Mercedes-AMG Pure Speed im Test: Sehnsucht nach Sturm

18.03.2026 06:50 Uhr | Lesezeit: 5 min
Mercedes-AMG Pure Speed
Mercedes-AMG Pure Speed: Unter der langen Haube arbeitet der bekannte Vierliter-V8-Biturbo aus den 63er-Modellen.
© Foto: Mercedes-AMG

Der Name ist zwar Legende, doch der aktuelle Mercedes SL ist eher sanft. Beim Fahren weht nur ein zartes Lüftchen durch die Kabine und beim Verkauf herrscht gar vollends Flaute. Mit dem radikalen Roadster Pure Speed ändert sich das dramatisch.

Der Name ist Versprechen und Provokation zugleich. AMG Pure Speed. Zwei Worte, die keine Erklärung dulden. Keine Relativierung. Kein Sicherheitsnetz. Und tatsächlich: Dieser Mercedes ist kein Roadster im klassischen Sinn. Er ist ein Bekenntnis. Ein radikaler Entwurf davon, wie sich Geschwindigkeit anfühlen soll, wenn man alles entfernt, was zwischen Mensch und Maschine stehen könnte. Denn es gibt an diesem Auto nichts, was dich vor dem Sturm schützt und nichts, was deine Fahrt filtert.

Mercedes hat schon öfter Autos gebaut, die mehr Wind als Komfort kannten. Der 300 SLR von 1955, mit dem Stirling Moss die Mille Miglia gewann, war ein Rennwagen mit Nummernschild. Jahrzehnte später zitierte der SLR Stirling Moss diese Haltung – kompromisslos, offen, limitiert auf 75 Exemplare. Der Pure Speed steht in dieser Tradition. Aber er ist kein Retro-Remake. Er ist die Fortschreibung der Idee mit den Mitteln von heute. 

Basis ist der aktuelle SL, dem ein bisschen frische Luft nicht schaden kann. Denn auch wenn die achte Generation des Klassikers federführend von Mercedes-AMG entwickelt wurde, fehlt ihr ein wenig der Schwung. Beim Fahren ist der mal wieder zum, nun ja, Viersitzer mutierte SL nicht komfortabel genug, um ein S-Klasse Cabrio zu ersetzen und nicht sportlich genug, um das Sportabzeichen aus Affalterbach zu rechtfertigen, auch ohne Dach weht nur ein laues Lüftchen durch die Kabine und im Vertrieb herrscht Flaute: In Deutschland zum Beispiel wurden 2025 gerade mal 590 Exemplare zugelassen. 


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Premiere für Mythos-Serie 

Auch deshalb hat Mercedes womöglich den SL ausgesucht, um daraus als Pure Speed den Erstling der neuen Mythos-Serie zu machen – extrovertiert und extrem, limitiert und begehrlich – und deshalb vom Start weg ausverkauft.  

Doch so richtig viel gemein haben die beiden Autos auch nicht mehr. Das Dach ist verschwunden. Nicht als Stoffverdeck, nicht als Hardtop – es existiert schlicht nicht. Auch Front- und Seitenscheiben wurden gestrichen. Geblieben sind nur minimale Windabweiser, die eher symbolischen Charakter haben. Wer hier Platz nimmt, sitzt nicht im Fahrtwind. Er sitzt im Sturm.

Über dem Cockpit spannt sich stattdessen ein Karbonbügel, inspiriert vom Halo-System der Formel 1. Zwei aerodynamische Höcker hinter den Sitzen zitieren die Silberpfeile der fünfziger Jahre und lassen zudem die Rückbank verschwinden, die ohnehin nur als erweiterte Ablage taugt. Die Front wirkt noch flacher, noch aggressiver. Sichtbares Carbon, scharf geschnittene Lufteinlässe, ein tief heruntergezogenes Heck – der Pure Speed trägt seinen Extremismus offen zur Schau. Er will nicht gefallen. Er will beeindrucken.

Naturgewalt mit 585 PS

Unter der langen Haube arbeitet der bekannte Vierliter-V8-Biturbo aus den 63er-Modellen. 585 PS, 800 Nm Drehmoment. Zahlen, die im AMG-Kosmos vertraut sind – hier aber eine völlig neue Qualität bekommen. Denn ohne Scheibe, ohne Dach, ohne akustische Dämmung trifft jede Explosion in den Zylindern unmittelbar auf Trommelfell und Nervensystem und statt der Kilometer auf dem Tacho kann man auch die Einschläge der Fliegen auf der Stirn zählen. Der Sprint auf 100 km/h gelingt in 3,6 Sekunden, die Spitze liegt bei 315 km/h. Vor allem aber fühlt sich Tempo hier nicht nach Beschleunigung an, sondern nach Naturgewalt. Purer als hier jedenfalls war Speed bei Mercedes schon lange nicht mehr zu spüren.

Schon bei mittlerer Geschwindigkeit zerrt der Fahrtwind am Helm, den AMG als maßgeschneidertes Accessoire mitliefert. Und zwar samt integrierter Bluetooth-Intercom-Anlage. Ein Gimmick? Keineswegs. Wer jenseits des Ortschilds versucht, sich ohne technische Hilfe zu verständigen, der hat ein echtes Kommunikationsproblem. Der Pure Speed ist kein Flaneur. Er ist ein Erlebnis – und duldet beim Fahren keine Widerrede. 

Und doch ist er kein unberechenbares Biest. Anders als seine historischen Vorbilder verlässt er sich nicht allein auf Mut und Muskelkraft. AMG Performance 4MATIC+, aktives Fahrwerk, Hinterachslenkung, ausgefeilte Regelsysteme. Die Elektronik überwacht, stabilisiert, verteilt die Kraft mit atemberaubender Rechengeschwindigkeit. Wo frühere Generationen kämpften, kalkuliert er. Im Grundmodus wirkt der offene Extremist fast handzahm. Die Lenkung präzise, aber nicht nervös. Der Allradantrieb sorgt für sauberen Kraftschluss, selbst wenn das volle Drehmoment anliegt. Die adaptiven Dämpfer bügeln Unebenheiten weg, die Front hebt sich auf Knopfdruck über Bodenwellen. Wer will, kann mit diesem Auto durch die Stadt rollen – spektakulär, aber kontrolliert.


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Wer Wind sät, wird ...  

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Dreht man die Regler auf Maximum und schickt die Assistenzsysteme in den Hintergrund, verändert sich der Charakter. Dann wird der Pure Speed tatsächlich puristisch. Das Heck arbeitet spürbar, die Vorderachse beißt sich in den Asphalt, mit leichtem Fuß lässt man den radikalen Roadster im Sturm tanzen, Der Wind drückt gegen den Brustkorb, der Motor hämmert, die Landschaft zerfließt. Die Technik fängt viel ab – aber sie filtert nicht alles weg. Genau das macht den Reiz aus.

Im Innenraum treffen zwei Welten aufeinander. Einerseits das vertraute digitale Ambiente aktueller Mercedes-Modelle: großes Zentraldisplay, konfigurierbare Instrumente, hochwertige Materialien. Andererseits die radikale Offenheit, die jede Form von Abgeschiedenheit verweigert. Klimatisierte Sitze, feines Leder, präzise verarbeitete Carbonflächen – Luxus im Auge des Orkans. Es ist dieser Kontrast, der den Pure Speed so faszinierend macht: Hightech trifft auf archaisches Fahrgefühl. 

Limitiert ist er auf 250 Exemplare. Der Preis liegt bei rund 1,1 Millionen Euro – etwa fünfmal so viel wie der SL 63, auf dem er basiert. Verdammt viel für ein Auto mit nur zwei Sitzen nichts, was dich vor Wind und Wetter schützt. Aber ein Schnäppchen für einen Showstar, der sich auf dem Boulevard der Eitelkeit in die Pole-Position bringt. Denn Vernunft ist nun wirklich nicht die Währung, in der dieses Auto abgerechnet wird. Es geht um Begehrlichkeit. Um Exklusivität. Um das Versprechen, Teil eines sehr kleinen Zirkels zu sein.


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Sammlerstücke von morgen 

Mercedes nennt das Konzept "Mythos-Serie". Modelle, die an große Momente der Markengeschichte erinnern und zugleich Sammlerstücke von morgen sein sollen. Der Pure Speed erfüllt diese Rolle mit Leichtigkeit. Wie einst der SLR Stirling Moss ist auch er bereits vergriffen. Seltenheit war bei Mercedes schon immer ein Beschleuniger für Legendenbildung.

Doch jenseits aller strategischen Überlegungen bleibt vor allem eines: ein Fahrerlebnis, das sich tief einprägt. Kein Glas trennt dich von der Welt, kein Dach dämpft die Geräusche, kein Filter nimmt der Beschleunigung die Wucht. Geschwindigkeit wird nicht nur gemessen, sondern gespürt. In der Nackenmuskulatur. In den Ohren. Im Puls. 

Der AMG Pure Speed ist nicht der schnellste Mercedes. Diese Ehre gebührt dem AMG One. Aber kein anderer Silberpfeil vermittelt Tempo unmittelbarer, roher, kompromissloser. Er ist eine Einladung ins Auge des Orkans und stillt die Sehnsucht nach Sturm. 

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