Fehlersuche: KI macht Dignose schlauer

16.01.2026 08:12 Uhr | Lesezeit: 3 min
Hella Gutmann
Hella Gutmann setzt bereits seit 2023 auf KI im Rahmen der automatisierten Diagnose
© Foto: Hella Gutmann

Komplexe elektronische Systeme in Fahrzeugen mit zahlreichen vernetzten Steuergeräten machen die Fehlerdiagnose immer anspruchsvoller. In vielen Diagnose­geräten der neuesten Generation kommt deshalb künstliche Intelligenz zum Einsatz.

Die Fehlerdiagnose gleicht häufig der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Vor allem moderne Fahrzeuge mit einer Vielzahl an Steuergeräten und Sensoren bieten vielfältige Fehlerquellen, deren Lokalisierung viel Zeit und damit Geld kosten kann. Die im freien Markt gebräuchlichen Diagnosegeräte verlangten bislang noch viel Erfahrung und Intuition des Bedieners bei der Fehlersuche. Die neuesten Gerätegenerationen bieten jetzt mit der KI-gestützten Diagnose die Möglichkeit, die Fehlersuche deutlich zu beschleunigen und Fehldiagnosen zu minimieren.

Wobei der Begriff "Intelligenz" nicht überbewertet werden sollte. Noch können die Diagnosegeräte nicht eigenständig denken, sondern sind auf hoch entwickelte Algorithmen angewiesen, die auf riesige Datenmengen zugreifen und daraus Empfehlungen zum weiteren Vorgehen entwickeln. So arbeitet das Mega-Macs-Diagnosegerät von Hella Gutmann, welches bereits seit 2023 künstliche Intelli­genz im Rahmen der automatisierten Diagnose einsetzt, mit einer Datenbasis von rund zwei Milliarden historischen Fehlercodes, rund fünf Millionen statistisch erfassten Fällen aus dem Technischen Callcenter, Daten aus 30 Jahren Systemdiagnose, Fahrzeugdaten der Hersteller sowie täglichem Feedback aus den Werkstätten. Die Daten werden mittels Machine Learning und Big-Data-Technologien ausgewertet und kontinuierlich verbessert.

Expertenwissen bleibt notwendig

Auf dieser Basis kann die KI-gestützte automatische Diagnose viele Schritte übernehmen, wie beispielsweise die Fahrzeugidentifikation, das Auslesen der Fehlercodes, die Ermittlung des wahrscheinlich defekten Bauteils und die Bereitstellung relevanter Zusatzinformationen. Die Unterstützung erfolgt dabei in mehreren Schritten. Das Gerät übernimmt den kompletten Diagnoseablauf, von der Fehlerauslese bis zur Eingrenzung der Fehlerursache auf ein konkretes Bauteil. Die KI entscheidet schließlich, welche Fehlercodes relevant und welche als Folgefehler zu ignorieren sind. Am Ende des Prozesses schlägt das System das wahrscheinlich defekte Bauteil vor und liefert Zusatzinformationen wie Einbauanleitungen.

Die Werkstatt kann den Prozess jederzeit verfolgen und bei Bedarf manuell eingreifen. Laut Hella Gutmann dauert der Prozess im Schnitt weniger als fünf Minuten und ist in rund 80 Prozent der Fälle auf Anhieb korrekt. "Der Einsatz der KI in der Diagnose kann zur Folge haben, dass die technische Hotline von Hella Gutmann Solutions in einem geringeren Maße in Anspruch genommen werden muss. In komplexen Fällen, bei denen die KI keine eindeutige Empfehlung geben kann, ist jedoch weiterhin Expertenwissen der Technischen Hotline nötig", erklärt Adnan Cemal, Geschäftsführer Hella Gutmann Solutions, die Grenzen des Systems. Die Automatisierte Diagnose-Funktion (AD) ist mit dem Software-Update auf Version 70 ohne zusätzliche Kosten verfügbar. "Ein gesonderter Service-Vertrag ist nicht erforderlich, solange das Gerät und die Software entsprechend konfiguriert und aktuell sind", so Cemal weiter.

Adis Geschäftsführer Dirk Marichal
Dirk Marichal, Geschäftsführer der Adis-Technology GmbH.
© Foto: Adis-Technology GmbH

Alternativer Ansatz

Im Gegensatz zu den Mehrmarkengeräten des freien Marktes ist im EuroDFT-Diagnosegerät der Adis-Technology GmbH jeweils die Originalsoftware verschiedener Fahrzeug-Hersteller hinterlegt. Derzeit ist der Zugriff auf 23 Marken möglich. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer Dirk Marichal.
asp: Herr Marichal, wo liegt der Unterschied zwischen dem EuroDFT und den anderen Geräten des freien Marktes?
D. Marichal: Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass auf dem EuroDFT die Original-Software der jeweiligen Hersteller hinterlegt ist, während die anderen Anbieter eigene Oberflächen entwickelt haben. Wenn man beispielsweise im EuroDFT die Marke VW anwählt, dann kommt der Anwender auf die originale ODIS-Software und kann eins zu eins so arbeiten wie ein Vertragshändler. Er bekommt die echten Originaldaten zum jeweiligen Fahrzeug, im Gegensatz zu den aufbereiteten Daten anderer Anbieter.
asp: Arbeitet das EuroDFT auch mit KI?
D. Marichal: Da wir die Originalsoftware der Hersteller verwenden, haben wir keinen Einfluss auf Entwicklungen hinsichtlich KI. Allerdings bieten die Hersteller schon seit Jahren eine geführte Fehlersuche an, die im Wesentlichen den KI-Systemen der Gerätehersteller entspricht.
asp: Wie ist die Markenabdeckung mit dem EuroDFT?
D. Marichal: Derzeit können mit dem EuroDFT in der Maximalausstattung 23 Marken aufgerufen werden. Im Laufe des Jahres kommen weitere Marken dazu.


Sprechen mit der KI

Wie eine automatisierte Diagnose mit Unterstützung der künstlichen Intelligenz abläuft, haben wir uns bei Texa Deutschland in Obersulm angeschaut. Servicetechniker Markus Hübner und Pressesprecher Jan Blumenstock haben einen VW Golf VIII TDI Variant als "Patienten" vorbereitet und das Axone Voice-Tablet mit IDC6-Software über den MultiHub2 mit dem Fahrzeug verbunden. Mit dem Start des bei Texa als "AI-Smart-Diagnose" genannten Prozesses wird zunächst automatisch die Fahrgestellnummer ausgelesen. Danach werden alle verbauten Steuergeräte gescannt. "Das System schaut zunächst, welche Steuergeräte verbaut sind, und prüft anschließend, ob Fehlereinträge vorhanden sind", erklärt Hübner. In diesem Fall meldet das System einen Fehler an einer Lamdasonde beziehungsweise an der Heizung des Sauerstoffsensors und gibt gleich erste Maßnahmen zur Fehlerbehebung vor. Gleichzeitig wird ein Schaltplan mit Messwerten rund um die Lamdasonde angezeigt, ebenso dazugehörige Ersatzteile und Einbaubeschreibungen, aber auch Funktionsbeschreibungen, etwa zum Zirkoniumsensor. Die Datenbasis ist hier die Haynes-Pro-Datenbank, die Texa mit den Fehlercodes verknüpft. "Man kann aber auch in die IDC6-Suchmaschine direkt Fehlercodes oder auch konkrete Fragen eingeben, die KI durchsucht dann unsere Datenbank nach Lösungen", so Hübner. Im Laufe des Jahres soll die derzeit wegen Programmierarbeiten deaktivierte Sprachsteuerung soweit sein, dass der Anwender mit der KI kommunizieren kann.


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