In China wird der X9 von Xpeng bereits seit 2024 verkauft, im April dieses Jahres begann die Markteinführung auch in Europa. Während in China Großraumschiffe im Luxussegment durchaus zum Statussymbol taugen und sich bei den entsprechenden Käuferschichten auch gut verkaufen, fristen die Luxus-MPVs in Europa und vor allem Deutschland eher ein Nischendasein.
Wer hier eine mehr als fünfköpfige Familie zu bewegen hat, kann – oder muss – auf „Captain Chairs" oder Hinterradlenkung verzichten und greift zu den Nutzfahrzeug-Erzeugnissen von VW, Stellantis oder Renault. Aus Deutschland ist lediglich Mercedes mit seinem VLE am Start, der Luxusedition der V-Klasse. Während für diese jedoch Einstiegspreise zwischen gut 82.000 und knapp 108.000 Euro aufgerufen werden, kommen beim Xpeng selbst in der Basisversion zu 77.600 Euro kaum noch Zuschläge für wichtige oder wünschenswerte Extras obendrauf.
Auf der Liste stehen drei Farben außer Weiß (1.000 Euro) und eine elektrische Anhängekupplung (1.260 Euro). Doch selbst für Geld und gute Worte gibt es bei der Konkurrenz mit dem Stern keinen Allradantrieb und keine 542 kW Ladeleistung, die die Batterie in zehn Minuten von 20 auf 80 Prozent bringt.
Um der europäischen Kundschaft seine Autos näher zu bringen, bewegt sich derzeit ein ganzer Xpeng-Konvoi 10.000 Kilometer weit durch Europa. Wir waren auf der Etappe zwischen Köln und Paris Teil des Trosses in einem X9 mit Vollausstattung, die bei Xpeng „Performance" heißt und tatsächlich ganz groß performt: Lederausstattung, Allradantrieb, 24-Zoll-Bildschirm im Panoramadach für die beiden Rücksitzreihen, Sessel mit Massagefunktion und vieles mehr.
Der X9 läuft, wie der P7+ sowie die beiden SUV G6 und G9, bei Magna-Steyr in Graz vom Band. Xpeng rechnet mit rund 40.000 X9 für Europa – eine Stückzahl, die das österreichische Werk problemlos bewältigt. Die große Elektroplattform von Xpeng trägt beim X9 Performance eine Karosserie von 5,32 Metern Länge, knapp zwei Metern Breite und knapp 1,80 Metern Höhe.
Der umbaute Raum hätte vor einigen Jahren zum Transport ganzer Fußballmannschaften ausgereicht, nun soll er der standesgemäßen Fortbewegung besser betuchter Familien oder erholungsbedürftiger Geschäftsleute dienen. Der Seglerspruch „Länge läuft" wird vom X9 perfekt umgesetzt. Die Fuhre gleitet fast geräuschlos dahin, das Rollgeräusch der Lkw auf der Autobahn wird zuverlässig weggedämmt. Selbst Staus lassen sich mit der hervorragenden Entertainment-Anlage leichter ertragen als gewohnt.
Ein Nachteil des Xpeng ist – für den ungeübten Nutzer eines chinesischen Autos – das komplizierte Bedienkonzept. Wer dieses Auto kauft, sollte sich die Zeit nehmen, durch zahllose Menüs und Untermenüs zu klicken, um die optimale Konfiguration herauszufinden. Nebenbei während der Fahrt geht das nur mit einem technikaffinen Beifahrer.
Die ausgefeilte Technik hält noch weitere Tücken bereit: Der X9 ist mit einem umfangreichen Paket an Assistenzsystemen ausgerüstet, die mit Sensoren von Mikrowelle über Radar bis Ultraschall das gesamte Umfeld im Blick behalten, dazu kommt ein Dutzend Kameras. Diese Informationen verrechnet der Zentralcomputer zu einem Assistentenbündel namens „Xpilot Assist Fahren". Leider sorgt der Pilot für ein Fahrgefühl, das eher dem an der Computerkonsole entspricht. Insbesondere den Versuch, den Wagen in der Mitte einer Autobahnspur zu halten, betreibt der Assistent zuweilen äußerst eigensinnig und zum Unwillen des Menschen am Volant.
Xpeng X9 Performance
Ansonsten gibt es wenig auszusetzen an Xpengs jüngstem Modell. In den Hügeln der Ardennen und beim Einparken vor der Kathedrale von Reims hinterlässt der X9 dank Hinterradlenkung und adaptivem Luftfahrwerk trotz seiner Größe einen sehr gelenkigen Eindruck. Die Sitzprobe auf allen drei Reihen liefert sehr angenehme Ergebnisse. Dazu kommt ein Stauraum, der auch bei vollständiger Belegung noch ausreichend groß für den Wochenendeinkauf ist.
Damit das Ganze auch in entsprechender Art und Weise vorwärts geht, haben die Chinesen bei den elektrischen Antriebskomponenten nachgerüstet. Zentraler Bestandteil ist nun eine 110-kWh-Batterie (Basis: 94,8 kWh), die beim Allradler für eine Reichweite von 580 Kilometern gut ist. Wird nur eine Achse angetrieben, sind es gar 615 Kilometer. Der X9 verarbeitet Ladeleistungen von bis zu 542 kW, der Akku lässt sich rechnerisch in zehn Minuten von 20 auf 80 Prozent auffüllen. In der Praxis gelang dies nicht – keine der in Belgien und Nordfrankreich angesteuerten Ladestationen konnte den Ansprüchen der Chinesen genügen. Dies gilt auch für den Verbrauch, der im Testwagen eher bei 30 als bei 20 kWh auf 100 Kilometer lag. Dies mag der insgesamt sehr autobahnlastigen Strecke geschuldet sein.
Wenn man sich auf diese Art von Autos einlässt, ist der X9 zweifellos eine gute Wahl. Er übererfüllt alle Voraussetzungen, die an die Fahrzeugklasse gestellt werden. Luxus pur und ein großzügiges Raumgefühl für alle, die es sich leisten wollen, gibt es von Xpeng zu einem Paketpreis, der im Vergleich – außer dem innerchinesischen – deutlich unter dem des Wettbewerbs liegt.