Elektroautos sind gemeinhin für leise Töne bekannt. Doch der vertraute Motorenlärm eines Diesels oder Benziners scheint manchen Autofahrern zu fehlen. Die Autoindustrie brachte das auf eine Idee: Sie hat technische Lösungen entwickelt, um die Motorengeräusche möglichst realitätsnah in Elektroautos zu erzeugen: mit künstlichen Soundgeneratoren.
Der Hyundai Ionic 5 N etwa macht auf Krawall, indem Lautsprecher verschiedene Motorenklänge nach innen und außen abspielen. So klingt der 650 PS starke Sportwagen, als stecke unter seiner Karosserie kein Batterieantrieb, sondern ein hochgezüchteter Benziner. Auch der Porsche Taycan simuliert ein Motoren-Grummeln, ebenso wie sein Technik-Bruder Audi e-tron GT. Der Stellantis-Konzern ist stolz auf das „Gebrüll“ des Abarth 500e, für das die Sounddesigner angeblich mehr als 6.000 Stunden tüftelten.
Noch sind dies Ausnahmen, doch bald könnte das beinahe lautlose Surren von E-Fahrzeugen auf breiter Front fallen. Entsprechende Verhandlungen laufen seit 2024 bei der Unece (United Nations Economic Commission for Europe) in Genf, die unter anderem Standards für Fahrzeuglärm festlegt. Die Gespräche zu den neuen Geräuschvorschriften für E-Autos liefen weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ab, sagt Lars Schade vom Fachgebiet „Lärmminderung im Verkehr“ beim Umweltbundesamt, der die Unece-Verhandlungen beobachtet. Mit einer Entscheidung sei im Februar zu rechnen.
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Zwar gibt es für Elektroautos bereits Normen, allerdings weil sie normalerweise zu leise sind. Seit 2021 müssen batteriebetriebene Neuwagen bei geringem Tempo ein Warngeräusch abgeben, um Fußgänger zu schützen. AVAS (Acoustic Vehicle Alerting Systems) heißt das Klang-System, das aus reinen Sicherheitsgründen Pflicht ist.
Aber auch mit AVAS machen E-Fahrzeuge erheblich weniger Geräusche, gerade bei niedrigen Geschwindigkeiten im Stadtverkehr fahren sie deutlich leiser. Sie sind also nicht nur umweltfreundlicher, weil sie (lokal) keine Abgase produzieren. Sie emittieren auch deutlich weniger gesundheitsschädlichen Lärm als Diesel und Benziner.
Glühkerzen: Anzeichen erkennen
Dieser Lärm kann krank machen. Durch den Straßenverkehr sind in Deutschland tagsüber über 20 Millionen Menschen so starkem Lärm ausgesetzt, dass ihre Gesundheit darunter leidet, nachts sind es 13,5 Millionen Menschen. Diese Geräuschbelastung ist Ursache für Stress, Schlafstörungen und Herzkrankheiten und damit eines der größten Gesundheitsrisiken in Städten.
Mit der Elektromobilität schien dieses Problem lösbar. Je mehr E-Autos auf den Straßen fahren, desto niedriger ist nicht nur die Abgas-, sondern auch die Lärmbelastung. Bei den Unece-Verhandlungen zu den neuen Geräuschvorschriften für E-Autos stehen diese Errungenschaften nun zur Disposition.
Umweltschützer alarmiert
Umweltschützer sind alarmiert. Kaum seien leise E-Autos auf den Straßen, arbeite die Industrie an Technologien, die sie wieder lauter machten, sagt Holger Siegel. "Der eigentliche Fortschritt – die leise, stressfreiere, lebenswerte Stadt – droht so wieder verloren zu gehen." Siegel engagiert sich seit über 20 Jahren gegen Verkehrslärm und ist bei der Vereinigten Arbeitsgemeinschaft gegen Motorradlärm (VAGM) aktiv, einem überregionalen Zusammenschluss von Bürgerinitiativen. Mit ihren laut aufheulenden Maschinen versetzen Biker viele Gemeinden in der Motorradsaison in Stress. Nun hat es Siegel plötzlich mit E-Autos zu tun.
Dürfen auch diese künftig wie Verbrenner röhren, würden die Fortschritte der Elektromobilität konterkariert, findet der Verkehrsaktivist. Womöglich ergeben sich aber auch Chancen. Viele Menschen fremdeln noch mit der Elektromobilität. Wenn die Fahrzeuge künftig ein wenig nach Diesel oder Benziner klingen, kämen sie manchem wohl vertrauter vor. Würden so mehr Menschen auf die umweltfreundliche Technologie umsteigen?
Der Einfluss der Industrie bei den Unece-Verhandlungen sei massiv, sie wittere "wohl erhebliche Absatzpotenziale", sagt Lars Schade vom Umweltbundesamt. Das Problem ist: Wenn die neuen Geräuschvorschriften einmal gesetzliche Norm sind, könnte es für Umweltschützer danach schwer werden, gegen sie anzugehen. Etwa, wenn die Zahl der E-Autos auf den Straßen weiterwächst und sich dabei herausstellt, dass Elektroautos mit Soundgeneratoren die gesundheitsschädliche Lärmbelastung verstärken.