Es ist ein bisschen wie bei einer Blindverkostung guter Weine. Plötzlich sind sich selbst Experten nicht mehr sicher, was eigentlich echt ist. Genau diesen Effekt erlebe sie immer wieder, wenn Besucher neue Sitzmaterialien von Kia ertasten sollen, erzählt Marília Biill. "Die meisten halten die weiche, warme Oberfläche für Leder. Tatsächlich wird sie aus Pilzwurzeln gewonnen", sagt die Designerin.
Biill leitet bei Kia den Bereich CMF Design, also Colour Material Finish. Dort geht es längst nicht mehr nur um Farben, Stoffe oder Dekore. Biills Team beschäftigt sich vielmehr mit dessen sinnlicher Wirkung. Mit Farben, Materialien, Oberflächen und der Frage, wie sich ein Auto künftig anfühlen soll. Welche Materialien wirken hochwertig? Welche Oberflächen beruhigend? Und wie lässt sich Nachhaltigkeit sichtbar und fühlbar machen?
Rolle des Autos verändert sich
Denn die Rolle des Autos verändert sich. Elektroautos fahren leiser, Displays werden größer und mit dem autonomen Fahren wird der Innenraum zunehmend zum Aufenthaltsraum, in dem Fahrer und Beifahrer beim Ladestopp Filme streamen, arbeiten oder ein Nickerchen machen. Wie gemütlich oder komfortabel, wie vielseitig nutzbar ein Innenraum ist, wird zunehmend zum Kaufargument.
Gerade bei Farben orientiert sich Biill zunehmend an der Natur und setzt bewusst auf ungewöhnliche Kombinationen. Während sich künstlich hergestellte Farben oftmals "beißen", könne das mit natürlichen Pigmenten oft sehr gut funktionieren, sagt die Brasilianerin. "Viele denken bei natürlichen Farben an blasse Pastelltöne. Aber die Ergebnisse waren extrem intensiv."
Biill arbeitet seit fünf Jahren für Kia in Korea. Schon vorher hatte sie sich bei Porsche und Volkswagen intensiv mit nachhaltigen Materialien beschäftigt und die ersten veganen Innenraumvarianten des Taycan mitentwickelt. Vor allem das Thema Leder ließ sie nie los. "Die meisten Menschen halten es für ein natürliches Material. Aber sie übersehen, wie viel Chemie, welche Transportwege und energieintensive Verarbeitung dahinterstecken." Besonders die Gerbung belastet die Umwelt erheblich. Deshalb verzichtet Kia bei neuen Modellen inzwischen auf Echtleder. Für die Designerin ein wichtiger Schritt. "Hätten wir das nicht getan, könnte ich heute nicht glaubwürdig über Nachhaltigkeit sprechen."
Der Ersatz sollte allerdings nicht nach Verzicht aussehen. Denn lange wirkten nachhaltige Innenräume eher wie ein moralisches Statement: grau, nüchtern, wenig emotional. Davon wollen die Designer heute weg. Die neuen Oberflächen sollen nicht billiger wirken als Leder, sondern besser, natürlicher altern und weniger steril erscheinen.
Mit diesen Anforderungen ändert sich der Job des Designers grundsätzlich. Ging es früher nur Formen und Farben, so sprechen die CMF-Designer heute mit Chemikern, Biologen und Materialforschern über Bakterienstrukturen, Pflanzenfasern und biologische Wachstumsprozesse. "Wir wollen nicht einfach von der Natur inspiriert werden, sondern von ihr lernen", sagt Biill.
Stolz zeigt sie Mikroskop-Aufnahmen von winzigen körnigen Strukturen auf den Flügeln einer Zikade. Die Oberfläche wirkt wie eine Landschaft aus kleinen Körnern. Dazwischen liegt ein wurmförmiges Bakterium, das von den feinen Strukturen regelrecht aufgerissen wird und gefressen wird. "Vielleicht können wir etwas ähnliches für Oberflächen im Auto nutzen, die antibakteriell wirken oder Wasser abweisen, ganz ohne zusätzliche Chemikalien."
Andere Projekte wirken fast noch ungewöhnlicher. Beispielsweise Materialien, die aus dem faserigen Wurzelgeflecht von Pilzen gezüchtet werden und die man für Sitze oder Innenraumverkleidungen verwenden kann. Entwickelt werden sie in riesigen, klinisch sauberen Laboren von Mycel, einem Spin-off ehemaliger Hyundai-Mitarbeiter.
Reifenservice: Neue Produkte für die Werkstatt
Allerdings steckt die Branche auch heute noch im Versuchsstadium. Denn Oberflächen im Auto müssen enorme Belastungen aushalten: UV-Strahlung, Hitze, Kälte, Feuchtigkeit, Schweiß, Sonnencreme oder jahrelangen Abrieb. Genau daran scheitern etliche Biomaterialien bislang noch. Die größte Herausforderung bleibt die Großserie. Was im Labor funktioniert, muss später millionenfach reproduzierbar und dabei bezahlbar sein.
Und ganz ohne Kunststoff funktioniert es ebenfalls nicht. Reines Myzel etwa ist noch nicht robust genug für den harten Alltag im Auto. Deshalb mischen es die Designer mit Polyurethan (PU) und versuchen, den Kunststoffanteil Schritt für Schritt zu senken. So wächst zumindest ein Teil des Materials biologisch heran.
Zusammen mit The Ocean Cleanup, einem Unternehmen, das Plastikmüll aus Meeren und Flüssen sammelt, verarbeitet der Autohersteller außerdem Kunststoffabfälle zu neuen Fahrzeugteilen. In den ersten Serienmodellen ist der Wandel bereits zu sehen. Im EV9, dem elektrischen Flaggschiff der Koreaner, stecken Kunststoffe mit Zuckerrohr- oder Maisanteilen, recycelte PET-Stoffe und Teppiche aus alten Fischernetzen.
Der Ansatz, sich an der Natur als technischen Vorbild zu orientieren, ist allerdings nicht ganz neu. Mercedes beispielsweise präsentierte bereits 2005 das Bionic Car, dessen Form vom tropischen Kofferfisch inspiriert war. Damals ging es allerdings vor allem um Aerodynamik und Effizienz. Marilia Biill betrachtet das Thema eher aus der Perspektive des Designs: „Schönheit und Verantwortung müssen zusammen existieren.“