Schadenmanagement: Der Kostendruck steigt

Rechnungskürzungen, weniger Service und niedrige Verrechnungssätze machen Werkstätten das Leben beim Thema Schadenmanagement schwer.
© Foto: AdobeStock, Paolese


Datum:
12.09.2017
Autor:
Valeska Gehrke,Dietmar Winkler

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Die Kfz-Versicherer stehen unter Kostendruck. Einerseits verteuern sich die Schadenaufwendungen für die Regulierung von Unfallschäden, andererseits verdienen Versicherer wegen der niedrigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt weniger Geld. Beides wirkt sich negativ auf die Profitabilität aus. In ihrem Jahresbericht klagt HUK-Coburg über den deutlich gestiegenen Schadenaufwand. Die kombinierte Schaden-Kosten-Quote stieg auf 101 Prozent. Das heißt: Die Versicherung musste bei Kfz-Schäden mehr ausgeben, als sie einnimmt.

Das ist einerseits eine schlechte Nachricht für die Versicherten, denn sie erhalten das in höheren Beiträgen zurückgespielt. Aber auch die Kfz-Werkstätten bekommen den Kostendruck zu spüren: Kürzungen der Werkstattrechnungen sind ein dauerhaftes Ärgernis.

Das Thema Rechnungskürzungen ist denn auch eines der wichtigsten Themen beim Branchenverband ZKF (Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik). "Nach wie vor beschäftigt uns das Thema Rechnungskürzungen, auch wenn wir hier mit den meisten Versicherern in gutem Kontakt stehen", erklärt ZKF-Hauptgeschäftsführer Thomas Aukamm. Mitgliedsbetriebe erhalten Hilfe bei ungerechtfertigten Kürzungen. Nach einer internen Prüfung werden strittige Fälle vom Verband an spezialisierte Anwälte übergeben, die notfalls klagen. Die Erfolgsquote liegt laut ZKF bei 95 Prozent.

Immer wieder gebe es Diskussionen um Themen wie Beilackierung, Verbringungskosten oder die Pauschale für Kleinmaterialien. Besonders Letztere wird von Versicherungen häufig nicht akzeptiert. In ihr rechnen Betriebe alles ab, was keine Ersatzteilenummer hat, beispielsweise Putzmittel o.Ä. Hier komme es auf den Einzelfall an, erklärt Aukamm. Die Pauschale müsse im realistischen Verhältnis zum Gesamtwert der Reparatur stehen. Aukamm: "Bei einer kostenintensiven Reparatur eines eingeschlagenen Fensters, wo die Werkstatt bei überschaubarem Aufwand vor allem am Ersatzteil verdient, ist eine Pauschale in Höhe von 2 oder 3 Prozent nicht gerechtfertigt." Ganz anders liege der Fall bei der aufwändigen Instandsetzung von Unfallschäden, bei der Karosserieteile getauscht und lackiert werden müssen.

Attraktiv für Karosserie-Fachbetriebe und Werkstätten in der Unfallinstandsetzung sind die Dienstleistungen rund ums Schadenmanagement, die Eurogarant bietet. Der neue Service "Dienstleistung für Betriebe" (DfB) übernimmt für ZKF-Mitgliedsbetriebe die gesamte Kommunikation mit Versicherern während der Schadenabwicklung und sorgt für die volle Auszahlung der Rechnungssumme.

Um die Dienste in Anspruch zu nehmen, müssen Betriebe allerdings über eine Einlage von 1000 Euro stille Gesellschafter der Eurogarant werden. Dafür übernimmt Eurogarant dann die gesamte Abwicklung des Schadenmanagements, erklärt der Vorstandsvorsitzende Thorsten Fiedler. Ein wichtiger Vorteil für Werkstätten: Eurogarant kauft den Schaden auf und bezahlt die gesamte Rechnung, sobald die Versicherung zumindest eine Teilzahlung geleistet hat, aus. Mittlerweile können auch Betriebe den Service in Anspruch nehmen, die nicht beim ZKF organisiert sind. Fiedler: "Wir bieten aktuell eine Testphase auch für verschiedene Partnergruppen an, wenn sie bei uns anklopfen."

Schadensteuerung nimmt zu

Immer wichtiger wird der Bereich der Schadensteuerung für die Werkstätten. Allein bei HUK-Coburg sind inzwischen vier Millionen Kaskoverträge mit Werkstattbindung im Bestand. Mehr als die Hälfte der Neugeschäftskunden in der Kaskoversicherung wählt diese Tarifvariante. Die rund 1.500 Partnerwerkstätten im Netz der HUK-Coburg arbeiten zu festgelegten günstigen Stundenverrechnungssätzen. Dafür werden Schäden in die Betriebe gesteuert und sorgen so für eine Auslastung. Um die Interessen der an der Schadensteuerung beteiligten Werkstätten zu vertreten hat sich bereits 2010 mit dem BVdP (Bundesverband der Partnerwerkstätten) ein eigener Verband gegründet. Mit fast 600 Mitgliedern spricht der Verband für einen großen Teil der Branche. Der BVdP macht jährlich eine umfassende Konjunkturabfrage unter Mitgliedern. "Für uns als Verband ist es wichtig, dass wir über die Befindlichkeiten der Branche Bescheid wissen. Mit unseren Daten sind wir sehr nahe an den Mitgliedern", erklärt Paintinger und verweist auf die Erfolge der Verbandsarbeit, die sich aus dem Zahlenwerk ablesen lassen: "Betriebe, die beim BVdP organisiert sind, konnten in den letzten Jahren ihren Umsatz deutlich steigern. Das ist nachweisbar aufgrund der Abfragen."

Es sei Strategie des Verbandes, gegenüber der Versicherungswirtschaft einen kooperativen Ansatz zu fahren, betont Paintinger. "Das sind unsere Großkunden, es wäre daher nicht gut, ein Feindbild aufzubauen. Wir müssen einen Weg finden, mit dem jeder leben kann. Auch wenn uns die Großkunden das Leben teilweise schwer machen", so der BVdP-Geschäftsführer.

Er warnt aber auch eindringlich vor erkennbaren negativen Entwicklungen. So hat sich in den letzten Jahren die sogenannte Betriebsleistungseffizienz, also das Verhältnis von Lohnerlösen zu betrieblichen Kosten, wieder negativ entwickelt. Die Luft wird für die Partnerbetriebe trotz aller Anstrengungen des Verbandes immer dünner. Betriebe müssen daher laufend an ihrer Effizienz arbeiten und die innerbetrieblichen Prozesse verbessern.

Auf Augenhöhe mit der Versicherung

Henning Hamann von der Kanzlei Voigt rät Werkstätten beim Thema Schadenmanagement auf professionelle Unterstützung zu setzen ( siehe Interview). Der 41-Jährige ist Geschäftsführer der auf Verkehrsrecht spezialisierten Kanzlei Voigt, die deutschlandweit tätig ist. Bei einem Unfall wüssten die wenigsten Autofahrer, welche Rechte sie haben und wie sie der Versicherung bei etwaigen Rechnungskürzungen auf Augenhöhe begegnen können. Denn ist die Haftung geklärt, hat der Geschädigte Anspruch auf Rechtshilfe auf Kosten des Schädigers, um sich "unter Zuhilfenahme von Profis auf das Niveau der Versicherer zu begeben". Ziel dabei: "dem Regulierungsgebaren der Versicherer entgegenzutreten und dafür zu sorgen, dass sämtliche berechtigte Ansprüche der Kunden ungekürzt durchgesetzt werden", erzählt der Rechtsanwalt. Werkstätten profitieren so von einer erheblichen Arbeitsersparnis, wenn die Rechtsanwaltskanzlei die Schadenabwicklung übernimmt.

Alle Möglichkeiten nutzen

Komplizierter sieht es aus, wenn die Schuldfrage nicht geklärt ist bzw. eine Haftungsquote vorliegt. Nach dem Quotenvorrecht kann aber nicht nur mit der Kaskoversicherung, sondern auch mit der Haftpflichtversicherung des Unfallgegners abgerechnet werden. Hamann rät zu einer unverbindlichen Nachfrage bei einem Verkehrsrechtsanwalt, um alle Möglichkeiten des Schadenausgleichs zu berücksichtigen.

Kurzfassung

Die Kommunikation mit allen an einer Schadenregulierung beteiligten Parteien kann für die Werkstatt zeitraubend sein. Vor allem die Auseinandersetzung mit den Versicherungen ist ein Ärgernis. Verbände bieten Hilfe für betroffene Betriebe.

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