Tradition 60 Jahre Fiat 124: Vergessener Volksheld

01.09.2026 08:10 Uhr | Lesezeit: 3 min
Ein vergessener Weltmeister – Der 1966 aufgelegte Fiat 124 motorisierte in 23 Millionen Einheiten und unter vielen Markennamen fünf Kontinente. Sogar in Deutschland wurde er gebaut
© Foto: Fiat

Mit dem Grizzly kehrt Fiat heute in größere Klassen zurück. Dorthin, wo Italiens älteste Autofirma ab 1966 Geschichte schrieb mit einem Volksauto, das fast rund um den Globus reüssierte: Der Fiat 124 wurde unter vielen Marken gebaut – in größerer Auflage als der VW Käfer. Dennoch zählt dieser Fiat zu den vergessenen Helden.

Ein italienischer Superstar feiert Geburtstag – und kaum jemand kennt ihn noch. Der Fiat 124 wurde vor 60 Jahren als Inkarnation der praktischen, preiswerten und dennoch verführerisch attraktiven "bella macchina" vorgestellt. Über 23 Millionen Menschen motorisierte dieses fast ein halbes Jahrhundert lang gebaute Kompaktklassemodell – damit toppte der Fiat 124 sogar den VW Käfer.

Wie schon das Wolfsburger Krabbeltier war der in kantige Konturen gekleidete Italiener ein früher Welteroberer, allerdings wurde er dazu unter vielen Marken produziert. Zunächst rollte der Fiat 124 in Turin als 4,03 Meter kurze und kantige viertürige Limousine vom Band, aber schon bald folgten die Varianten Kombi und Coupé und ein von Pininfarina kreierter Spider. Ein Portfolio, mit dem Fiat schon 1967 zu ungeahnter Größe aufstieg, zuerst VW als europäischen Neuzulassungschampion überholte und sich dann global hinter den Detroiter Giganten General Motors (GM), Ford und Chrysler als viertgrößter Autobauer positionierte.

Die eigentliche Sensation gelang dem unter Chefingenieur Dante Giacosa entwickelten Fiat aber 1970: Damals lief der Typ 124 erstmals in der Sowjetunion vom Band, die Geburtsstunde des Volksautos Lada/Shiguli, von dem in 44 Jahren über 17,3 Millionen Einheiten entstanden. In Spanien machten der in Lizenz gebaute 124 sowie das Schwestermodell 1430 die Marke Seat zum Vollsortimenter, in Korea zählte der Fiat 124 unter der Marke Kia-Asia zu den ersten Autos aus nationaler Fertigung, in Indien erlangte er als Premier 124 Kultstatus und die Türkei kennt ihn unter dem Namen Tofas. Und in Deutschland wurde der Fiat als "Neckar" in Heilbronn gebaut.

Ein Fiat made in Germany?

Ein Fiat made in Germany? Ja, das gab es seit 1929, denn damals erwarb die Deutsche Fiat AG die Heilbronner NSU Automobil AG und baute fortan im Werk Heilbronn teils eigenständige NSU/Fiat- und Neckar-Modelle. Im Januar 1967 ergänzte der Fiat 124 mit Schiebedach das Neckar-Produktprogramm, was den Absatz des damals gerade von Fachmedien zum "Auto des Jahres" gewählten Fiat-Modells beschleunigte. Die Italiener zeigten, welches Miracolo Economico bezahlbare Fahrspaßmodelle in einem Krisenjahr ermöglichten, denn 1967 ging das deutsche Wirtschaftswunder mit einer Absatzflaute zu Ende.

Während die Beatles damals mit Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band eines der weltweit meistverkauften Musikalben aller Zeiten veröffentlichten und Adriano Celentano mit "Una Festa Sui Prati" einen der erfolgreichsten Sommerhits veröffentlichte, platzierte Fiat mit dem anfangs nur 44 kW/60 PS starken, aber 855 Kilogramm leichten Typ 124 einen automobilen Popstar, der allen Rezessionen trotzte. Mehr als 37.000 Einheiten seines preiswerten Familienflitzers konnte Fiat 1967 zwischen Flensburg und München absetzen – mehr als Audi oder NSU von ihrem kompletten Modellprogramm – und fast so viele wie VW von der 40 kW/54 PS leistenden Mittelklasse 1600 Typ 3 verkaufte.

Fiat Sport Spider

Hinzu kam der bis 1985 bei Pininfarina gebaute Fiat Sport Spider als preiswerte Alternative zum Alfa Spider. Dagegen empfahl sich das schnelle 124 Sport Coupé ab 1967 als gerade noch erschwingliches Traumcoupé für junge Familien, die nicht auf die anfangs weniger agilen und erst 1969/70 gestarteten europäischen Ponycars Ford Capri oder Opel Manta warten wollten oder aber gut 20 Prozent an Kosten gegenüber dem Alfa Giulia GT ("Bertone"-Coupé) sparen wollten.

Der auf pannenfreie und langlebige Technik – dazu trug der hochmoderne, fünffach gelagerte 1,2-Liter-Vierzylinder entscheidend bei – getrimmte 124 festigte aber vor allem Fiats Ruf als Hersteller feiner Sportlimousinen und -kombis. Der 124 Familiare war der schnellste fünftürige Kombi im 1,2-Liter-Hubraum-Segment, und scharfe Special-Versionen mit bis zu 70 kW/95 PS Leistung, erkennbar an auffälligen Doppelscheinwerfern, verscheuchten sogar Alfa Giulia oder BMW 02 von der linken Autobahnspur.


Tradition 60 Jahre Fiat 124

Ein vergessener Weltmeister – Der 1966 aufgelegte Fiat 124 motorisierte in 23 Millionen Einheiten und unter vielen Markennamen fünf Kontinente. Sogar in Deutschland wurde er gebaut. Bildergalerie

Fiat 124

Wer das Designkonzept des Fiat 124 in etwas größerem Format bevorzugte, konnte ab 1967 den um 19 Zentimeter gestreckten Fiat 125 bestellen. Als weitere Möglichkeit empfahl sich ab 1970 der feine viertürige A111 von der Fiat-Tochtermarke Autobianchi, die auf Frontantrieb und Quermotor setzte. Ein Antriebslayout, das ursprünglich auch für den Fiat 124 erwogen wurde, dann aber zugunsten des konventionellen und robusten Konzepts aus Frontmotor und Hinterradantrieb aufgegeben wurde. Schließlich sollte der Fiat 124 als in Lizenz gebautes Weltauto Karriere machen. Eine Mission, die den von der Fachwelt hochgelobten Fiat 124 auf Rekordstückzahlen brachte – aber den Ruf des Turiner Traditionsherstellers fast ruinierte.

Zunächst aber sah am 15. August 1966 alles danach aus, als wäre Fiat der größte Verkaufscoup der Automobilgeschichte gelungen. Die Sowjetunion einigte sich in Moskau mit den Italienern über eine Lizenzfertigung des Fiat 124. Als geringfügig modifizierter Lada/Shiguli aus neuem Werk in Togliattigrad an der Wolga – die südrussische Stadt Stawropol ehrte dazu mit dem Namen den italienischen Kommunisten Palmiro Togliatti – entwickelte sich der Fiat 124 ab 1970 zum Volksauto des flächenmäßig größten Landes der Erde.

Aber auch in Osteuropa und in Finnland erzielten die Lada/Shiguli-Typen große Popularität. In Westeuropa, speziell in Benelux, Großbritannien und in der Bundesrepublik, fungierte Lada als Discountmarke, eine Rolle, die im 21. Jahrhundert Dacia übernahm. Wer über die etwas lieblose Detailverarbeitung der Lada-Typen hinwegsah, erhielt einen robusten Langstreckenläufer: Die Lebenserwartung eines Lada bis zur ersten großen Instandsetzung sollte mindestens zehn Fahrten Moskau-Wladiwostok und retour entsprechen, also 200.000 Kilometer.

Zur Einordnung

Für Fiat-Pkw wiesen Handbücher damals nur rund 60.000 Kilometer bis zu einer Revision aus. Tatsächlich erzielten Lada-Modelle mit verstärkten Blechen bei Hauptuntersuchungen zeitweise geringere Mängelquoten als der Fiat 124, der ab 1970 rekordverdächtig rasch vom Rost gekillt wurde. Die sowjetischen Lizenznehmer bezahlten Fiat mit recyceltem, kupferhaltigem Karosseriestahl – und Fiat musste den Ruf eines Schnellrosters mühevoll abschütteln. Der 1974 vorgestellte Fiat 131 Mirafiori erhielt deshalb als designierter Nachfolger des Modells 124 eine damals ungewöhnliche, zweijährige Garantie gegen Durchrostungsschäden.

Was den Lada, aber auch den in Korea, Ägypten, Südafrika, Malaysia oder in der Türkei gebauten Lizenz-Fiat fehlte, war das Temperament des Originals. Dieses bot aber ein spanisches Duo: Die Modelle Seat 124 und Seat 1430 erzielten das Image von Alfa Giulia oder Lancia Fulvia und wurden deshalb nach dem Produktionsende des Fiat 124 in Turin sogar nach bella Italia exportiert.

Ein Erfolgskapitel für sich ist die Karriere des bis 1985 gebauten 124 Spider. Dieser Sonnenkönig erlebte 2016 sogar ein kurzlebiges Revival, nun als Klon des Mazda MX-5. Italo-Fans feiern allerdings bis heute nur den echten Fiat 124, als Limousine ist er eine fast vergessene Legende und längst seltener als mancher Ferrari.


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