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Fahrbericht Mercedes-AMG GT 63: Die Schöne ist ein Biest

Das Mercedes-AMG GT 4-Türer Coupé will dem Porsche Panamera Konkurrenz machen.
© Foto: Mercedes-AMG

Mercedes verlängert seinen aufregendsten Sportwagen um zwei vollwertige Rücksitze. Die viertürige Version des AMG GT macht den bis zu 639 PS starken Allradler alltagstauglich und will eine neue Art von Kunden erobern - Familienväter mit schwerem Gasfuß und dickem Geldbeutel.


Datum:
18.10.2018
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Von Peter Maahn/SP-X

Zugegeben, eigentlich passt der neue Viertürer Mercedes-AMG so gar nicht in die Landschaft des Jahres 2018. Eine Sportlimousine mit bis zu 470 kW / 639 PS, 315 km/h Spitze und dem Preis einer kleinen Eigentumswohnung. Während die Premieren neuer Elektromodelle und die medialen Dauerbrenner Fahrverbote und Nachrüstung die Schlagzeilen beherrschen, kommt so ein Fünf-Meter-Schiff für die linke Autobahn-Spur gelinde gesagt überraschend. Ein Supersportwagen mit Familiensinn, der sich unbeirrt eine Fahrspur durch seine eigene heile Auto-Welt bahnen will.

Das Kalkül von Mercedes ist durchschaubar. Das zweisitzige AMG-Flaggschiff GT Coupé oder Roadster ist bei aller Faszination ein Spielzeug für Besserverdiener, oft sogar nur ein Zweitwagen für sportliche Momente im Terminkalender seiner stressgeplagten Besitzer. Da auch die Superreichen nur selten Singles sind, musste ein Viersitzer mit ebenso vielen Türen her, sicher inspiriert vom Stuttgarter Nachbarn Porsche und dessen Erfolgsmodell Panamera. Natürlich durfte der um einen halben Meter gestreckte AMG GT nicht wie eine normale Limousine aussehen. Eine Coupé-Form war Pflicht, aber eben eine mit reichlich Innen- und Kofferraum.

Aalglatter Viertürer zwischen ausgestellten Radhäusern

Dieser große GT ist ein Schönling. Er steht allerdings nicht auf dem Unterbau des Coupés, sondern hat sich bei den großen Mercedes-Modellen wie der S-Klasse bedient. Geblieben ist die GT-typische Frontpartie mit der weit heruntergezogenen Haifisch-Nase, die markanten Falze auf der im Vergleich zum Zweisitzer deutlich kürzeren Motorhaube und die schlitzäugigen LED-Leuchten. Seitlich gibt sich der Viertürer aalglatt zwischen den ausgestellten Radhäusern, was die recht schmalen, rahmenlosen Seitenfenster in besonderer Weise zur Geltung bringt.

Sahnestücke sind das geschmeidig abfallende Dach und das in die Breite gezogene Heck mit ebenfalls schmalen Rückleuten. Auf der Klappe zum Kofferraum wartet ein mehrstufig ausfahrbarer Heckspoiler auf zunehmenden Anpressdruck. An das "kleine" Coupé erinnern dann wieder die vier Endrohre und die beiden gewaltigen Auslässe, die die Kühlluft für die hinteren Bremsen ins Freie lassen. In Summe eine gelungene Mixtur aus Eleganz und Sportlichkeit, die sowohl beim Staatsempfang am Rande des roten Teppichs als auch auf der Rennstrecke eine gute Figur macht.


Mercedes-AMG GT 63

Bildergalerie

Vier der sechs Fahrprogramme sind dem Thema Spiel und Spaß gewidmet

Die Formel-1-Strecke von Austin in Texas, bekannt durch die Steigung am Ende der Zielgerade und die zahllosen schnellen Kurvenpassagen: Hier kann die Schöne zum Biest werden, bringt dank ausgeklügelter Technik all das mit, was einen Rennwagen ausmacht. Fahrwerk und Allradantrieb sind ebenso elektronisch gesteuert wie die Hinterachslenkung, vier der sechs per Drehschalter an der rechten Lenkradspeiche wählbaren Programme sind dem Thema Spiel und Spaß gewidmet. Je nach Mut des Fahrers können die Ansprüche an die menschlichen Fähigkeiten gesteigert werden. Beim Versuch, einen vorausfahrenden fünffachen DTM-Champion nicht aus den Augen zu verlieren, bleibt keine Muße, dem Blubbersound der acht Zylinder zu lauschen oder die Farbenspiele auf den beiden je 12,3 Zoll großen Monitoren zu bewundern, die das klassische Armaturenbrett ersetzen.

Das alles ist der eine Charakter des viertürigen Mercedes-AMG 63, der die Fans begeistern wird und all denen die Hasskappe aufs Haupthaar zaubert, für die der sportliche Umgang mit einem Automobil ein Werk des PS-Teufels ist. Einwände, die sicher angebracht sind, wenn denn all die Racing-Attribute auf der überforderten deutschen Autobahn oder den malerischen Landstraßen durch die Natur zum Einsatz kämen. Tatsache ist, dass nur wenige Eigner eines solchen AMG oder anderen solcher Autos all die feine Technik auch nutzen werden, vielleicht mal einen Ausflug zum Nürburgring wagen, aber in aller Regel ganz normal im Verkehr mitschwimmen werden. Wer mit einem 639-PS-Geschoß über die Stränge schlägt, landet trotz seines dicken Bankkontos zielsicher in der Flensburger Sünderkartei.

Per Comfort-Modus und Zylinderabschaltung wird der AMG zum Reisemobil

Wenn die Schöne das Biest abstreift, in den Comfort-Modus wechselt und im sanften Gleiten sogar die Abschaltung der Hälfte der acht Zylinder aktiviert, wird der AMG 63 zum Reisemobil für die Familie. Serienmäßig sind zwei Einzelsitze im Fond, bestellbar auch eine Dreier-Rückbank, die umgeklappt werden kann. Dann passen auf der Fahrt in den Urlaub bis zu 1.324 Liter in den Gepäckraum. Das Quintett genießt das edle Ambiente aus je nach Geldbeutel feinsten Materialien, die Soundanlage mit bis zu 23 Lautsprechern, exzellente Sportsitze oder das Surfen im Internet. Zahllose Assistenzsysteme locken teils serienmäßig, aber vor allem in der langen Liste an Extras. Sie helfen beim alltäglichen Umgang mit dem AMG und sollen den Superlativen im Datenblatt ihre Tücken nehmen. Aus dem Rennwagen auf Zeitenjagd wird ein zahmes Gefährt, wenn auch ein sündhaft teures.

Wobei der beschriebene 63 S wohl der seltenste viertürige GT bleiben wird. Denn AMG kann auch über 70.000 Euro günstiger. Der GT 43 mit seinem 270 kW / 367 PS starken Sechszylinder und einem elektrischen Kompressor an Bord unterschreitet die Marke von 100.000 Euro um knapp 4.000 Euro. Dennoch bleibt der Neukauf des großen AMG in einem Bereich, in dem die meisten Mercedes-Händler den Kontakt zu ihren Kunden noch persönlich pflegen. Diese Hürde allein wird dafür sorgen, dass die unbeugsamen Bedenkenträger lange am Straßenrand über Toleranz nachdenken können, bis sie endlich die seltene Gelegenheit haben, einem AMG-Fahrer ihr Protestplakat vor die Nase zu halten.

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