serienreife zu entwickeln. Das geht nicht innerhalb kurzer Zeit. Und was spricht eigentlich gegen Verbrenner, die mit einer (zunehmenden?) Beimischung von synthetischem Kraftstoff betrieben werden? Damit würde sich eine CO2-Reduktion in der Übergangsphase am schnellsten und effektivsten umsetzen lassen. Denn diese Kraftstoffe könnten eventuell sofort auch inden 45 Millionen Fahrzeugen mit Verbrennern eingesetzt werden. Oder wie sieht es aus mit wasserstoffbetriebenen Verbrennungsmotoren, die technisch problemlos und kurzfristig darstellbar wären? Das hat BMW schon vor 20 Jahren bewiesen. Dann ist am Ende auch noch der Käufer da, der erst von den neuen Techniken überzeugt werden muss. Denn er wird diese erst kaufen, wenn er von den Vorteilen überzeugt ist und nicht das Risiko von teuren Schäden an nur halb fertig entwickelten Antrieben tragen muss. Auch dieser Prozess wird noch Jahre dauern! Also bitte noch Geduld. Es ist halt alles etwas komplizierter, als Manche wahrhaben möchten.


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