Turbolader: Fehler in der Peripherie

Teurer Schaden: Turbolader sind komplexe Bauteile.
© Foto: Adobe Stock/wellphoto, Schlüter Turbolader

Der Abgasturbolader ist ein empfindliches Bauteil, das in modernen Downsizing-Motoren unverzichtbar ist. Richtig behandelt, soll er ein Autoleben halten. In der Praxis gibt es aber oft Probleme, die meistens durch das direkte Umfeld verursacht werden.


Datum:
23.01.2020
Autor:
Alexander Junk

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Kaum ein Autohersteller baut heutzutage noch Motoren, die ohne Abgasturbolader auskommen. Die meisten Downsizing-Aggregate müssen "zwangsbeatmet" werden, da ansonsten nicht genügend Leistung zur Verfügung stünde. Der alte Spruch, dass Hubraum durch nichts zu ersetzen ist, gilt in Zeiten immer strengerer Abgasvorschriften und CO2 -Vorgaben nicht mehr: Die Motoren werden tendenziell immer kleiner, gerade bei Hybridantrieben.

Immer gut schmieren

Turbolader sind technische Wunderwerke, denn Turbinen- und Verdichterräder sowie Lager und Welle müssen nicht nur Temperaturen von 1.000 Grad aushalten, sondern auch knapp 300.000 Umdrehungen pro Minute überstehen können. Mit der steigenden Verbreitung der Turbolader steigen auch die Problemfälle, die mit ihnen auftreten. Denn obwohl der Turbolader für ein Autoleben ausgelegt ist, können in der Praxis durchaus Probleme mit ihm auftauchen, die aber oftmals in der Peripherie begründet sind.

Ist ein Turbolader defekt, sollte deshalb die Peripherie des Autos genau untersucht werden, denn ansonsten ist ein weiterer Ausfall vorprogrammiert. Es kommt immer wieder zu Reklamationen mit fabrikneuen Turboladern, weil Werkstätten das direkte Umfeld des Laders nichts ausreichend untersucht und die Ausfallsursache gefunden haben.

Ein besonders häufiger Turbolader-Killer ist zum Beispiel Ölmangel. Damit der Lader die großen Temperaturbelastungen und hohen Umdrehungen aushält, ist ein stetiger Ölfilm wichtig. Laut Turbolader-Experte Motair ist der Ölfilm, der die rotierenden von den statischen Teilen trennt, gerade 0,01 bis 0,08 Millimeter dick. Kommt es hier zu einer Unterversorgung, kann sich die Welle des Turboladers schnell heißdrehen und abreißen. Mangelnde Schmierung kann auch zum Verdrehen der Lagerbuchse und zum Brechen der Welle führen. Ein Ölmangel ist meistens eine Folge davon, dass Ölwechselintervalle nicht eingehalten wurden oder der Ölftilter verstopft ist, was für einen unregelmäßigen Ölfluss sorgt. "Wir empfehlen beim Turboladertausch auch, immer die Ölzulaufleitung mit auszutauschen, da sie verstopft sein kann", erklärt Ralf Clemens, Geschäftsführer der Schlütter Turbolader GmbH in Troisdorf. Neben dem Ölmangel können auch verunreinigtes Öl oder das falsche Motorenöl verantwortlich sein. Ölschlamm, der sich in der Ölwanne sammelt, kann ebenfalls ein Grund für die Unterversorgung des Laders und dessen Ausfall sein.

Rußablagerungen bei Diesel

Bei Dieselfahrzeugen ist ein verstopfter Dieselpartikelfilter oftmals die Ursache dafür, dass Turbolader frühzeitig ausfallen. Wenn der Filter durch Ruß und Asche zugesetzt ist und die Regeneration nicht mehr ordnungsgemäß funktioniert, erhöht sich der Abgasgegendruck. Das führt schließlich zum Versagen der Lagerung im Turbolader. Anhand von Schadenbildern (siehe S. 22) lässt sich leicht erkennen, wenn der verstopfte Partikelfilter dafür verantwortlich war. So führt eine erhöhte Abgasleckage in Richtung Lagergehäuse zu Lagerschäden und wiederum zum Bruch der Läuferwelle. Ein untrügliches Zeichen für einen verstopften Dieselpartikelfilter sind jedoch Rußablagerungen im Umfeld des Turboladers. Handelt es sich um einen Turbolader mit variabler Turbinengeometrie (VTG), findet sich auch häufig Ruß im Bereich des VTG-Umlenkhebels, der für die Stellung der Turbinenschaufel verantwortlich ist. Es können auch die Turbinenschaufeln verrußen, wenn beispielsweise das AGR-Ventil defekt ist oder ein zu hoher Ladedruck vorherrscht. Auch Blockaden in der Motorentflüftung und im Ölnebelabscheider, ein fehlerbehaftetes Motormanagement und Verschleiß am Motor selbst können zu einer Verrußung führen.

Fatale Fremdkörper

Ein besonders gravierendes Schadenbild ergibt sich durch Fremdkörper, die vom Turbolader angesaugt werden und Verdichter- und Turbinenrad buchstäblich zerlegen. Verdichterseitig kann das beispielsweise passieren, wenn nicht alle Teile eines zuvor ausgetauschten Turboladers entfernt wurden. Auf der Turbinenseite können beispielsweise abgebrochene Teile im Motor wie Ventile oder Teile vom Abgaskrümmer wie Rost oder Ablagerungen angesaugt werden und für eine vollständige Zerstörung des Laders sorgen. Es gibt auch bestimmte Motoren, die dafür besonders anfällig sind, wie beispielsweise der Sechszylinder-TDI-Motor mit 2,5 Liter Hubraum der VAG-Gruppe, in dem sich kleinste Teile der Kompensatorrohre und des Abgaskrümmers lösen können. Beim Austausch des Laders sollte deshalb darauf geachtet werden, dass keine losen Teile mehr vorhanden sind.

Kritisch für den Turbolader ist auch ein Überdrehen jenseits der 300.000 Umdrehungen pro Minute, was zu einem Lagerschaden führen kann. Die Ursache hierfür liegt ebenfalls in der Peripherie begründet: Eine unvollständige Reinigung eines ölgetränkten Ladeluftkühlers kann dafür verantwortlich sein. Bemerkbar macht sich ein Überdrehschaden durch den sogenannten Orange-Peel-Effekt. Dabei ist die Rückseite des Verdichterrades nicht mehr glatt, sondern sieht wie die Schale einer Orange aus.

Nicht nur Lader austauschen

Im Schadenfall sollte beim Austausch des Turboladers darauf geachtet werden, dass nicht nur der Lader selbst, sondern auch alle Teile ausgetauscht werden, die die Gefahr eines Ausfalls verringern können. Dazu gehören beispielsweise Ölzulaufleitungen, Anbaudichtungen und je nach Modell noch weitere Teile wie Ölnebelabscheider. Ansonsten kann der neue Lader auch schon bald wieder einen Defekt aufweisen.

Kurzfassung

Turbolader müssen hohen Drehzahlen und Temperaturen widerstehen, gelten aber nicht als Verschleißteil und sollen ein Autoleben halten. Im Schadenfall liegen die Ursachen deshalb meistens in der Peripherie.

Neuer Turbolader oder Wiederaufbereitung?

Im Schadenfall des Turboladers stellt sich je nach Alter und Zustand des Fahrzeugs die Frage, ob es ein Neuteil sein muss oder auch ein wiederaufbereiteter Turbolader sein kann. Letztere sind deutlich günstiger und werden beispielsweise vom Kölner Spezialisten Motair angeboten. Bei der Wiederaufbereitung kommt ein mehrstufiger Prozess zum Einsatz, bei dem neben der Reinigung auch alle defekten Teile des Laders ersetzt werden. Auch der Zulieferer Borg Warner bietet so einen Service mit den sogenannten Reman-Turboladern an.

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