Langeweile kann im DaCapo Leipzig, Eventlocation und Oldtimermuseum in einem, ohnehin nicht aufkommen. Denn allerlei Fundstücke aus der Welt der Mobilität – wer hat schon eine alte DDR-Linienmaschine auf dem Dach? – lassen das Auge kaum zur Ruhe kommen.
Aber in dieser Woche waren es die Diskussionen im asp-Werkstattclub powered by TÜV SÜD, die die Teilnehmer gefesselt haben: Unter der Überschrift "Jetzt die richtigen Knöpfe drücken – so richten Sie Ihr Werkstattgeschäft für die Zukunft aus" diskutierten Branchenexperten und Kfz-Profis über aktuelle Entwicklungen im Schadengeschäft, über Arbeitssicherheit und das große Projekt "Zukunft im freien Markt".
Dokumentation schützt gegen Regressforderungen
Die sorgfältige Dokumentation aller durchgeführten Reparaturarbeiten ist im Unfallschadengeschäft wichtiger denn je. Darüber waren sich die beiden Werkstattunternehmer im Praxistalk beim asp-Werkstattclub einig. Mirko Denzer, Geschäftsführer der Mezger GmbH + Co. KG: "Die schriftliche Dokumentation ist das A und O, nur so ist man rechtssicher aufgestellt. Wenn ich keine Unterschriften habe, keine Bilder oder keine Protokolle habe, dann ist man verloren", brachte es der Unternehmer auf den Punkt, der mit zwölf Standorten als einer der größten Bosch-Car-Service-Betriebe erfolgreich am Markt besteht.
Marco Böge, Inhaber des Leipziger K&L-Betriebs Böge GmbH, kennt die Thematik ebenfalls nur zu gut. In seinen beiden Niederlassungen sind daher digitale Prozesse seit Langem an der Tagesordnung – inklusive eingehender Dokumentation aller Arbeitsschritte: "Bei uns gibt es keine klassische Auftragsmappe mehr, alles wird digital auf Tablets abgebildet und unsere Mitarbeiter sind natürlich stark angehalten, alle Schadensbereiche mit Fotos zu dokumentieren."
Wenn es zu Nachfragen seitens der Versicherung kommt, sei dies essenziell: "Alles, was ich beweisen kann, anhand eines Fotos oder anhand eines Auftrags, Lieferscheins, hilft uns dabei, Kürzungen zu vermeiden. Wir kämpfen um jeden Cent, aber wenn ich es nicht beweisen kann, habe ich ganz oft verloren."
asp-Werkstattclub in Leipzig 2026
Der Hintergrund: Versicherungen schicken nach den BGH-Urteilen, die das Werkstattrisiko neu regeln, verstärkt Regressforderungen an die Werkstätten, wenn sie der Meinung sind, dass die Rechnung nicht gerechtfertigte Positionen enthalte. Darauf wies der auf Verkehrsrecht spezialisierte Rechtsanwalt Marcus Kaiser, CEO der Kanzlei K&K Rechtsanwälte, in seinem Vortrag hin: "Das heißt ganz konkret, dass bei uns die Regresswelle angelaufen ist. Als Erste wurden die großen Autohausgruppen damit regelrecht bombardiert und mussten eine Masse an Regressverfahren abwehren." Dieser Trend werde sich auf breiter Linie durchsetzen, glaubt Kaiser.
Gutachten als Schutzschild
Kaiser empfiehlt daher, sich von vornherein entsprechend zu schützen: "Es gibt zwei wirksame Schutzschilde gegen diese Regressforderungen: ein wasserdichtes Schadengutachten durch einen neutralen Sachverständigen und einen ordentlich formulierten Werkstattauftrag." Kfz-Betriebe sollten darauf achten, dass im Auftrag die kompletten Schadennebenkosten aufgeführt sind, aber auch die Stundenverrechnungssätze für Elektronik-, Lack- und Mechanikarbeiten.
Der BGH hat den Stellenwert eines neutralen Gutachtens gestärkt und bestätigt, dass ein neutraler Gutachter die Schadensprognose am besten für die Werkstatt und für den Geschädigten erstellen könne. Kaiser: "Das Gutachten bildet die Grundlage der Reparatur. Wenn ein Gutachten vorgelegt wird, dann muss selbst das Autohaus oder die Werkstatt keine eigene Recherche vornehmen oder Prüfungen durchführen, ob das Gutachten richtig erstellt worden ist."
Tino Kluge, Leiter Support Region Sachsen bei TÜV SÜD, kennt all diese Themen aus seiner täglichen Praxis und rät vor allem kleineren Betrieben zur Spezialisierung, um auch in Zukunft erfolgreich am Markt bestehen zu können. Auch die Kooperation mit einem Systempartner oder einem klassischen Werkstattkonzept sei empfehlenswert, weil man als Einzelkämpfer kaum noch alle Aufgaben bewältigen könne. Im Schadengeschäft biete TÜV SÜD Entlastung nicht nur durch die Erstellung des neutralen Schadengutachtens, sondern darüber hinausgehend: "Wir werden nicht nur für das reine Gutachten geholt, sondern auch, um zu beraten, wie bei Schadenfällen vorgegangen werden sollte – vor allem bei kniffligen Fällen."
Tony Riedel, Leiter Auftragsmanagement Schaden und Wert bei TÜV SÜD Auto Service, hatte in seinem Eingangsvortrag dargestellt, in welchen Bereichen TÜV SÜD Hilfestellung bei der Schadenabwicklung – speziell für kleine und mittlere Werkstätten – leisten kann.
Mitarbeiter weiterbilden
Dem Motto der Veranstaltung trug der Crashkurs in Sachen Zukunftsfähigkeit von Carsten Komann, Technischer Produkttrainer bei Bosch, Rechnung: Elektromobilität, digitale Assistenzsysteme, vernetzte Steuergeräte und neue Diagnoseanforderungen verändern den Werkstattalltag grundlegend. Werkstätten müssen sich auf Hochvolttechnik, Software-Updates, neue Sensorik und digitale Fehlerdiagnosen einstellen, ohne das heutige Kerngeschäft zu vernachlässigen. Die wichtigste Botschaft: "Investieren Sie in die Weiterbildung Ihrer Mitarbeiter! Das Know-how ist für mich der entscheidende Punkt, um auch noch in Zukunft up to date zu sein."
Die Zukunftsfähigkeit einer Werkstatt bemesse sich aber nicht nur am Know-how der Mitarbeiter, sondern erfordere auch ein Mindestmaß an Investitionen in das passende Equipment. "Ein Mehrmarkentester reicht heute für eine freie Werkstatt nicht mehr aus", so Komann mit Blick auf die weitgehenden Sicherheitsanforderungen der Fahrzeughersteller für bestimmte Reparaturarbeiten.
Immer mehr Bauteile müssen heute über das OE-Portal erst freigeschaltet oder angelernt werden. Als Lösungsansatz empfahl er den Remote-Service, den heute viele Anbieter den Werkstätten zur Verfügung stellen, um genau diese Arbeiten zu ermöglichen. "Dazu ist die Akkreditierung im Rahmen von Serma für Kfz-Betriebe dringend notwendig."
Mirko Denzer, der seinen Kfz-Betrieb zukunftssicher aufgestellt sieht, brachte die Rolle der freien Servicebetriebe auf den Punkt: "Wir müssen das Chamäleon spielen, wir müssen uns immer wieder neu erfinden und dem Markt anpassen. Das Chamäleon, das sich in der freien Natur nicht anpasst, wird gefressen."