Die Zeiten, in denen neue Sportwagen auf Automessen präsentiert wurden, sind endgültig vorbei. Petrolheads pilgern heute nach Goodwood, der wohl wichtigsten europäischen Bühne für Performance-Modelle. Auf einem englischen Landsitz in West Sussex, rund zehn Kilometer von der Kanalküste entfernt, treffen sich jedes Jahr im Juli Fans und Hersteller historischer Rennwagen, aktueller Formel-1-Boliden, Hypercars und seriennaher Prototypen. Während sich das Auto auf klassischen Fahrzeugmessen zwischen Mobilitätskonzepten, Carsharing-Angeboten und E-Bikes verliert, geht es in Goodwood nur um eines: Fahrdynamik, Leistung und die spannendsten Sportwagen-Neuheiten des Jahres.
Damit teilt sich das britische Festival die Bühne mit der Monterey Car Week in Kalifornien und dem Concorso d'Eleganza Villa d'Este am Comer See. Anders als dort werden neue Modelle hier aber nicht nur enthüllt, sondern gefahren. Sie schießen den Hill Climb hinauf oder rollen später im Schritttempo durchs Publikum. "Für Maserati liegt der Reiz in genau dieser einzigartigen Mischung aus Sport und Hochleistung, bei der die Zuschauer unsere Fahrzeuge in ihrem natürlichen Element erleben – am Hill Climb und in Bewegung statt statisch auf einer Messefläche", sagt Dominic Lyncker, Marketingchef Europa. Obwohl der Anteil elektrischer Sportwagen in Goodwood stetig wächst, riecht die Luft noch immer nach Benzin und Abgasen. Immer wieder erstickt infernalischer Motorenlärm jedes Gespräch.
Motorsport mit Tradition
Motorsport hat in Goodwood eine lange Geschichte. Von 1948 bis 1966 fanden auf dem nahe gelegenen Goodwood Motor Circuit internationale Formel- und Sportwagenrennen statt – mit Größen wie Stirling Moss oder Jim Clark. Nach der Schließung der Strecke belebte Charles Gordon-Lennox, der heutige Duke of Richmond, den Motorsport 1993 mit einem Hill Climb auf den Parkwegen seines Landsitzes wieder. Daraus entstand das Festival of Speed. Die Verbindung aus Produktpremiere und Fahrbetrieb macht Goodwood für die Hersteller so attraktiv. Neue Modelle stehen hier nicht statisch im Scheinwerferlicht, sondern jagen zwischen Strohballen und alten Bäumen einen schmalen Asphaltstreifen hinauf. Kaum eine andere Veranstaltung verbindet Produktpremieren und Motorsport so unmittelbar.
"Für uns ist Goodwood eine besondere Bühne, um unsere Sportwagen einem internationalen Publikum zu präsentieren und den direkten Austausch mit der Community zu pflegen", sagt Alexander Fabig, Leiter Produkt und Individualisierungsangebot bei Porsche. Wie konsequent die Hersteller Goodwood als Premierenbühne nutzen, zeigt das Programm 2026.
Alpine bringt die nächste A110
Alpine schickt erstmals den Entwicklungsträger der nächsten A110 auf den Hill Climb. Der Prototyp gibt einen konkreten Ausblick auf die kommende Generation. Herzstück ist eine komplett neu entwickelte Sportwagen-Architektur mit 800-Volt-Technik, die trotz Elektroantrieb ein Fahrzeuggewicht von weniger als 1,5 Tonnen ermöglichen soll. Entscheidend ist für die Franzosen jedoch etwas anderes: Auch die elektrische A110 soll sich so leichtfüßig und präzise fahren wie ihr Vorgänger.
Aston Martin mit kompletter S-Familie
Gleich nebenan präsentiert sich Aston Martin mit einem großen Stand. Für die Briten ist Goodwood fast ein Heimspiel – entsprechend umfangreich fällt der Auftritt aus. Premiere feiern DB12 S, Vantage S und DBX S. Gemeinsam bilden sie laut Aston Martin die bislang leistungsstärkste und fahrdynamischste S-Modellfamilie der Marke. Hinzu kommen Valhalla, Valkyrie, Vanquish sowie der Formel-1-Rennwagen AMR25, der ebenfalls den Hill Climb in Angriff nimmt.
Maserati schärft den MC Pura nach
Weniger spektakulär, aber nicht minder passend fällt der Auftritt von Maserati aus. Die Italiener zeigen den MC Pura als Nachfolger des MC20. Technisch bleibt vieles beim Bewährten, optisch und im Innenraum wurde der Supersportwagen jedoch gezielt weiterentwickelt.
Hyundai setzt auf elektrischen Fahrspaß
Einen anderen Ansatz verfolgt Hyundai. Die Koreaner wollen zeigen, dass auch eine elektrische Mittelklasselimousine Sportwagenqualitäten besitzen kann. Als N-Version kombiniert der Ioniq 6 bis zu 650 PS mit Allradantrieb, Driftmodus und virtuellen Gangwechseln für ambitionierte Rennstreckenfahrer.
Pagani feiert Geburtstag mit Sondermodell
Pagani gehört ebenfalls zu den Stammgästen in Goodwood. Zum 70. Geburtstag von Firmengründer Horacio Pagani hat die italienische Sportwagenschmiede drei Huayra-70-Modelle aufgelegt. Der bis zu 350 km/h schnelle Huayra 70 Derecho mit 812 PS starkem V12 feiert in Goodwood seine Premiere.
Chinas Sportwagen greifen an
Besonders spannend dürfte in diesem Jahr der Auftritt chinesischer Hersteller werden. Nachdem sie Europa zunächst mit Elektro-SUV und Limousinen erobern wollten, drängen sie nun auch in das Sportwagensegment. BYD nutzt Goodwood gezielt als Bühne für seine Premiummarke Denza. Im Mittelpunkt steht der bis zu 1.600 PS starke Denza Z, flankiert vom Gran Turismo Z9 GT und weiteren Modellen. Auf dem traditionsreichen englischen Landsitz suchen die Chinesen damit den direkten Vergleich mit den etablierten Sportwagenmarken.
Ventilator statt Flügel
Noch extremer geht McMurtry vor. Die britische Manufaktur zeigt mit dem Spéirling Pure einen auf 100 Exemplare limitierten Einsitzer, dessen Ventilatoren unter dem Fahrzeugboden das Auto förmlich auf den Asphalt saugen. Sie erzeugen bereits im Stand bis zu zwei Tonnen Abtrieb – mehr, als das Fahrzeug selbst wiegt. Das Konzept erinnert an die legendären Fan Cars der 1970er-Jahre. Der Preis liegt bei rund 1,4 Millionen Euro.
Leichtbau und Restomods
Seit Jahren zählt auch Gordon Murray Automotive zu den Publikumsmagneten. Der Konstrukteur des legendären McLaren F1 gilt als einer der konsequentesten Verfechter des Leichtbaus und präsentiert mehrere extrem leichte V12-Sportwagen. Modelle wie der T.50 zeigen, dass klassische Hochdrehzahl-Saugmotoren auch im Zeitalter der Elektrifizierung ihre Fangemeinde haben. Wer es weniger radikal, dafür umso exklusiver mag, schaut bei Singer vorbei. Das kalifornische Unternehmen modernisiert klassische Porsche 911 zu technisch komplett neu aufgebauten Restomods, die häufig mehr als eine Million Euro kosten.