40 Jahre Audi quattro: Zweiter und doch Erster

1980 feierte der Audi quattro seinen Serienstart.
© Foto: Audi

Für Technikfreaks und Motorsportler begann im Frühjahr 1980 ein neues Zeitalter: Zuerst war der Audi quattro das Premierenhighlight des Genfer Autosalons, dann düpierte der Allradler mit Fabelzeiten die etablierten Rallye-Helden.


Datum:
18.02.2020
Lesezeit: 
5 min

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Von Wolfram Nickel/SP-X

Dieser Typ machte vor 40 Jahren die Technikwelt verrückt, denn mit Turbopower, permanentem Allradantrieb, den Fahrleistungen eines Supersportwagens und Preisen auf Porsche-911-Niveau sorgte der Audi quattro für offene Münder bei Fachleuten und Fans. Gewiss, Pkw mit Vierradantrieb gab es schon seit Jensen FF (1966) und Subaru Leone (1971). Aber einen in Serie gebauten Hochleistungssportler mit verspannungsfrei arbeitender, kompakter Allradtechnik ohne schweres Verteilergetriebe oder zweite Kardanwelle, das machte erst Audi mit dem quattro möglich. Auch Turbolader gab es schon früher, etwa bei Porsche oder Saab, jedoch nicht in Kombination mit hochkarätiger 4x4-Technik. Carat sollte das neue Audi Coupé deshalb zunächst heißen, dann aber wurde es doch das eingängigere quattro. Die richtige Entscheidung, entwickelte sich doch quattro rasch markenübergreifend als Gattungsbegriff für Allradautos. Ebenso wie Turbo wurde quattro in den 1980ern das neue Wow – und für Audi ein Katapult Richtung Premium. Ein Gipfelsturm, der auf dem Genfer Salon begann mit dem "Ur-quattro" und der sich steigerte als das Coupé zum Angstgegner aller etablierten Rallye-Racer avancierte. Den Zenit der quattro-Mania bildete ab 1984 der Sport quattro mit straßentauglichen 225 kW / 306 PS oder damals unglaublichen 440 kW / 598 PS für den Sieg beim Bergrennen Pikes-Peak.

Nun war Allradantrieb für fast alle Audi-Modelle verfügbar, vom braven Audi 80 über das zivil motorisierte Coupé quattro, den Familienkombi 100 Avant bis zum 1988 vorgestellten Luxusliner V8. Zum weltgrößten Hersteller für 4x4-Pkw stieg Audi trotz des kontinuierlich weiterentwickelten quattro-Konzepts allerdings nicht auf, diese Pole Position hält bis heute Subaru besetzt. Für die Marke im VW-Konzern war es dagegen wichtiger, durch einen perfektionierten Allradantrieb mit Fünfzylinder-Turbo plus Ladeluftkühlung, dies ab 1989 sogar als 20-Ventil-Pionier, Premiumimage zu erlangen. Nur eine Ingolstädter Innovation schaffte es in dieser technikhungrigen Ära nicht in die Serienfertigung: Der Audi quattro mit revolutionärer Allradlenkung, präsentiert schon 1984 und damit mehrere Jahre vor den 4WS-Modellen bei Mazda und Honda.

Eigentlich passte das im März 1980 vorgestellte Coupé Audi quattro so gar nicht zum gewohnten Portfolio braver Limousinen made in Ingolstadt. Gewiss, 1969 hatte es schon einmal ein verführerisch schönes Audi 100 Coupé gegeben, aber technisch entsprach dieser Zweitürer weitgehend der konventionellen Limousine. Ganz anders der quattro. Dieser basierte auf dem von Stardesigner Giorgetto Giugiaro in kantige Konturen gebrachten Audi Coupé (B2), trug jedoch muskulöse Kotflügel und eine markantere Front. Unter dem Coupékleid lauerte der Brandstifter: Der auf 147 kW / 200 PS gebrachte 2,1-Liter-Fünfzylinder trieb den Allradler in 7,1 Sekunden durch die 100-km/h-Schallmauer. Kleiner Leistungsvergleich: der Porsche 911 SC warf nur vier PS mehr in den Ring, aber keinen gewichtstreibenden 4WD, weshalb er beim Sprintduell die Nase vorne hatte. Allerdings nur solange bis Audi-Vorstand Ferdinand Piech 1984 diesem Ur-quattro einen radikalen Renner zur Seite stellte, den exklusiven Sport quattro mit 225 kW / 306 PS Leistung für brutale Fahrleistungen.  


40 Jahre Audi quattro

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Mit einem Fabelwert von 4,9 Sekunden für den Tempo-100-Sprint ließ der vorzugsweise tornadorot lackierte Sport quattro Ferrari 512-BB-Fahrer ebenso vor Neid erblassen wie Lamborghini-Countach-S-Piloten oder die Porsche-Turbo-Community. Zum Ausgleich war dieser Audi aber auch kostspieliger als alle anderen Speed-Ikonen: 203.000 Mark verlangte die bis dahin eher bodenständige Marke mit den Ringen für den in nur rund 200 Einheiten aufgelegten Sport quattro, der auf einem verkürzten Fahrgestell des Ur-quattro aufbaute. Tatsächlich diente der brachiale Bolide Homologationszwecken für den Rallyesport, denn dort hatte sich der quattro schon seit 1981 in die Geschichtsbücher eingetragen.  

Der finnische Rallyestar Hannu Mikkola demonstrierte das überlegene Potential des Allradlers schon Ende 1980 mit einem Vorausfahrzeug bei der Rallye Portugal. Drei Jahre später holte er dann auf Audi quattro den WM-Titel, gefolgt 1984 vom Schweden Stig Blomqvist als nächstem Audi-WM-Triumphator. Derweil machte die Französin Michéle Mouton 1981 Schlagzeilen in der Sportwelt, denn sie gewann dank des Ringträgers als erste Frau einen Lauf zur Rallye-WM. Mouton war es auch, die 1985 den ersten Pikes-Peak-Gesamtsieg für Audi errang, das übrigens auf Sport quattro. Im Folgejahr feierte Bobby Unser beim Race-to-the-clouds einen Heimsieg Und Walter Röhrl? Der zweifache Rallye-Weltmeister holte keinen WM-Titel mit dem quattro, aber ihm gelang 1987 das Kunststück einer Rekordzeit am Pikes Peak. Unter elf Minuten für die damals kaum asphaltierte Piste auf den Berg – das schärfte sowohl den Mythos quattro Sport als auch das Rallye-Idol Walter Röhrl. Zumal der Deutsche als einziger den wilden quattro Sport in der berüchtigten Gruppe B zähmte, heißt: Einen WM-Lauf souverän gewann.

Mit dem VW Iltis begann alles 

Diese Einträge in die Hall of Fame des Motorsports hatten eine Vorgeschichte, zu der ein rustikaler Militärgeländewagen namens VW Iltis beitrug. Zwei dieser auch bei der Bundeswehr eingesetzten Iltis landeten im Januar 1980 einen grandiosen Doppelsieg bei der Rallye Paris-Dakar – nachdem ihre Allradtechnik unter der Karosserie eines konventionellen Audi 80 den Weg für den quattro frei gemacht hatte. Und das kam so: Im Winter 1976/77 testeten Audi-Ingenieure im tief verschneiten Schweden den kommenden Audi 80 (B2) und hatten zu Vergleichszwecken einen behäbigen Iltis dabei, der aber auf Eis und Schnee den frontangetriebenen Audi 80 keine Chance ließ. Zurück in Bayern überzeugten die Versuchsingenieure dann den Technik-Vorstand Ferdinand Piech von der Idee des 4x4-Antriebs. Als erster vom Iltis inspirierter Allrad-Prototyp diente ein Audi 80 mit Sommerreifen, der im eiskalten Januar 1978 die berüchtigte Turracher Höhe mit ihren 23 Prozent Steigung souveräner nahm als ein winterbereifter Serien-Audi. Diese Demonstration genügte für das endgültige Go sogar vom VW-Konzernchef Toni Schmücker.

Nun stand der Karriere des Shootingstars Audi quattro nichts mehr im Weg, zumal der Supersportler auf dem fast fertigen Audi Coupé (B2) aufbaute, sich von diesem jedoch ausreichend differenzierte. Erst im Mai 1991 endete die Laufbahn des Ur-quattro, da hatte sich Audi dank des auch in Luxuslimousinen implantierten Allradantriebs nicht nur als Premiummarke des VW-Konzerns etabliert, sondern als erfolgreicher Neuzugang im automobilen Oberhaus. Die offizielle Nachfolge des quattro trat das schon 1990 vorgestellte Sportcoupé Audi S2 an. Als aber im September 1991 auf der Frankfurter IAA die Stilstudie quattro Spider enthüllt wurde, gab es für viele Besucher keinen Zweifel, dass dies der neue Fixstern am Himmel der Supercars würde – mit der Folge zahlreicher Blindbestellungen. Audi war wirklich in der ersten Reihe angekommen.

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