Wegen Lieferstopps: VW verklagt Zulieferer Prevent

VW verklagt den Zulieferer Prevent auf Schadenersatz in Millionenhöhe.
© Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com

Lieferboykott, Millionenschäden, angebliche Bespitzelung: Im Konflikt von VW und Prevent verlangen beide Seiten hohe Entschädigung von der jeweils anderen. Die aus Bosnien kontrollierte Zulieferergruppe will nicht klein beigeben - die Machtprobe landet vor mehreren Gerichten.

Der erbitterte Streit zwischen Volkswagen und dem Zulieferer Prevent gipfelt in millionenschweren Schadenersatz-Klagen. Kurz vor dem geplanten Start eines Verfahrens am Oberlandesgericht Düsseldorf, bei dem die Hagener Prevent-Tochter TWB von Mittwoch an weitere Forderungen gegen den Autobauer erhebt, gab VW seinerseits entsprechende Schritte gegen den Ex-Lieferanten bekannt.

Im August 2016 hatten sich die Prevent-Firmen ES Guss und Car Trim geweigert, ihren Großkunden weiter mit Getriebe- und Sitzteilen zu beliefern. VW musste die Autofertigung in sechs Werken aussetzen.

"Die Lieferstopps waren vertrags- und rechtswidrig", erklärte der Wolfsburger Autohersteller am Dienstag. Die Funke-Mediengruppe hatte zuvor darüber berichtet. Der durch Produktionsausfälle entstandene Schaden beläuft sich laut VW auf mehr als 100 Millionen Euro, im Werk Emden mussten damals mehrere tausend Beschäftigte in Kurzarbeit gehen. Bei Prevent hieß es: "Die Klagen von VW gegen diverse Unternehmen von Prevent liegen uns nicht vor, deshalb können wir hierzu nichts sagen."

In den USA hatte - umgekehrt - eine Klage von Prevent gegen VW den Streit jüngst wieder angeheizt. Die Gruppe wirft dem Autohersteller dort Verstöße gegen das Kartellrecht vor und verlangt 750 Millionen US-Dollar (673 Millionen Euro) Schadenersatz: Volkswagen habe mit wettbewerbswidrigen Maßnahmen verhindert, dass kleinere Zulieferer von größeren wie Prevent übernommen werden, hieß es Mitte November in einer Mitteilung zu der im Bundesstaat Michigan eingereichten Klage. VW wies dies zurück, eine förmliche Erwiderung wird noch in dieser Woche erwartet. Ein Prevent-Sprecher sagte, bei der Klage von VW handele es sich wiederum "um die ankündigte hastige Antwort" auf das US-Verfahren.

Streit um Vertragskonditionen

Keimzelle des Konflikts ist eine heftige Auseinandersetzung um Vertragskonditionen. VW hatte einen Auftrag gekündigt, sich gegen von Prevent geforderte Preiserhöhungen gesperrt und schließlich eine gezielte Kampagne gewittert. Prevent wiederum warf VW vor, als mächtiger Abnehmer Druck auf Lieferanten auszuüben. Aber selbst einstweiligen Verfügungen des Landgerichts Braunschweig, wonach die Belieferung fortgesetzt werden musste, kam Prevent nicht nach.

"Die Klagen richten sich nicht nur gegen die Zulieferer, mit denen die Lieferverträge bestanden, sondern ausdrücklich auch gegen deren Muttergesellschaften der Prevent-Gruppe, die für die Lieferstopps aufgrund entsprechender rechtswidriger Weisungen verantwortlich sind", hieß es nun bei Volkswagen. Für Ansprüche der eigenen Tochter Skoda habe man vor dem Landgericht Braunschweig bereits eine erste Klage auf Schadenersatz eingereicht. Welches Gericht zentral für die Ansprüche der weiteren Konzernmarken zuständig ist, müsse zunächst am Oberlandesgericht Dresden geklärt werden.

Die weit verzweigte Prevent-Gruppe gehört der bosnischen Unternehmerfamilie Hastor und hat sich mit VW, aber etwa auch mit Daimler immer wieder um Konditionen gestritten. Im Volkswagen-Stammwerk Wolfsburg standen mehrfach die Bänder still.

Zulieferer kamen in Schwierigkeiten

Der Konzern reagierte im Frühjahr 2018 mit der Vertragskündigung, nachdem alternative Lieferanten gefunden worden waren. Einige Prevent-Firmen gerieten daraufhin ihrerseits in Schwierigkeiten - es kam zu Kurzarbeit, Kündigungen, Streiks und Auseinandersetzungen mit der IG Metall über einen Sanierungsplan. Im Fall von TWB war das Werk in Hagen Mitte September überraschend geschlossen worden.

Die Causa Prevent/VW hatte zwischenzeitlich auch Züge einer skurrilen Kriminalgeschichte entwickelt. Berichten zufolge soll Volkswagen eine Berliner Firma damit beauftragt haben, "Zielpersonen" des Zulieferers zu überwachen und teils auch deren Privatadresse in Erfahrung zu bringen. Prevent-Vertreter zeigten sich "zutiefst schockiert" und sprachen von Spionage. VW erklärte, es habe sich um Auskünfte "im Rahmen der rechtlichen Vorschriften" gehandelt: "Recherchen" seien nötig gewesen, um die Strukturen des Prevent-Netzwerks offenzulegen.

Beobachter hatten - unabhängig vom Vorgehen von VW - das Verhalten von Prevent kritisiert. "Der Gruppe bleibt nichts anderes übrig, als sich über Zukäufe ein Blockadepotenzial zu erarbeiten", meinte der Branchenexperte Stefan Bratzel. Auch von Preiszockerei gegenüber den Autoherstellern war die Rede. Es wurde jedoch ebenso auf die Risiken des "single sourcing" seitens der Autobauer hingewiesen - also die Beschränkung der Beschaffung auf nur einen zentralen Zulieferer bei wichtigen Teilen. (dpa)

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