Schon im Erstausrüstungsgeschäft denken wir den Aftermarket immer gleich mit", erklärte Philipp Grosse Kleimann, Mitglied der Mahle-Konzernleitung und Leiter des Geschäftsbereichs Lifecycle and Mobility, unlängst im Interview. Als Entwicklungspartner aller großen Pkw- und Nutzfahrzeughersteller weltweit arbeite man schon an Programmen, die erst in einigen Jahren auf den Markt kommen. Dieser Einblick in die Produktpipeline der Herstellerseite erlaube auch im Ersatzteil- und Servicegeschäft einen wertvollen Wissensvorsprung.
Dass der Hochlauf der Elektromobilität Auswirkung auf das Werkstattgeschäft haben wird, steht außer Zweifel. Weniger Verschleiß- und Ersatzteilgeschäft, weitgehender Wegfall der Erlöse durch Motoröl und neue Serviceintervalle erzeugen bei vielen Kfz-Betrieben Zukunftsängste. Das Potenzial der Verbrennerflotte, die heute noch einen Großteil des Geschäfts in den Werkstätten ausmacht, ist endlich und schmilzt in den kommenden Jahren langsam ab. "Bis Ende des Jahrzehnts könnte etwa jedes fünfte Fahrzeug in Europa elektrisch fahren - Plug-in-Hybride mitgerechnet", erklärt Grosse Kleimann.
Interessantes Segment
Gerade dieses Segment sei aber für den freien Markt interessant. Viele Autos kommen nach drei Jahren aus dem Leasing und wechseln den Besitzer. "Spätestens dann ist es wesentlich, eine valide Information zum Gesundheitszustand der Batterie zu bekommen. Das ist der Grund, weshalb wir im Bereich Werkstattausrüstung unsere Produktfamilie BatteryPro für die Batteriediagnose an E-Fahrzeugen kontinuierlich erweitern", erläutert Grosse Kleimann den Ansatz von Mahle. Unter BatteryPro fasst Mahle das Produkt- und Serviceportfolio für Diagnose und Wartung von E-Fahrzeugen zusammen. Dazu gehören die Funktion E-Scan im Mahle-Diagnosetool TechPro 2, das Servicegerät E-Health Charge zur Bestimmung des Gesundheitszustandes (engl. State of Health, SoH) der Antriebsbatterie sowie E-Care Fluid für den Service an Thermomanagement-Systemen.
Einstieg mit E-Scan
Die Funktion E-Scan ermöglicht Werkstätten den Schnellzugriff auf den Batteriestatus und gibt erste Einblicke in mögliche Schäden an Hochvoltbatterien - ohne Testfahrt mit dem Fahrzeug. Das System liest den Gesundheitszustand (SoH) und weitere relevante Parameter über OBD-Schnittstelle aus und bewertet diese anhand der Originaldaten der Fahrzeughersteller. Die Softwarefunktion E-Scan ist bereits auf allen TechPro-Diagnosegeräten von Mahle verfügbar. Mahle hat für die Batterie-Diagnosefunktion die Zertifizierung "Battery Health Check CARA approved" erhalten. Der europäische Gebrauchtwagenhändlerverband CARA bestätigt damit, dass die Bewertung des SoH durch Mahle den europäischen Qualitätsstandards entspricht.
E-Health Charge
Die Batterie-Diagnose-Lösung E-Health Charge von Mahle versetzt jede Werkstatt in die Lage, den SoH und die noch vorhandene Leistungsfähigkeit der Hochvoltbatterie herstellerunabhängig und auf Basis von selbst ermittelten Daten zu berechnen. Ziel ist es, mit einer definierten Methode, präzise, objektive und vergleichbare Werte zu ermitteln. Das Fahrzeug muss während des Prozesses nicht bewegt werden. Die Bestimmung des SoH-Wertes dauert insgesamt nur etwa 20 Minuten. Dabei wird die Batterie nach einem bestimmten Muster mit unterschiedlichen Ladeleistungen geladen. Das Diagnosesystem, das Ladevorgang und Batteriediagnose in einem Arbeitsgang kombiniert, besteht aus dem Batterieladegerät E-Charge 20 und der zugehörigen E-Health-Applikation im TechPro. E-Charge 20 hat eine Ladeleistung von 20 Kilowatt und kann - unabhängig von der Diagnose - auch als reines Ladegerät für vollelektrische Fahrzeuge verwendet werden. Für die Auswertung der gesammelten Daten des Ladegeräts und der OBD-Schnittstelle arbeitet Mahle mit dem Batteriespezialisten Volytica Diagnostics zusammen.
Thermomanagement
Für die Wartung von Kühlkreisläufen bei Fahrzeugen aller Antriebsarten wurde das Servicegerät E Care Fluid entwickelt. Das System ermöglicht es, den Kühlmittelkreislauf nach Arbeiten an der Hochvoltbatterie oder am Kühlsystem vollautomatisiert zu entleeren, zu prüfen und wieder zu befüllen. Integrierte Vakuum- und Drucktests erlauben zudem eine zuverlässige Dichtheitsprüfung. E Care Fluid ist für alle gängigen Kühlmedien ausgelegt und berücksichtigt damit insbesondere die hohen Anforderungen von Elektro- und Hybridfahrzeugen. Zwei getrennte Tanks ermöglichen sowohl die Wiederverwendung des entnommenen Kühlmittels als auch das automatisierte Anmischen nach Herstellervorgaben, ergänzt um einen Reinigungsprozess zur Entfernung von Verunreinigungen.
Kompetenz aus der Erstausrüstung
Kooperation mit China-Marken
Ersatzteile für E-Fahrzeuge
Neben dem Geschäft mit Werkstattausrüstung entwickelt Mahle zahlreiche E-Komponenten für den Ersatzteilemarkt. Erste Produkte sind Input-Filter sowie Onboard-Charger. Beide Komponenten stammen direkt aus der Erstausrüstungsfertigung des Konzerns. Weitere Leistungselektronik- und Hochvolt-Komponenten sollen laut Mahle folgen.
Input-Filter schützen die Hochvoltbatterie sowie die Leistungs- und Ladeelektronik beim Laden vor Überspannungsspitzen oder unerwünschten Signalen. Onboard-Charger wandeln Wechselstrom (AC) aus dem Stromnetz in Gleichstrom (DC) um, damit dieser in der Hochvoltbatterie gespeichert werden kann. Hochvolt-Komponenten unterliegen wie alle anderen Elektrik- und Elektronikbauteile einem Verschleiß durch Alterung, Vibrationen, Eindringen von Feuchtigkeit oder Überhitzung. Daher wird ihre Bedeutung im Ersatzteil- und Servicegeschäft stark wachsen.
Lösungen fürs Laden
Mahle verfolgt bei der Elektrifizierung einen ganzheitlichen Ansatz - dazu gehört auch das Thema Laden. Um große Areale wie Parkflächen oder Tiefgaragen effizient und wirtschaftlich zu elektrifizieren, hat das Tochterunternehmen Mahle ChargeBig eine modulare Ladelösung entwickelt. Herzstück ist der ChargeCluster, eine zentrale Verteilstation, die je nach Ausführung (S, M oder L) zwei bis 36 Ladepunkte verwaltet. Die kompakten Ladepunkte ("SmallBox") lassen sich flexibel integrieren und bieten 22 kW dreiphasige AC-Ladung. Um Lastspitzen zu vermeiden, lässt sich der ChargeCluster zudem an die maximal nutzbare Leistung des Betriebes anpassen. Ergänzt wird das Angebot um die smallBox Portable: Die mobile Ladelösung benötigt lediglich eine Stromleitung bis zu 63 Ampere, die an der Unterseite des Gehäuses angeschlossen wird, und bietet vier Ladepunkte mit jeweils bis zu 22 kW - ideal für den flexiblen Werkstatteinsatz.
Induktives Laden
In vielen Geräten zu Hause ist kabelloses Laden schon Standard: Elektrische Zahnbürsten lassen sich kabellos laden, auch Smartphones kommen bereits ohne Kabelverbindung beim Laden aus. Das könnte auch bald beim E-Auto funktionieren. Der Stuttgarter Automobilzulieferer Mahle ist schon seit einiger Zeit an dem Thema dran und arbeitet mit Partnern aus der Industrie und Forschung zusammen. Die US-amerikanische Standardisierungsorganisation SAE International wählte das Mahle-Positionierungssystem DIPS (Differential-Inductive-Positioning-System) als globale Standardlösung für kabelloses Laden aus. Das induktive Ladesystem von Mahle arbeitet herstellerübergreifend. Das Prinzip basiert auf einer fest installierten Bodenplatte sowie einer im Unterboden des Fahrzeugs integrierten Fahrzeugkomponente. Das patentierte Positionierungssystem stellt sicher, dass das Fahrzeug präzise über der Ladeeinheit ausgerichtet wird. Systeme, die eine komfortable kontaktlose Ladetechnologie bereitstellen, liefern in Zukunft die technologische Grundlage für automatisierte Park- und Ladelösungen.
Philipp Grosse Kleimann
- Ausgabe 5/2026 Seite 026 (763.3 KB, PDF)