Donnerstag, 27.06.2019
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Telematik

Das Geschäft mit den Daten

Das Geschäft mit den Daten
Mit Dongles für die OBD-Schnittstelle können sich für Werkstätten neue Geschäftsmodelle ergeben, wenn sie die Informationen als Kundenbindungsinstrument nutzen.
© Foto: HUK

Dongles für die OBD-Schnittstelle können nicht nur Fehlercodes und Daten aus dem Fahrzeug auslesen. Für Werkstätten eröffnen sich neue Geschäftsmodelle, wenn sie die Informationen als Kundenbindungsinstrument nutzen.

Über die OBD-II-Schnittstelle lassen sich nicht nur Daten für Diagnosegeräte auslesen, sondern auch OBD-Stecker ("Dongles") nutzen. Die handlichen Geräte lassen sich an die OBD-II-Schnittstelle des Autos anstecken und besitzen oftmals eine Bluetooth- Funkfunktion, mit der sich die ausgelesenen Daten an ein Smartphone senden lassen. Mit entsprechender App lassen sich so Daten wie Kilometerstand oder Tankfüllung, aber auch Fehlercodes des Autos auslesen. Einige Dongles verstehen sogar herstellerspezifische Daten (im Fachjargon "Level 2" genannt), beispielsweise, wann ein Service fällig wird.

Dongle als Sicherheitsproblem

Bei den OBD-Steckern muss man grundsätzlich zwischen verschiedenen Varianten unterscheiden: Es gibt Varianten ohne Telematik-Funktionen, die sich vor allem an autoaffine Privatanwender richten. Daneben gibt es Dongles von den Fahrzeugherstellern und Modelle von Zulieferern bzw. von Teilehandelskooperationen, die sich vor allem an Werkstätten richten, um neue Geschäftsmodelle zu erschließen. Es gibt auch Mischformen: Manche Hersteller wie Pace bieten einen Stecker sowohl für den autoaffinen Endanwender als auch eine B2B-Lösung für Werkstätten an.

Ein Großteil der Dongles ist vor allem für Privatanwender gedacht. In diesem Bereich tummelt sich eine schier unüberschaubare Anzahl an Herstellern, die sich über den Fachhandel und Online-Shops kaufen lassen. Hier sollte man sich besonders vor günstigen Dongles aus Asien in Acht nehmen, denn mit diesen lassen sich mit illegalen Apps Autofunktionen freischalten, die der Hersteller nicht vorgesehen hat und die ein Sicherheitsrisiko darstellen können. "In der Vergangenheit ist eine zunehmende Tendenz der zweckentfremdeten Nutzung über den Dongle-Einsatz feststellbar. Diese Zweckentfremdung der OBD-Schnittstelle birgt ein Risiko, aus dem Fahrsicherheits-relevante Vorfälle resultieren können", sagt Nadja Horn, Produktkommunikation bei der BMW Group. Daher zertifiziert der bayerische Autohersteller keine Dongles und gibt keine Dongle-Anwendungen von Drittanbietern frei. Stattdessen wird die bereits im Fahrzeug integrierte Lösung BMW Car Data genutzt.

Ein seriöser Dongle-Hersteller in diesem Bereich ist Carly, der für verschiedene Automarken wie BMW, VW oder Mercedes unterschiedliche Dongles parat hat, mit denen sich Informationen über das Auto abrufen, aber auch Funktionen steuern und Diagnosearbeiten durchführen lassen. Das Unternehmen wirbt mit dem Fernsehmoderator Det Müller - und richtet sich dabei besonders an Hobby-Schrauber, für die der Kauf eines Diagnosegeräts den finanziellen Rahmen sprengen würde. Mit Carly lassen sich mit dem Dongle und passender Smartphone-App beispielsweise Fehlercodes auslesen und löschen, das Steuergerät an eine neue Batterie anlernen oder der Kilometerstand ermitteln. Auch ein elektronisches Fahrtenbuch lässt sich realisieren.

Smartphone als Datensender

Bei den Autoherstellern, die selbst einen Dongle anbieten, ist die Anzahl überschaubar. Einzig Volkswagen ("VW Connect"), Honda ("My Honda") und Mercedes-Benz ("Mercedes me") haben eigene Dongle-Lösungen parat, die vom Autohändler gegen eine einmalige oder regelmäßige Nutzungsgebühr zur Verfügung gestellt werden - meistens für ältere Fahrzeuge, die über noch keine Konnektivititätslösungen verfügen. Diese Dongle- Lösungen haben im Gegensatz zu den Varianten für Hobbyschrauber zusätzlich noch eine Telematikfunktion integriert, mit der sich die ausgelesenen Daten direkt an die Markenwerkstatt senden lassen. Meistens passiert das direkt über die Handy-App des Nutzers. Es gibt aber auch Dongles, die bereits eine SIM-Karte integriert haben und die Daten auch ohne Smartphone senden können. Für die Autohersteller sind diese Daten pures Gold, denn die Fehlercodes lassen sich übersetzen, und es kann dem Autofahrer direkt auf seiner App empfohlen werden, eine Werkstatt aufzusuchen. Auch Service-Termine lassen sich dann direkt auf dem Smartphone buchen.

Die Dongles der Autohersteller locken ihre Kunden natürlich nur in ihre eigenen Autohäuser. Das hat auch der Independent Aftermarket erkannt und will ein Stück des Kuchens abbekommen. Abhilfe schaffen unter anderem Zulieferer, die eigene Dongle-Lösungen auf den Markt bringen und mit freien Werkstätten testen. Continental hat beispielsweise mit dem Teilehändler Matthies und der Handelskooperation Carat einen eigenen Dongle mit zugehöriger Software-Lösung für Werkstätten in einem Pilotprojekt getestet (s iehe Interview rechts). ZF setzt mit "ZF Car Connect" wiederum mehr auf Flottenkunden und hat eine Kooperation mit dem Flottendienstleister Global Automotive Service GmbH (G.A.S.) gestartet.

Aber auch Teilehandelskooperationen arbeiten mit Dongle-Herstellern zusammen, um selbst neue Geschäftsmodelle mit Autofahrern umsetzen zu können. So hat die Carat-Gruppe mit Drivemotive eine eigene Online-Plattform entwickelt, auf der auch Telematikdaten von OBD-Dongles eingebunden werden sollen. Dabei können unterschiedliche Dongles genutzt werden. "Wir testen verschiedene Dongles, da die Datenqualität sehr unterschiedlich ist. Es gibt auch fahrzeugspezifische Unterschiede", erklärt Christian Gabler, Geschäftsführer der Mecanto GmbH, die Drivemotive betreibt. In einem Pilotprojekt gibt der Teilehändler Dongles an Carat-Systempartner und interessierte Werkstätten heraus, die dann - mit Zustimmung des Autofahrers - Daten aus dem Auto heraus senden. Die an Drivemotive angeschlossenen Werkstätten können nun den Zustand des Autos überwachen und den Kunden bei Bedarf darauf hinweisen, die Werkstatt aufzusuchen oder einen Service zu buchen.

Ein ähnliches Konzept verfolgt der Dongle-Hersteller Pace. "Unser Fokus liegt im B2B-Bereich. Die primäre Zielgruppe sind Werkstattketten, Großhändler und freie Werkstätten. Aber auch Mehrmarkenhändler und Automobilhersteller sind interessant für uns", sagt Martin Kern, Geschäftsführer bei Pace. So hat der Hersteller ebenfalls ein Pilotprojekt mit freien Werkstätten gestartet. Den Dongle "Pace Link" können Werkstätten bei Teilehändlern wie Stahlgruber und PV Automotive kaufen und ihren Kunden einbauen. Nach Installation der Pace-App auf dem Smartphone des Kunden können sie über das "Dealer Dashboard" das Auto überwachen und bei Fehlercodes direkt mit dem Kunden über die App in Kontakt treten. Servicevorschläge lassen sich dank vorgefertigter Textbausteine ganz einfach als Pop-up-Meldung direkt auf das Smartphone des Kunden schicken. Auch spezielle Aktionen wie Reifenwechseltage sind denkbar. Wie Werkstätten die Nutzung des Dongles an den Kunden weiterberechnen, ist ihnen freigestellt. Einige bauen den Dongle als Kundenbindungsinstrument kostenlos ein, andere wollen ihn refinanziert haben.

Kurzfassung

OBD-Dongles versorgen den Autofahrer mit Informationen aus dem Fahrzeug und können aber auch dazu verwendet werden, Daten über den Zustand und Fehlercodes an die Werkstatt des Vertrauens zu senden.

Drei Fragen an Rolf Mack, Leiter Diagnostics & Services Independent Aftermarket Continental

asp: Continental hat einen eigenen Dongle für die OBD-Schnittstelle entwickelt, der unter anderem bei Teilegroßhändlern wie Carat oder Matthies getestet wurde. Wie ist hier der Stand der Entwicklung?
R. Mack: Die einjährige Pilotphase mit Matthies wurde erfolgreich abgeschlossen. Es hat sich gezeigt, dass es einen Bedarf für unsere Lösung gibt. Unsere Remote Vehicle Data Platform (RVD) besteht neben dem Bluetooth-Dongle auch aus einem Software Development Kit (SKD) für iOS und Android. Darauf basierend wird dann die eigentliche Endkunden-Applikation entwickelt. Matthies hat beispielsweise mit Carespia eine eigene Endkunden-Applikation mit Webportal programmiert und stellt sie den Werkstätten bereit. Wir haben aber nicht nur Kunden aus dem Bereich Werkstatt, sondern arbeiten zum Beispiel auch für einen der großen Fahrzeughersteller.

asp: Welche Daten kann der Dongle aus dem Fahrzeug auslesen?
R. Mack: Der Dongle kann Level-1-Daten, also eOBD-Daten des Fahrzeugs, auslesen. Erstere umfassen beispielsweise Drehzahl und Geschwindigkeit. Er kann aber auch Level-2-Daten über die OBD-II-Schnittstelle auslesen, also herstellerspezifische Informationen. Darunter Kilometerstand sowie anstehende Services, soweit diese Informationen vom Fahrzeug bereitgestellt werden. Bei einigen Fahrzeugen lässt sich sogar der Status von einzelnen Verschleißteilen anzeigen. Darüber hinaus zeigt der Dongle Fahrzeughersteller-spezifische Fehlercodes an, die wichtig sind, um festzustellen, ob akute Probleme oder ein Defekt im Fahrzeug vorliegen.

asp: Wie können Werkstätten diese Informationen nutzen?
R. Mack: Unsere Lösung ist einerseits für Flottenbetreiber sehr interessant, da sie hilft, Standzeiten zu reduzieren. Wenn Flottenbetreiber die Daten in Form von Fehlercodes, anstehende Services oder den Zustand des Fahrzeugs erkennen, können sie besser planen. Die RVD-Plattform eignet sich andererseits auch als Kundenbindungsinstrument für Werkstätten. Der Endkunde ist in der Lage, den Zustand seines Fahrzeugs zu sehen und im Problemfall sich mit der Werkstatt des Vertrauens in Verbindung zu setzen. Zum Beispiel gibt es in Kundenapplikationen auch eine Chat-Funktion, über die sich Angebote an den Autofahrer schicken lassen, beispielsweise für den anstehenden Service oder den saisonalen Reifenwechsel.

Autor: Alexander Junk

 
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