Bain-Analyse: Corona schwächt Aftersales-Geschäft

Dr. Eric Zayer
© Foto: Bain

Die Pandemie trifft das Aftersales-Geschäft hart. Laut einer Analyse sinkt der Umsatz mit Reparaturen, Wartungen und Ersatzteilen weltweit um bis zu 15 Prozent. asp sprach mit dem Co-Autor Dr. Eric Zayer über Wege aus der Krise für Werkstätten.


Datum:
05.08.2020
Lesezeit: 
4 min

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Von Dietmar Winkler/asp AUTO SERVICE PRAXIS

Die Corona-Krise schwächt das Werkstattgeschäft mit Autoreparaturen, Wartungen und Ersatzteilen. Die Umsätze im Markt brechen weltweit laut einer Bain-Analyse um bis zu 15 Prozent ein. asp AUTO SERVICE PRAXIS sprach mit dem Co-Autor und Bain-Partner Dr. Eric Zayer über die Aussichten und Strategien für Werkstätten.

asp: Sie gehen davon aus, dass der Umsatz mit Reparaturen, Wartungen und Ersatzteilen 2020 in Europa und USA um bis zu 15 Prozent sinkt. Worauf basiert Ihre Einschätzung?

Eric Zayer: Das zeigen unsere Studienergebnisse zu den Auswirkungen der Coronakrise. Mehrere Faktoren spielen eine Rolle. Den größten Effekt leiten wir ab aus der reduzierten Fahrleistung auf den Straßen, vor allem während des Lockdowns, aber auch in der Folge. Daraus ergibt sich zwangsläufig ein rückläufiges Wartungs- und Reparaturgeschäft. In den vergangenen Monaten wurden 20 bis 30 Prozent weniger Unfälle registriert. Vor allem in den südeuropäischen Ländern wurde weniger Auto gefahren. Die deutliche wirtschaftliche Abschwächung in diesen besonders betroffenen Ländern wird dazu führen, dass die Fahrleistung dort auch längerfristig niedrig bleibt.

Daneben wirkt 2020 auch die gesunkene Kaufkraft dämpfend. Autobesitzer schieben anstehende Wartungen oder Reparaturen auf oder lassen sie kostengünstig durchführen. Die Effekte, die sich aus dem gesunkenen Neuwagenverkauf im Aftersales ergeben, haben dieses Jahr nur einen kleinen Effekt, werden sich aber 2021 und 2022 zeigen.

asp: Wie ist es in Deutschland?

E. Zayer: Die Lage in Deutschland ist etwas besser als in Europa, allerdings mit vielen Parallelen. In Deutschland war der Lockdown etwas kürzer als in den südlichen Ländern. Wir sind jetzt im Sommer bei der Fahrleistung weitgehend zurück auf Normalniveau, was zum Teil damit zusammenhängt, dass viele Menschen den ÖPNV oder die Bahn meiden. Eine an sich geringere Fahrleistung aufgrund von Effekten wie Homeoffice wird dadurch ausgeglichen.

Wir gehen davon aus, dass auch in Deutschland Autofahrer die anstehende Wartung oder Verschleißreparatur ihres Fahrzeugs verschieben. Weil der wirtschaftliche Einbruch in Deutschland allerdings weniger stark ist als in Südeuropa, gehen wir davon aus, dass dieser Effekt in Deutschland weniger stark ausfällt als anderswo.

Die Zulassungszahlen sind aber auch in Deutschland deutlich unter Vorjahr - im April hatten wir ein Minus von 60 Prozent bei den Neuzulassungen, im Mai waren es immer noch fast minus 50 Prozent. Die Einbrüche in Südeuropa waren noch dramatischer. Das fließt in die Bestandszahlen des Fuhrparks ein.

asp: Sie schreiben in der Analyse, dass es die Markenbetriebe härter trifft als den freien Werkstattmarkt, warum?

E. Zayer: Die Markenbetriebe haben typischerweise einen höheren Anteil jüngerer Fahrzeuge, und gerade dieser Bereich schrumpft durch die sinkenden Neuzulassungszahlen. Wir sind auch nicht besonders optimistisch, was die Zulassungszahlen in den kommenden Monaten betrifft. Bezogen auf Europa erwarten wir für den Neuwagenverkauf gegenüber der alten Prognose vor der Krise ein Minus von 29 Prozent für dieses Jahr, und minus 16 Prozent für kommendes Jahr. In unserer ursprünglichen Prognose vor Corona sind wir noch von einem leicht wachsenden Markt ausgegangen.

asp: Warum so pessimistisch?

E. Zayer: Aus der Finanzkrise 2008 haben wir gelernt, dass solche Einbrüche lange nachwirken. Italien hat fast zehn Jahre gebraucht, um sich zu erholen. Manche südeuropäischen Staaten sind erst 2019 wieder auf dem Niveau von 2009 gewesen. Zusätzlich sehen wir, dass das Nachfragewachstum aus Osteuropa weitgehend ausgeblieben ist.

Die staatlichen Prämien und Förderprogramme beschränken sich weitestgehend auf Elektromobilität und unterstützen damit nur einen kleinen Teil des Markts. Einen Boom wie durch die Abwrackprämie wird es 2020 deshalb nicht geben.

China kommt zwar deutlich besser aus der Krise als viele andere Länder, aber das explosionsartige Wachstum der letzten Jahre ist auch dort vorbei. Wenig optimistisch sind wir zudem für die USA, wo die Corona-Pandemie jetzt erst richtig an Dynamik gewinnt.

asp: Welche Wandlungsprozesse im Aftermarket werden durch die Corona-Krise beschleunigt?

E. Zayer: In Westeuropa erwarten wir eine weitere Ausdünnung der Händlernetze und Servicebetriebe. Viele Betriebe kommen jetzt noch schneller an die Grenze ihres Durchhaltevermögens. Konsolidierungsprozesse, die bereits in Gang waren, beschleunigen sich jetzt.

Das betrifft vor allem im freien Markt die Notwendigkeit in neue Systeme zu investieren. Stichworte sind hier Elektrifizierung und Fahrerassistenzsysteme. Die Zunahme solcher Systeme und die Auswirkungen auf den Service, insbesondere durch die Unfallhäufigkeit und Schwere, ist aus unserer Sicht das derzeit am meisten unterschätzte Thema im Werkstattbereich.

asp: Gibt es auch Gewinner der Krise oder nur Verlierer?

E. Zayer: Wir gehen davon aus, dass freie Werkstattketten auch von der Situation profitieren können. Unabhängige Werkstätten haben jetzt die Chance, neue preissensible Kunden zu erobern und sie langfristig an sich zu binden. Das gelingt beispielsweise durch kostenlose saisonale Schnell-Checks bei Fahrzeugen oder mithilfe von Festpreisangeboten. Auch bei den Werkstätten wird der Onlinekanal an Relevanz gewinnen, um Kunden zu gewinnen.

asp: Was müssten Betriebe jetzt konkret tun?

E. Zayer: Für Markenbetriebe geht es jetzt mehr denn je um Kundenbindung. Wie bringe ich meine Kunden dazu, dass sie wiederkommen und nicht zu einer freien Werkstatt wechseln? Freie Werkstätten müssen versuchen, auch die margenstärkeren jüngeren Autos in ihre Werkstatt zu bringen, also jenes Segment, das bisher eher in den Markenbetrieb geht.

Vielen Dank für das Gespräch!

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