asp: Herr Kiebel, Wahler blickt auf über 120 Jahre Unternehmensgeschichte zurück. Warum war die Marke in den vergangenen Jahren im Markt vergleichsweise wenig präsent?
H. Kiebel: Die Präsenz im Markt war jederzeit gegeben. Jedoch ist es ein Unterschied, ob Sie als eigenständige Marke agieren oder Teil eines Vertriebsportfolios sind. Nach dem Verkauf von Wahler an Borg Warner im Jahr 2014 lag der Fokus klar auf der Dachmarke Borg Warner. Wahler war zwar Teil des Portfolios, wurde aber nicht als eigenständige Marke nach außen gespielt.
asp: Welche Rolle spielt das Unternehmen Thermal Management Solutions hinter der Marke Wahler?
H. Kiebel: Thermal Management Solutions (TMS) ist die neue Unternehmensgruppe hinter der Marke nach der Insolvenz des vorherigen Eigentümers, der Arlington Group, die Wahler von Borg Warner übernommen hatte. Wahler bleibt als eigenständige Marke bewusst der sichtbare Name nach außen. Intern heißen unsere Gesellschaften entsprechend Thermal Management Solutions France, Brazil oder Oberboihingen, aber im Tagesgeschäft sprechen Kunden nach wie vor von Wahler. Genau das war uns wichtig: Die Marke wieder dorthin zu bringen, wo sie hingehört, und gleichzeitig ein stabiles, mittelständisch geprägtes Fundament dahinter aufzubauen.
asp: Wie werden Wahler-Produkte vertrieben?
N. Krautwasser: Bislang lief der Vertrieb im Wesentlichen über die Strukturen des früheren Eigners. Heute sprechen wir den Teilegroßhandel wieder direkt an. Einzelne Werkstätten beliefern wir nicht selbst und planen auch nicht, dieses Angebot in der Zukunft mitaufzunehmen. Der Teilegroßhandel ist unser natürlicher Partner - dort bündeln sich Logistik, Verfügbarkeit und Marktzugang. Unser Anspruch ist es, den Großhandel technisch und inhaltlich bestmöglich zu unterstützen.
asp: Wahler konzentriert sich heute konsequent auf Thermostate und Ölregler. Warum dieser klare Fokus statt eines breiten Produktportfolios?
H. Kiebel: Weil wir sehr bewusst entschieden haben, uns auf das zu konzentrieren, was wir wirklich beherrschen. Wahler war historisch nie ein Anbieter mit einem großen Bauchladen, sondern immer dann stark, wenn es um Thermomanagement ging. Thermostate sind technisch anspruchsvoll, sicherheits- und emissionsrelevant - und genau hier können wir unsere OE-Kompetenz voll ausspielen.
asp: Was für Thermostate bieten Sie an?
H. Kiebel: Unser Kern sind Thermostate und Ölregler für Kühl- und Schmierkreisläufe in Pkw, Nutzfahrzeugen und Industrieanwendungen. Herzstück ist der temperaturabhängige Wachsaktuator, der ohne externe Energiezufuhr präzise regelt - robust und unabhängig von Elektronik. Unsere Thermostate sind auf Lebensdauer ausgelegt, robust konstruiert und für anspruchsvolle Anwendungen entwickelt. Auf dem Aftermarket bekommen Kunden exakt das gleiche Produkt, das wir auch dem OEM liefern.
- Ausgabe 2/2026 Seite 020 (494.5 KB, PDF)
""Wenn es technisch anspruchsvoll wird, wollen wir der richtige Ansprechpartner sein.""
Holger Kiebel, TMS GmbH
asp: Mit welchen OEM arbeiten Sie zusammen?
H. Kiebel: Wir sind bei zahlreichen europäischen Premium-Herstellern vertreten - unter anderem in Anwendungen bei Mercedes-Benz, Porsche, Audi/VW, BMW und Volvo. Besonders dort, wo anspruchsvolle Thermikregelung gefragt ist.
asp: Welche Aufgaben hat ein Thermostat im Auto?
H. Kiebel: Ein Thermostat regelt nicht nur Temperatur, sondern beeinflusst Effizienz, Emissionen und Lebensdauer eines Motors maßgeblich. Unser Kern-Know-how liegt in der Wachstechnologie - also darin, das Material so zu mischen und zu kalibrieren, dass es exakt bei den vom OEM geforderten Temperaturen reagiert. Das klingt simpel, ist aber hochpräzise Entwicklungsarbeit. Kleine Abweichungen können große Auswirkungen haben. Der Standard ist ein Thermostat im Kühlkreislauf, zusätzlich gibt es häufig einen ölseitigen Regler. Entscheidend sind die strömungsgünstige Gehäuseauslegung und die korrekte Einbindung in den jeweiligen Kreislauf.
asp: Wie funktioniert ein klassisches Thermostat von Wahler?
H. Kiebel: Im Wachsaktuator dehnt sich das Medium bei Wärme aus und betätigt über einen Stift das Ventil - so wird der Durchfluss stufenlos geregelt. Das System ist mechanisch, sehr robust und benötigt keine Stromzufuhr. Es existiert zudem eine Variante mit integriertem Hubsensor, der Positionsdaten an das Motorsteuergerät zurückmeldet.
asp: Gibt es Wechselintervalle oder typische Ausfallursachen für Thermostate?
H. Kiebel: Ein Thermostat ist grundsätzlich auf die Lebensdauer des Fahrzeugs ausgelegt, feste Wechselintervalle gibt es nicht. Häufige Ursachen für einen Tausch sind äußere Einflüsse - etwa Undichtigkeiten an Dichtungen, Beschädigungen am Gehäuse oder Verunreinigungen im System. Beim Tausch sollten daher neue Dichtungen verwendet werden.
asp: Welche Rolle spielt Thermomanagement bei E-Fahrzeugen?
H. Kiebel: Der Kühlkreislauf von Batterien benötigt ein enges Temperaturfenster, das deutlich niedriger ist als bei Verbrennern. Heute regeln das oft elektrische Ventile, die komplex sind, Energie benötigen und viele mechanische und elektronische Komponenten enthalten, die anfällig sein können. Gerade im Aftermarket sehen wir, dass sie häufig als Schwachstelle wahrgenommen werden. Wir arbeiten daran, unsere mechanischen Thermostate für diese Anforderungen weiterzuentwickeln, um schnellere Ansprechzeiten bei niedrigeren Temperaturen zu ermöglichen. Gleichzeitig benötigen sie keine Energie, was in E-Fahrzeugen ein Vorteil ist. Deshalb kommen OEM heute auf uns zu und fragen, ob sich diese Technologie für neue Anwendungen weiterentwickeln lässt, etwa für Batterie- oder Leistungselektronikkühlung. Wir sind überzeugt, dass wir hier Lösungen anbieten können, die günstiger, langlebiger und energieeffizienter sind als rein elektrische Systeme.
asp: Wo fertigen Sie die Thermostate?
H. Kiebel: Der größte Standort ist Oberboihingen. Weitere Werke befinden sich in Frankreich, Brasilien und den USA. Es gibt auch ein Werk in China für lokale Hersteller. Unser Prinzip ist "local for local" - die technische Kompetenz sitzt zentral, produziert wird nahe am Markt.
asp: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Produktion?
H. Kiebel: Oberboihingen produziert seit Juni 2025 CO2-neutral und ist auch zertifiziert. Um das zu erreichen, haben wir beispielsweise die Druckluft-Erzeugung optimiert, verwenden Photovoltaik zur Stromerzeugung und setzen auf ein verbessertes Abfallmanagement. Wir haben auch ergänzende ökologische Maßnahmen wie eigene Bienenstöcke. Zusätzlich engagieren wir uns sozial, unter anderem in Kooperation mit Werkstätten für Menschen mit Behinderung sowie Bildungseinrichtungen.
asp: Erschließen Sie sich auch neue Märkte abseits des Automotive-Bereichs?
H. Kiebel: Ja, wir wachsen sehr stark in den Bereichen Nutzfahrzeuge, industrielle Anwendungen und auch militärische Fahrzeuge. Überall dort, wo Verbrennungsmotoren oder komplexe Kühlsysteme im Einsatz sind, wird Thermomanagement gebraucht. Hinzu kommen stationäre Anwendungen wie Kompressoren oder Windenergieanlagen. Unser Ansatz ist dabei immer derselbe: Wenn es technisch anspruchsvoll wird, wollen wir der richtige Ansprechpartner sein.