Schadenforum Potsdam: Selbstbewusste K&L-Branche


Datum:
22.11.2018
Autor:
Dietmar Winkler

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Trotz der Rückkehr ins altbewährte Kongresshotel Dorint Sanssouci zu Potsdam, war am 22. und 23. Oktober beim 14. AUTOHAUS Schadenforum eine ganz besondere Atmosphäre zu spüren. Dies lag zum einem am Veranstaltungsprogramm, das 2018 unter der bewährten Federführung des fachlichen Leiters Walter K. Pfauntsch, Chefredakteur der SchadenBusiness Medienfamilie, einen klaren Fokus auf Werkstattthemen und mehr Praxisbezug richtete. So fanden sich unter den mehr als 400 Besuchern dieses Jahr auch deutlich mehr Betriebsinhaber markengebundener Autohäuser und freier K&L-Werkstätten, die gemeinsam mit den Vertretern von Branchendienstleistern, Kfz-Sachverständigen sowie Abgesandten der Automobilindustrie und Versicherungswirtschaft eine Menge geboten bekamen.

Fairplay und Umgang auf Augenhöhe

Vertreter der K&L-Betriebe meldeten sich in den Diskussionen und Fragerunden selbstbewusst zu Wort und forderten Fairplay auch in der Zusammenarbeit zwischen Markenhandel, Versicherern und freier Werkstatt. ZKF-Präsident und ZDK-Vorstandsmitglied Peter Börner hielt eine flammende Rede auf das Handwerk der Unfallinstandsetzung, rief aber alle Seiten zu Besonnenheit auf: Statt auf Konfrontation zu setzen, seien Gespräche auf Augenhöhe, fairer Umgang miteinander und das Aushandeln wirtschaftlich sinnvoller Konditionen das Gebot der Stunde. In einer von der TV-erprobten Petra Bindl moderierten Diskussionsrunde zusammen mit Vertretern der Versicherungs- und Schadensteuerseite warnte Börner vor den Folgen, wenn K&L-Unternehmen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Der steigende Anteil geleaster Werkzeuge und Ausrüstungen in den Betrieben sei ein Indiz dafür, dass es den Betrieben an Liquidität fehle. "Ich warne davor, dass die Qualität in der Werkstatt nicht mehr das ist, was sie einst war." Und: Schon jetzt zeichne sich ein massiver Fachkräftemangel in der K&L-Branche ab. 4.500 Mitglieder des Verbands bilden gerade einmal 3.900 Lehrlinge aus. "Das ist nicht mal ein Lehrling pro Betrieb", so Börner. "Ich halte es für nötig, dass jeder Betrieb jedes Jahr einen Lehrling hat, das würde die Lehrlingszahl vervierfachen", rechnete der ZKF-Präsident vor. "Wir sind gerade dabei uns selbst abzuschaffen. Wenn die Betriebe keine Mittel haben, um Azubis zu binden, wird es keinen Nachwuchs geben." Robert Paintinger, Präsident des Bundesverbandes der Partnerwerkstätten (BVdP), stieß ins gleiche Horn und rief dem Publikum zu: "Engagieren Sie sich in Ihren Innungen und Handwerksverbänden, gehen Sie an Schulen und auf Berufsmessen."

Tauschen versus Reparieren

Matthew Whittall, CEO Innovation Group Deutschland, und Ullrich Bechmann, Director Werkstattmanagement Innovation Group, stellten die Strategie des Schadensteuerers für die nächsten Jahre vor. Durch sechs Leitungsbausteine soll die Entlohnung der Werkstätten fair und transparent gestaltet werden. Derzeit werde das System in sechs Werkstätten im Pilotbetrieb getestet.

Zu den Leistungsbausteinen gehören unter anderem die Wiederempfehlungsquote (Netpromotor Score) durch Kunden, die Stornoquote, die Qualität der Webpräsenz oder der Zugang zu Herstellerdaten über geeignete Diagnosesysteme sowie entsprechende Schulung der Mitarbeiter. Ohne Zugang zu Herstellerdaten komme die Werkstatt heute nicht mehr aus, schon beim Scheibenwechsel sei die korrekte Kalibrierung der Fahrerassistenzsysteme notwendig. "Unser Weg: leistungsgerechte Stundenverrechnungssätze", entgegnete Matthew Whittall der Pauschalkritik, dass die Schadensteuerer zu geringe Stundenverrechnungssätze zahlten. Der CEO sprach sich klar für die professionelle Instandsetzung von Außenhautschäden aus. Man habe nachgerechnet, wie sich der Austausch gegen die Instandsetzung verhält. Hier gebe es zwar durchaus Grenzfälle. Die Wahl des richtigen Reparaturweges wirke sich aber nach dem Stundenverrechnungssatz am meisten auf die Kosten einer Reparatur aus, so Whittall. Für die Instandsetzung spreche nach seiner Meinung außerdem die kürzere Ersatzwagennutzung sowie geringere Standzeiten und weniger Fremdrechnungen. Außerdem wies der Schadenexperte darauf hin, dass man bei Ersatzteilen seit 2011 eine Preissteigerung von 40 Prozent verzeichne.

Live-Werkstatt

Als wichtigste Neuerung im Veranstaltungsformat sorgte die Live-Werkstatt für große Aufmerksamkeit: In einer extra aufgebauten Instandsetzungshalle mit direktem Zugang aus dem Hotel wurden zwei Golf VII mit identischem Seitenwandschaden fachmännisch instandgesetzt. Während bei dem einen Fahrzeug die verbeulte Seitenwand gegen ein Neuteil ausgetauscht wurde, legten beim anderen Fahrzeug Fachmänner Hand an und reparierten den Schaden durch Ausbeulen. Dadurch sollte die Frage geklärt werden, welche Reparaturmethode sich am besten zur wirtschaftlichen Unfall-Reparatur eignet. Bei vielen Schäden stellt sich die Frage: Austauschen oder reparieren? In vielen Fällen machen den Unterschied aus Sicht des Versicherers am Ende nur ein paar hundert Euro aus. In der Masse der Schäden summiert sich das aber. In der Live-Werkstatt, die gutachterlich neutral begleitet wurde, arbeiteten zwei Techniker der Carbon GmbH an der fachgerechten Beseitigung der Beschädigungen.Am Ende stand die Erkenntnis: Instandsetzung geht aus handwerklicher Sicht vor Erneuern.Der Arbeitsaufwand liegt beim Ausbeulen und anschließenden Schleifen plus Lackieren bei etwa 10 Stunden versus 13 Stunden für den fachgerechten Austausch des Seitenteils. Hier sind aufwändige Schweiß- und Schleifarbeiten notwendig. Bei den üblichen Stundenverrechnungssätzen in einer Markenwerkstatt stehen dann 3.300 Euro (Austausch) versus 2.500 Euro (Instandsetzen).Das hat auch Auswirkungen auf den Wiederverkaufswert, denn je höher der Schaden, desto höher die Wertminderung. Aus Sicht der Werkstatt muss man allerdings feststellen, dass bei aller Liebe zum handwerklichen Können der Umsatz über das Neuteil und das Plus an verkauften Stunden den Austausch vergleichsweise attraktiv machen.

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