Der Trend zum SUV killte viele klassische Kompakte, aber dieser Blitz soll heller denn je strahlen: Passend zum Jubiläum „90 Jahre Opel Kompaktklasse“ poliert Rüsselsheim den Astra durch ein Facelift und neue Lichttechnik auf. Mehr als 25 Millionen Einheiten vom Astra – gebaut seit 1991 – und seinem Vorgänger Kadett hat Opel in zwölf Generationen ausgeliefert und dabei Marksteine gesetzt, die nicht selten zu Unrecht in Vergessenheit gerieten. Wer weiß noch, dass es schon vor dem VW Käfer ein deutsches Volksauto gab?
Opel verfolgt seit dem 1924 lancierten Laubfrosch als erstem deutschen Fließbandauto die Vision des Autos für alle; der 1936 aufgelegte Kadett des damals größten europäischen Autobauers führte die Kompaktklasse in die Moderne mit selbstragender Karosserie (als zweites deutsches Serienmodell nach dem Opel Olympia) zu bezahlbaren Preisen. Entwicklungshilfe bekam der erste Kadett ausgerechnet durch Heinrich Nordhoff, damals technischer Berater bei Opel und danach VW-Chef.
"Opel der Zuverlässige"
VW, der ewige Rivale: Der Werbeslogan "Opel der Zuverlässige" war ein Vorläufer des VW-Käfer-Slogans "Er läuft und läuft und läuft…", und das Credo „Opel Kadett. Das Auto.“ nahm das spätere "Der Golf – das Auto." vorweg. Anfang der 1970er überholte der Kadett den Käfer sogar kurzzeitig in der deutschen Zulassungsstatistik – und auch weltweit setzte der kleine Opel einen kuriosen Allzeit-Rekord: Der Kadett (C) wurde unter 14 Marken mit über 40 unterschiedlichen Modellbezeichnungen auf fünf Kontinenten gebaut. Die höchsten Verkaufszahlen erzielte allerdings der Astra, schon der erste Astra von 1991 griff mit 4,1 Millionen Einheiten nach den namensgebenden Sternen.
Gegen den Mainstream gedacht, so gewann schon der allererste Kadett 1936 die Herzen der breiten Bevölkerung, für die die Hoffnung auf ein eigenes Auto dennoch meist unerfüllbarer Wunschtraum blieb. Stattdessen sicherten das Fahrrad oder Motorrad individuelle Mobilität. Während die Konstrukteure von kleinen Ford, Fiat oder KdF-Wagen- bzw. VW Käfer sich noch nicht an die neuartige, selbsttragende Karosserie wagten, war der in Rüsselsheim gefertigte Kadett bereits Opels zweites Volumenmodell mit dieser modernen Bauweise. Trotz günstiger Preise ab 2.100 Mark machte dieser in fließenden Linien gezeichnete "Wagen fürs Volk" vieles neu, wie das Opel-Marketing herausstellte, etwa die erste crashgetestete "steife Sicherheitskarosserie".
Auch an Langzeitrostschutz für mindestens zehn Winter dachten die Opel-Techniker bereits, vor 90 Jahren eine Revolution. Nur der 1,1-Liter-Grauguss-Vierzylinder mit 23 PS war betagt, stammte er doch aus dem Vorgänger Opel P4. Aber was soll’s: Der Benziner arbeitete zuverlässig, und das war es, worauf es den Menschen ankam. Dazu zählten die Vollgasqualitäten auf den frühen Autobahnen – damals nicht selbstverständlich.
90 Jahre Opel-Kompaktklasse Kadett und Astra
Auch das Design ist nicht erst seit 2026 wichtiger Kaufgrund: Wenn das jüngste Astra-Facelift laut Opel einen "Anblick mit Will-ich-haben-Faktor generiert", dann entspricht das dem beim 1936er Kadett erhofften Effekt, der mit einer Art-Déco-Kühlerfront vorfuhr. Opels amerikanischer Mutterkonzern General Motors (GM) hatte den Hessen eine Designabteilung verordnet – damals eine Sensation – und so pushte der schicke Kadett Opel auf die Pole Position unter den größten europäischen Autobauern.
Was keiner ahnte: Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Rüsselsheim das Feld der Volksautos vorerst Wolfsburg überlassen, der Käfer setzte unter dem ehemaligen Opelaner und neuen VW-Generaldirektor Heinrich Nordhoff immer neue Produktionsrekorde. Dagegen wurden die Kadett-Bänder 1946 demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion geliefert, wo der Kadett als Moskwitsch zum zweiten Mal zur Volksmotorisierung beitrug.
Kleiner Opel - Positive Überraschungen
In Deutschland kam der kompakte Kadett (A) erst 1962 wieder in Fahrt – und zwar mit jener markanten Bügelfalte auf der Motorhaube, die heute noch der Astra (L) zitiert. Mit Preisen ab 5.075 Mark bewegte sich der als Limousine, Kombi "Caravan" und Coupé lieferbare, 3,92 Meter kurze Kadett auf Käfer-Niveau, bot aber flottere Fahrleistungen und einen "Urlaubs-Camping-Picknick"-Kofferraum, wie die Werbung versprach – plus optionale dritte Sitzreihe im Caravan, passend zur Baby-Boomer-Ära. Rund 650.000 Käufer bestellten den im eigens errichten Werk Bochum gebauten Käfer- und Ford-12M-Herausforderer – der nur einen tödlichen Feind hatte: Korrosion.
Rost war beim schon 1965 aufgelegten dritten Kadett (B) kein Thema, dieser kleine Opel war nur für positive Überraschungen gut. Sogar den VW Käfer überholte der Kadett Anfang der 1970er in den deutschen Neuzulassungen, bis 1973 wurden fast 2,7 Millionen Einheiten gefertigt. Für jeden der richtige Kadett: 14 Versionen, nie zuvor hatte es einen Pkw mit selbsttragender Karosserie in solcher Vielfalt gegeben. Dazu zählten Luxusvarianten wie der Olympia, Streetracer wie der Kadett Rallye und erfolgreiche Rennversionen. Nicht zu vergessen, auch der „Nur-Fliegen-ist-schöner“- Klappscheinwerfer-Sportler Opel GT nutzte die Technik dieses Kompakten, der über Buick-Händler auch im Land der Straßenkreuzer Fans fand.
Zwei- und viertürige Limousine, Caravan, Coupé, City-Fastback, Aero-Cabrio: Mit dieser Vielfalt avancierte der Kadett (C) 1973 zum Gewinnertyp, der sich global besser verkaufte als der 1974 eingeführte, bahnbrechend moderne, erste VW Golf. Wie das? Die Opel-Mutter GM nutzte den Kadett C als Basis für ihr T-Car-Weltauto, und so wurde der Opel unter mehr als 40 Marken- und Modellnamen produziert. Gut sieben Millionen Einheiten konnten von den T-Cars verkauft werden. Als 1979 der kantige Kadett D mit Frontantrieb erschien, war die Geschichte des Vorgängers noch nicht zu Ende: Als Chevette mit Vauxhall-Front überbrückte er die Wartezeit bis zum Debüt des ersten Corsa.
Dagegen überraschte der Kadett (E) 1984 in einer zukunftsweisenden Modernität, die sich kein Konkurrent traute. "Windei" nannten die Medien den kompakten Aerodynamik-Weltmeister, der Golf II und Ford Escort altbacken aussehen ließ. Rund 3,8 Millionen Einheiten wurden bis 1991 verkauft, ein furios-schneller GSi Champion sogar an Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Frau Loki.
Neuer Name, alte Mission hieß es 1991: Als Astra (F) zeigte der kompakte Opel frischen Ehrgeiz bei der Jagd nach Rekorden. Und tatsächlich: Von 1993 bis 2000 war der Astra Caravan meistverkaufter Kombi aller Klassen in Europa. Per aspera ad astra – durch Mühsal gelangt man zu den Sternen. Genau dieses Ziel verfolgt Opel auch mit den folgenden Astra-Generationen G (1998), H (2004), J (2009), K (2015) und L (seit 2022). Aber trotz extravaganter Designs, mutiger Coupés und Cabrios sowie progressiver Technologien – der Astra L fährt seit 2023 optional vollelektrisch – wurde der Mut nicht immer belohnt. SUV haben den klassischen Kompakten zugesetzt, also aufgeben wie Ford mit dem Focus? Opel macht weiter und schärft den Astra, zumal die Kombis vor einem Comeback scheinen, wie neue Player á la Kia K4 und Dacia Striker zeigen.