Ein Grund für die Unzufriedenheit beim Kauf und Verkauf von Gebrauchtwagen liegt nach Ansicht des Produktexperten Philipp Saussele von Bosch in der zunehmenden Digitalisierung des Gebrauchtwagenmarkts, in dem Fahrzeuge immer häufiger über Online-Plattformen verkauft werden. In diesem Kontext gewinnt Transparenz für potenzielle Käufer stark an Bedeutung. "Während klassische Begutachtungen vor allem sichtbare Mängel wie Kratzer oder Dellen erfassen, bleiben technische Defekte oder versteckte Schäden häufig unentdeckt. Genau hier setzt das Bosch-Zertifikat an: Es nutzt die im Fahrzeug vorhandenen digitalen Daten, um eine umfassendere und objektivere Bewertung zu ermöglichen und somit Vertrauen und Fairness im Handel zu stärken", erklärt Saussele.
Breite Marktdurchdringung
Das Produkt wurde zunächst innerhalb des Bosch-Car-Service-Netzwerks getestet, das europaweit rund 8.000 Werkstätten umfasst. Parallel dazu erfolgten Praxistests mit externen Partnern, um die Anwendbarkeit über das eigene Netzwerk hinaus zu prüfen. Nach positiven Rückmeldungen wurde das Zertifikat kürzlich für einen breiteren Markt geöffnet. Voraussetzung für die Nutzung ist die Bosch-Diagnosessoftware Esitronic sowie der Einsatz eines Diagnosemoduls der KTS-Reihe von Bosch, die bereits in vielen Werkstätten etabliert sind. Schätzungen zufolge nutzt etwa jede zweite freie Werkstatt in Europa die Diagnosetechnik von Bosch. Dadurch ist die technische Grundlage für eine breite Marktdurchdringung bereits gegeben. Die Hauptzielgruppen des Zertifikats sind Werkstätten sowie Sachverständige beziehungsweise Gutachter. Darüber hinaus spielt das Produkt auch im Flotten- und Leasingbereich eine Rolle, da Fahrzeugbewertungen häufig über externe Prüforganisationen abgewickelt werden. Eine direkte Vermarktung an Endkunden ist derzeit nicht vorgesehen. Um Endkunden anzusprechen, sind perspektivisch Kooperationen mit bekannten Fahrzeugplattformen geplant.
Fünf Bereiche, ein Zertifikat
Im praktischen Einsatz zeigt sich ein klarer Mehrwert für Anwender wie Sachverständige. Am Beispiel des Gutachterbetriebs SFM mit rund 15 Mitarbeitern und monatlich 300 bis 500 Bewertungen von Leasingrückläufern wird deutlich, dass das Zertifikat sowohl die Qualität als auch die Effizienz der Arbeit verbessert. Sascha Paaß setzt als Sachverständiger bei SFM täglich auf das Gebrauchtwagenzertifikat: "Während klassische Methoden oft aufwendig sind und nicht alle technischen Aspekte erfassen können, liefert das Bosch-Zertifikat zusätzliche, verlässliche Informationen. Dies ist insbesondere bei Haftpflichtgutachten relevant, da nicht erkannte Vorschäden zu finanziellen Nachteilen führen können. Gleichzeitig profitieren Autohäuser beim Fahrzeugankauf, da sie fundiertere Entscheidungen treffen können", so Paaß.
Ein wesentlicher Vorteil liegt aus seiner Sicht in der Integration mehrerer Prüfaspekte in einem einzigen Prozess. "Das Zertifikat umfasst insgesamt fünf zentrale Elemente: die Erkennung gespeicherter Unfälle über den Event Data Recorder (Blackbox), die Überprüfung auf Tachomanipulation durch Abgleich mehrerer Steuergeräte, die Auslesung und Klartextdarstellung von Fehlercodes, die Prüfung des Servicestatus sowie die Bewertung des Batteriezustands bei Elektro- und Hybridfahrzeugen. Besonders hervorzuheben ist die Kombination dieser Informationen, da vergleichbare Lösungen häufig nur Teilaspekte - etwa die Batterie - abdecken", erklärt Paaß.
Kein zusätzlicher Zeitaufwand
Die Prüfung lässt sich effizient in den Arbeitsablauf der Werkstatt oder des Gutachters integrieren. Während der ohnehin notwendigen Fahrzeugprüfung wird das Diagnosesystem angeschlossen, das die relevanten Daten automatisch ausliest. Der eigentliche Analyseprozess läuft größtenteils im Hintergrund, sodass keine zusätzliche Zeitbelastung entsteht. "Dies ist insbesondere im margengetriebenen Leasinggeschäft entscheidend, wo schnelle und standardisierte Abläufe erforderlich sind", sagt Paaß. Technologisch basiert das System auf der Auswertung fahrzeugintern gespeicherter Daten. Der Batteriezustand wird beispielsweise über das Batterie-Management-System des Fahrzeugs ermittelt. Zur Erkennung von Tachomanipulationen werden Kilometerstände aus verschiedenen Steuergeräten miteinander verglichen. Unfalldaten werden über den Event Data Recorder ausgelesen, wobei Bosch auf langjährige Erfahrung zurückgreift. Diese Daten gelten als besonders manipulationssicher, da sie in der Regel nicht ohne Weiteres verändert werden können.
- Ausgabe 4/2026 Seite 018 (1.1 MB, PDF)