Durch eine neue Frontscheibe muss nicht nur der Fahrer gut gucken können, sondern auch die Kameras der Assistenzsysteme. "Kaum ein Kunde macht sich nach dem Austausch Gedanken über die Rekalibrierung der Kameras", sagt Bernd Zimmermann. Als Service Delivery Director verantwortet er die Abläufe in den bundesweit 432 Service-Centern des Unternehmens, das zur britischen Belron-Gruppe gehört.
Zimmermann steht in der MEO-Arena in Lissabon, um Sebastian Ernst anzufeuern. Der Regionalleiter aus Hannover vertritt Deutschland bei der firmeninternen Weltmeisterschaft. 30 Teilnehmer aus Europa, Nordamerika und Australien wetteifern um den Titel "Best of Belron" (BOB). An den zwei Tagen müssen die Monteure nicht nur eine Frontscheibe austauschen, sondern auch eine zerbrochene Seitenscheibe sowie eine Heckscheibe wechseln. Dazu kommen noch zwei Steinschläge in der Front, die repariert werden müssen.
Jeweils zwei Wertungsrichter vergeben in den vier Kategorien 5.000 Punkte und ermitteln so den Sieger. Zwar läuft eine Uhr rückwärts, doch solange die Teilnehmer die vorgegebene Zeit nicht überschreiten, spielt das eine untergeordnete Rolle. "In erster Linie geht es um den Service-Gedanken", sagt Zimmermann. Einer der Richter schlüpft in die Rolle des Kunden. Wird er vom Monteur begrüßt? Erklärt der seine Arbeitsschritte? Wird das Auto am Ende sauber übergeben? Viele der Punkte verteilen sich auf einen sicheren und sauberen Arbeitsplatz. Für die Arbeiten gibt ein internationales Belron-Handbuch jeden Schritt vor und genau darauf achten die Wertungsrichter.
Carglass Weltmeisterschaft 2026 - Best of Belron
Bei den Steinschlägen weist Ernst seine Richter darauf hin, dass er in Deutschland einen der beiden nicht reparieren dürfte. Der Schaden liegt im Sichtfeld des Fahrers. Dann muss die Scheibe getauscht werden. In Lissabon repariert Ernst innerhalb der vorgegebenen 75 Minuten beide Schäden. Der 43-jährige war 2016 schon mal bei BOB dabei. "Ich habe früher Fußball gespielt und liebe den Wettbewerb", sagt Ernst über seine Motivation. Das Preisgeld in Höhe eines Jahresgehalts sei da zweitrangig.
Ausgewählt wurde er in einem einjährigen Prozess. Angetreten sind 127 Monteure in Regionalwettbewerben. Bis zum deutschen Finale wurde die Auswahl auf fünf Teilnehmer. Bei den Finalisten setzte sich Sebastian Ernst durch. Dabei steht er als Verantwortlicher für vier Filialen und 18 Mitarbeiter nicht mehr jeden Tag in der Werkstatt. Zur Vorbereitung streifte er jedoch die Handschuhe über und trainierte an Fahrzeugen. Sechs Wochen vor der Weltmeisterschaft erfahren alle Teilnehmer das Wettbewerbs-Modell. In Lissabon stehen 30 VW T-Roc in der Halle, die sich nur farblich unterscheiden. "Für Chancengleichheit bei der Vorbereitung müssen wir ein Modell nehmen, das in allen teilnehmenden Ländern verfügbar ist", sagt Zimmermann.
Doch für jedes Modell gibt es Scheiben mit unterschiedlichen Tönungen, Heizdrähten sowie Kameras. Darum baut Ernst im ersten Schritt die Kamera hinter dem Rückspiegel aus und überprüft, ob das Gehäuse in die Vorrichtung der neuen Scheibe passt. Die Scheiben wurden im Laufe der vergangenen Jahre immer schwerer, haben aber wieder abgespeckt.
Weltmeistertitel geht nach Deutschland
Am Ende reicht es für Ernst sogar zum Sieg. Nach zwei Wettbewerbstagen setzt sich der Hannoveraner gegen die 29 Konkurrentinnen und Konkurrenten durch und holt den Titel "Best of Belron" nach Deutschland. Auf Rang zwei landet Alexis Grouber aus Luxemburg, Dritter wird Mouslime Madi Boura aus Frankreich. Für Ernst ist es eine besondere Rückkehr: Bereits 2016 hatte er in Lissabon am Finale teilgenommen und damals Platz sieben belegt. Zehn Jahre später verlässt er die Bühne als Weltmeister der Autoglaser.
Die Windschutzscheibe eines Mercedes-Benz S-Klasse (W116) wog von 1973 bis 1980 genau zwölf Kilogramm. Heizung, Antenne, Temperatur- und Akustikdämmung sowie die Funktion als tragendes Bauteil machten die Scheiben immer schwerer. In der S-Klasse bis 2005 waren es 17 Kilogramm für eine Frontscheibe. Den Trend hat man mit neuen Materialien umgekehrt. Aktuell wiegt die Scheibe bei der W223-Reihe der S-Klasse wieder zwölf Kilogramm. Doch nahm die Glasfläche am Auto zu. Haupttreiber sind Panoramaglasdächer. Auch die können Steinschläge davontragen. "Doch der Klassiker sind Schäden von falsch montierten Dachträgern", berichtet Zimmermann aus seiner Erfahrung.
Nach dem Wechsel der Frontscheibe positioniert Sebastian Ernst die Kalibrierungsscheiben mit ihren Mustern vor dem Fahrzeug. Für Autos mit Fahrerassistenzsystemen ist dieser Schritt unverzichtbar. "Werden die Kameras nicht rekalibriert, funktionieren Spur- und Abstandshalter nicht korrekt", sagt Zimmermann. Im schlimmsten Fall versagt der Notbremsassistent, weil er die Entfernung zum Vorausfahrenden falsch einschätzt. Bislang ist dieser Arbeitsschritt auf die idealen Bedingungen in der Werkstatt begrenzt. Doch Carglass will mit seinen mobilen Teams einen Frontscheibenwechsel auch vor Ort beim Kunden anbieten. Insbesondere für Länder mit großen Entfernungen zu einer Carglass-Filiale bietet sich das an.
Aber auch in Deutschland testen Techniker in drei Regionen den Einsatz des mobilen Systems. An zwei Stativen hängt eine Kombination aus Rechner und übergroßem E-Book-Reader. Der Bildschirm zeigt schwarz-weiße Rechtecke an. Zusätzlich erfassen mobile Laserscanner den Standort des Fahrzeugs. Mithilfe einer Datenverbindung sowie künstlicher Intelligenz wird dem Kamerasystem seine genaue Position innerhalb des Fahrzeugs als auch in Bezug auf die Umgebung beigebracht. Nach der Rekalibrierung erfassen die Linsen Entfernungen innerhalb der Fahrspur als auch zu anderen Verkehrsteilnehmern wieder zentimetergenau.