Porsche Elektronik-Integrations-Zentrum
Das Elektronik-Integrations-Zentrum soll zuvor auf mehrere Gebäude des Porsche-Entwicklungszentrums Weissach verteilte Teilbereiche der Elektrik/Elektronik-Entwicklung bündeln sowie Zulieferer und Experten benachbarter Fachgebiete anbinden. Ende Juli führte Porsche Journalisten durch das neue Gebäude.
Kein Zweifel, die Elektronik ist im Automobil auf dem Vormarsch. In keinen anderen Bereich der Autotechnik wird mehr investiert, nirgendwo anders werden mehr Fortschritte vermeldet. Die Betonung liegt auf „vermeldet“, weil vor lauter Elektronikfortschritts-meldungen vieles andere in den Hintergrund tritt. Dass sich andere Technik-bereiche ebenfalls weiterentwickeln, auch daran besteht kein Zweifel. Die Dominanz der Elektronik in Automobiltechnik und -presse geht inzwischen so weit, dass sie mitunter als das „Herz“ des Autos bezeichnet wird. Man muss keine Kenntnisse der menschlichen Anatomie besitzen, um diesen Vergleich zu widerlegen. Ein Mensch ohne Herz im Sinn eines Organs ist nicht lebensfähig, ein Automobil ohne Elektronik aber sehr wohl fahrfähig. Es ist weniger sicher und emittiert mehr Abgase, aber es tut das, was von einem Auto primär erwartet wird: es fährt. Zulassungsfähigkeit ist ein anderes Thema. Im Umkehrschluss kommt die Herzrolle im Automobil nach wie vor der Mechanik zu. Die Elektronik kann als das Nervenkostüm bezeichnet werden.
Auch bei Porsche spielt die Elektronik-entwicklung eine große Rolle. Der Sportwagenhersteller hat kürzlich an seinem Entwicklungsstandort Weissach ein so genanntes Elektronik-Integrations-Zentrum (EIZ) eröffnet. Dort wurden Teil-bereiche, die bisher auf mehrere Gebäude verteilt waren, gebündelt. „Die räumliche Nähe ist ein großes Plus. Denn gerade bei der Elektronik, die heute bei nahezu jedem Fahrzeugbauteil eine Rolle spielt, trägt das enge Zusammenspiel der unterschiedlichen Elektrik/Elektronik-Experten der Zulieferer und der Kollegen aus benachbarten Fachgebieten bereits in der Entwicklung maßgeblich zum Erfolg unserer Arbeit bei“, formulierte der damalige Forschungs- und Entwicklungsvorstand Wolfgang Dürheimer beim Start des Bauprojekts im Jahr 2010. Gemeinsam mit dem neuen Designzentrum und einem Windkanal betrug die Gesamtinvestition rund 150 Mio. Euro.
Das äußerlich konventionell gestaltete EIZ-Gebäude (vgl. Bild oben) birgt im Inneren so manche Überraschung. „Die Gebäudearchitektur ist konsequent auf das vernetzte Zusammenspiel von Technik und Entwicklern ausgerichtet. Der Integrationsprozess ist der Wegweiser durchs Gebäude – das EIZ, die intelligente Integrationsfabrik“, so Porsche.
Der Integrationsprozess orientiert sich am so genannten, ursprünglich aus der Software-Entwicklung stammenden V-Modell. Bekannt seit 1979, handelt es sich beim V-Modell um ein Vorgehensmodell für Entwicklung und Qualitätssicherung, welches den Gesamtprozess in Phasen unterteilt. Die grafische Gegenüberstellung von spezifizierenden und testenden Phasen ergibt das charakteristische und namensgebende V.
„Insgesamt geschmeidiger Ablauf“
„Der Gebäudeaufbau greift das V-Modell auf und ermöglicht einen insgesamt geschmeidigen Ablauf“, erklärt eine Mitteilung von Porsche. „Die oberen Stockwerke dienen dem Spezifizieren und Implementieren von Teilfunktionen und geben deshalb den Elektrik- und Elektronik-Entwicklungsabteilungen ihren Platz. Darunter folgt das Testen und Qualifizieren des Elektrik-Elektronik-Gesamtverbunds durch Entwickler mit Querschnittsaufgaben. Im Erdgeschoss sind die Werkstätten untergebracht, Ingenieure treffen dort die Mechaniker. Ebenfalls im Erdgeschoss: der Integrationsmarktplatz. Im Integrationsmarktplatz treffen sich immer dann alle Beteiligten rund um ein konkretes Auto am Auto, wenn ein umfassender nächster Entwicklungsstand für alle verbindlich besprochen und freigegeben wird – die so genannten ‚Verbundreleases‘ takten den Integrationsprozess. Am Ende eines Takts steht die Inbetriebnahmeklausur – das Herzstück des Integrationsprozesses.“
Andererseits kann das EIZ-Gebäude auch trennen, zum Beispiel, wenn Zulieferer oder Dienstleister für einen Teil-bereich ins Spiel kommen, denen Design, Funktionalität und Entwicklungsstand des Gesamtfahrzeugs verborgen bleiben sollen. „Die Tätigkeit im EIZ folgt einem einfachen Muster“, fasst man bei Porsche zusammen: „Sie bringt bedarfsabhängig sämtliche Experten unter ein Dach – nicht nur die aus Elektrik, Elektronik und Software, sondern alle, die an einem Modul beteiligt sind, also auch Motorenleute, Fahrwerkentwickler, Sicherheitsingenieure und Qualitätsbeauftragte.“ Beim Rundgang durch das EIZ bekamen Journalisten Ende Juli einige Prüfstände mit aktuellen Entwicklungen zu sehen. So beispielsweise die aktive Hinterachslenkung für 911 Turbo und 911 GT3. An Stelle der Spurlenker links und rechts kommen zwei elektromechanische Aktuatoren zum Einsatz. Diese Aktuatoren sind natürlich vernetzt, die ihnen zugedachten Steuersignale sind eingebettet in das Gesamtdynamikkonzept der genannten Fahrzeuge.
Wie man bei Porsche die Rolle der Elektronik definiert, zeigt einerseits deren quantitative und qualitative Entwicklung von Baureihe zu Baureihe: Waren es im 911 der Baureihe 996 (1997) noch sechs Steuergeräte, vernetzt über drei Bussysteme, zählt der 2009 vorgestellte Panamera acht Bussysteme, die 53 Steuergeräte miteinander vernetzen. Andererseits bleibt man in Stuttgart und Weissach auf dem Boden der Tatsachen. Zitat: „Die elektrischen und elektronischen Funktionen bleiben jedoch meist dezent und unterstützen die Mechanik [...]. Beruhigend, dass in jedem aktuellen Porsche und damit auch im neuesten 911 die Mechanik immer noch eine Zentralrolle spielt.“ Peter Diehl