Zweiradsicherheit: Alte Rezepte, neue Technik

Ein breiteres Tagfahrlicht würde die Sichtbarkeit von motorisierten Zweirädern verbessern.
© Foto: BMW

Langfristig gesehen, werden tödliche Verkehrsunfälle immer seltener. Allerdings steigt bei den Motorradfahrern der relative Anteil an den Verkehrstoten. Technische Innovationen und verpflichtende Trainings könnten das Motorradfahren künftig sicherer machen.


Datum:
30.06.2016

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Von Mario Hommen/SP-X

Der Blick auf die Statistik ist eigentlich erfreulich: Seit dem Jahr 2000 ist in die Zahl der Verkehrstoten bei Autounfällen um 67 Prozent und bei Motorradunfällen um 37 Prozent gesunken. Allerdings warnen Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrats DVR, dass die Zahl der tödlichen Motorradunfälle hierzulande stagnieren könnte. Mit technischen Innovationen und mit altbekannten Ratschlägen soll das Motorradfahren in Zukunft dennoch sicherer werden.

Die Sicherheitstechnik bei Autos hat in der jüngeren Vergangenheit vor allem vom besseren Crashverhalten und vom ESP profitiert. Genau diese beiden Entwicklungen lassen sich auf Motorräder allerdings nicht übertragen. Nichtsdestotrotz sieht Beata Telingo von BMW Motorrad noch reichlich Verbesserungspotenzial bei der Sicherheitstechnik motorisierter Zweiräder. Unter anderem will BMW in einer Kooperation mit Honda und Yamaha in einem sogenannten Connected Motorcycle Consortium die Entwicklung von Sicherheits-Innovationen vorantreiben, die auf kooperative Verkehrstelematik setzt.

Erste konkrete Ergebnisse sind aber nicht vor 2020 zu erwarten. Eine mögliche Funktion könnte die Kommunikation zwischen Auto und Motorrad sein, zum Beispiel wenn ein Linksabbieger-Pkw vor einem herannahenden Motorrad im Gegenverkehr gewarnt wird. Oft sind Motorradunfälle nämlich der Unachtsamkeit oder der Fehleinschätzung von Autofahrern geschuldet.

Totwinkel-Warner bei BMW

Andere Sicherheits-Innovationen von BMW wurden jüngst eingeführt oder sollen in Kürze verfügbar sein. Frisch im Markt ist zum Beispiel beim Maxi-Scooter C 650 ein Totwinkel-Warner, der im Geschwindigkeitsfenster von 25 bis 80 km/h vor Fahrzeugen im Toten Winkel über kleine Blinkleuchten in den Spiegeln warnt. Darüber hinaus will BMW 2017 das erste e-Call-System für ein Motorrad anbieten, über das sowohl manuell wie automatisch ein Notruf ausgelöst werden kann. Und in Hinblick auf die passive Sicherheit arbeitet man derzeit mit dem Kleidungshersteller Alpinestars unter anderem an der Entwicklung einer Airbag-Motorradjacke.

Einen für Einspurfahrzeuge bislang einzigartigen Insassenschutz bot übrigens der von 2000 bis 2003 gebaute, überdachte BMW-Roller C1 mit seiner Sicherheitszelle und einer Knautschzone. Beata Telingo möchte nicht ausschließen, dass ein solches Konzept in einer ähnlichen Form wiederbelebt werden könnte.

Wie Matthias Kühn von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) betont, werden Sicherheitsneuerungen bei Motorrädern mittelfristig allerdings kaum nennenswerte Auswirkungen auf die Unfallstatistik haben. Bis neue Sicherheitstechniken in relevanter Zahl auf die Straße kommen, vergeht bei Motorrädern nämlich viel Zeit. Dies liegt unter anderem auch an der langen Zeit, die Motorräder genutzt werden. Ihr Durchschnittsalter im Bestand liegt bei 15,7 Jahren, das von Autos bei nur 8,8 Jahren. Eine Marktdurchdringung neuer Techniken macht sich beim Pkw also deutlich früher bemerkbar.

Zahl der Motorradtoten wird stagnieren

Deshalb wird nach einer Prognose des UDV die Zahl der Motorradtoten bis 2020 stagnieren, während die der Pkw-Toten weiter sinkt. Entsprechend wird der Anteil tödlich verunglückter Motorradfahrer relativ zu der Zahl aller Verkehrstoten weiter steigen. Eine Entwicklung, die der UDV deshalb mit Empfehlungen entgegenwirken möchte, die allerdings nicht jedem Biker gefallen dürften. So appelliert der UDV an Motorradfahrer, ihre Sichtbarkeit zu verbessern.

Hier könnten grelle Schutzkleidung und auch ein breites Tagfahrlicht hilfreich sein. Ein solches hat BMW kürzlich vorgestellt, das Scheinwerfer und die vorderen Blinker als Tagfahrlicht nutzt. Darüber hinaus wünscht man sich beim UDV eine Verpflichtung zu Fahrtrainings für Motorradfahrer, denn oft führen Fehleinschätzungen und fahrerisches Unvermögen zu Biker-Unfällen. Vor allem in Fahrertrainings, die in großer Zahl angeboten werden, sieht auch Beata Telingo ein großes Potenzial. Und schließlich gibt es noch den Appell an die Vernunft der Motorradfahrer, sich am besten mental und körperlich gut vorbereitet auf ein Motorrad zu setzen und zudem mit angemessener Geschwindigkeit zu fahren. Der UDV empfiehlt deshalb auch, mit Geschwindigkeits- und Abstandskontrollen Biker zu einer vernünftigeren Fahrweise zu erziehen.

Schließlich bietet noch die Infrastruktur Potenzial, die Unfallrisiken für Biker zu mindern. So ereignen sich nach einer Auswertung des UDV auf 0,2 Prozent des deutschen Streckennetzes 5,9 Prozent der Motorradunfälle. Hier ist es Aufgabe der Verkehrsplaner, solche Unfallschwerpunkte zu entschärfen. Unter anderem könnten hier motorradfreundliche Schutzplanken, eine Homogenisierung der Fahrbahnoberflächen oder eine bessere Kennzeichnung des Streckenverlaufs helfen, das Risiko von Unfällen und deren Folgen zu mindern.

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