Entwicklungsfahrt BMW 4er: Mehr als eine Kopie

Der BMW 4er wird flacher und hinten breiter als der 3er.
© Foto: BMW

Wenn BMW dem 3er im Herbst einen neuen 4er zur Seite stellt, soll das Coupé in Sachen Fahrdynamik neue Maßstäbe setzen. Darauf sind die Entwickler so stolz, dass sie sich bei ihrer Arbeit bereitwillig über die Schulter schauen lassen.


Datum:
30.04.2020
Lesezeit: 
4 min

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Von Benjamin Bessinger/SP-X

Decken, tarnen, täuschen – normalerweise müssen Peter Langen und seine Kollegen ihre Arbeit im Verborgenen tun. Schließlich sind sie als Entwickler bei BMW zumeist mit Prototypen unterwegs, die der Hersteller noch unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit halten will. Doch heute macht der Leiter der Fachbereichs Fahrdynamik in München eine Ausnahme und lässt sich bei der Arbeit am neuen 4er über die Schulter schauen.

Denn erstens braucht es keine hellseherischen Fähigkeiten, um ein Jahr nach der Premiere eines neuen 3ers so langsam auf einen neuen 4er zu warten. Und zweitens hat Langen eine Mission, die ihn in die Offensive treibt: Er will beweisen, dass der 4er nicht nur ein 3er mit weniger Türen ist, sondern einen ganz eigenen Charakter hat. Und zwar einen betont sportlichen. Nicht dass es dem normalen 3er an Dynamik mangeln würde. Schon Limousine und Kombi halten in Zeiten, in denen es der Konkurrenz fast nur noch um Digitalisierung und Design geht, die Fackel der Fahrfreude trotzig in die Höhe. "Doch wir haben da noch einmal eine ordentliche Schippe draufgelegt", sagt Langen.

Coupé soll sich deutlich von Limousine und Kombi unterscheiden

Dafür haben er und seine Kollegen kräftig ins Konzept eingegriffen. Klar muss er mit den bekannten Bauteilen hantieren, weil sich BMW für etwa ein Viertel des 3er-Volumens natürlich keine eigene Plattform, keine eigenen Achsen und keine eigenen Antriebe erlauben kann. Doch hat Langen zumindest die Flexibilität der Baukästen ausgereizt und den 4er damit deutlich differenziert. Er bekommt nicht nur einfach eine neue Abstimmung und einen anderen Software-Satz etwa für das elektronische Differential, für die adaptiven Dämpfer oder für die Lenkung. Unter anderem geht die Spur an der Hinterachse um gute zwei Zentimeter in die Breite, während vorne der Sturz zunimmt. Und auch die Versteifungen unter der Motorhaube sowie im Heck wird man bei Limousine und Kombi vergebens suchen. Und selbst die Designer haben ihm geholfen: Weil der 4er sechs Zentimeter flacher ist als der Dreier, sinkt der Schwerpunkt um zwei Zentimeter, was der Straßenlage ebenfalls dienlich ist.

Das Ergebnis ist ein Auto, das den Fahrer förmlich zum Fahren zwingt. Wo man selbst im 3er bisweilen einfach nur transportiert werden will und deshalb eher lustlos ins Lenkrad greift, weckt der Vierer vom ersten Meter an die Lebensgeister und ermuntert zu mehr Engagement. "Und dabei geht es nicht um Geschwindigkeit oder Grenzerfahrungen", sagt Langen. Das präzise Lenkgefühl, das direkte Ansprechen der Dämpfer und das enge Band zwischen Fahrbahn und Fahrzeug – das alles kann man schon bei niedrigem Tempo spüren. "Fahrdynamik ist keine Frage des Tempos", doziert der Ingenieur, "dabei geht es vor allem um Genauigkeit, um Leichtigkeit und darum, sich gut aufgehoben zu fühlen." 


BMW 4er (2021/getarnt)

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Dafür macht Langen bereitwillig auch Kompromisse, die etwa beim 3er nicht toleriert worden wären: Komfort zum Beispiel stehe beim 4er nicht an erster Stelle und es dürfe ruhig auch mal etwas ruppiger zugehen, wenn die Straße entsprechend rau ist, räumt der Entwickler ein. Selbst bei den Motoren bewahrt der 4er einen gewissen Eigensinn. Zumindest vorübergehend. Denn unter der Haube des Prototypen schnurrt der erste BMW-Benziner mit 48 Volt-Technik und elektrischem Startergenerator. Nicht dass der 275 kW / 374 PS starke Sechszylinder im M340i eine spürbare Anfahrschwäche hätte. Doch im M440i springt ihm jetzt noch ein elektrischer Booster zur Seite und stopft mit weiteren 18 PS auch den letzten Rest eines allenfalls theoretischen Turbolochs. Und beim Spritsparen hilft er durch mehr Rekuperation natürlich auch. Genau deshalb allerdings wird es die Technik schnell auch in anderen Baureihen geben und zumindest in dieser Disziplin holt der Rest der Familie den 4er flott wieder ein.

Apropos Familienplanung: Die ist mit dem Verkaufsstart des Coupés im Herbst noch lange nicht abgeschlossen. Wie bislang wird es den 4er auch als GranCoupé mit vier Türen und einer dann hoffentlich etwas bequemeren Rückbank geben und auch wieder als Cabrio mit ausreichend Kopffreiheit. Und natürlich scharrt auch die M GmbH ungeduldig mit den Hufen und will eine mehr als 500 PS starke Power-Version von 3er und 4er von der Leine lassen. 

Bei Design und Interieur stockt der Informationsfluss

Aber wann welche Variante kommt und was die kann – darüber will sich Langen noch nichts entlocken lassen. Wie überhaupt die Stimmung kippt, wenn das Thema wechselt. Denn so bereitwillig der oberste Fahrdynamiker über das neue Fahrwerk erzählt und über die strammere Abstimmung und so gerne er seine Gäste sogar mal kurz ans Steuer lässt, so schmallippig wird der beredte Ingenieur auch dann, wenn es ums Design des neuen 4ers geht. Mehr als dass der Wagen so sportlich aussieht wie er fährt, will er deshalb nicht verraten. Zwar sind weder die schnelle Silhouette noch die riesige Niere ein ernsthaftes Geheimnis, seit BMW im September auf der IAA eine entsprechende Studie gezeigt und immer wieder deren Seriennähe betont hat. Und das Innenleben von 3er und 4er wird sich ebenfalls nur im Detail und natürlich bei den Sitzen unterscheiden. Doch so ganz aus seiner Haut kann Langen offenbar nicht, genauso wenig wie sein Prototyp, der komplett beklebt ist und vor dem Kühlergrill noch eine riesige blickdichte Maske trägt. Ein bisschen decken, tarnen und täuschen muss halt doch noch sein. 


BMW M2 CS (2020)

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