Westsächsische Hochschule Zwickau
Zwickau blickt auf eine langjährige Automobilgeschichte zurück. Die Fachhochschule bildet Kfz-Fachkräfte aus. Schwerpunktmäßig können Studenten dort auch den Bereich Service studieren.
Die Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) ist absolute Spitze – in der Formula Student Saison 2010 belegte das WHZ-Racing Team den zehnten Rang. Da die neun Mannschaften, die in der Rennserie mehr Punkte gewinnen konnten, allesamt von Universitäten stammen, darf sich die Westsächsische Hochschule Zwickau (WHZ) als derzeit beste Fachhochschule der Welt bezeichnen – zumindest im Bereich der Formula Student.
Bei dem einmal jährlich stattfindenden Wettbewerb konstruierten und pilotierten im vergangenen Jahr 477 Studenten-Teams eigene Rennboliden. Letztes Jahr hat das Team je einen Rennwagen mit Verbrennungsmotor und einen Stromer entwickelt und ins Rennen geschickt. Zum Team gehören rund 60 Studenten aller Fachrichtungen. Neben dem Motorsportnachwuchs werden in Zwickau die Serviceprofis von morgen ausgebildet. Am Lehrstuhl Kraftfahrzeugtechnik gibt es für die Studenten im Hauptstudium fünf Vertiefungsrichtungen: Neben Energiemanagement, Karosseriebau, Verbrennungsmotoren und allgemeiner Kfz-Technik haben Zwickauer Studenten die Möglichkeit den Schwerpunkt Kfz-Service zu wählen.
Meisterbrief öffnet Türen
In Deutschland gibt es gegenwärtig nur zwei weitere Studienorte, die ihren Studenten ebenfalls die Möglichkeit einer Spezialisierung auf den Aftersales-Bereich geben. An der Hochschule Esslingen bzw. der Ostfalia in Wolfsburg werden Fachkräfte ausgebildet (vgl. asp 9/2007 und 3/2010). Ein Studium steht übrigens auch Servicekräften ohne Hochschulreife offen: Die WHZ verlangt als Zugangsvoraussetzung beispielsweise entweder die allgemeine Hochschulreife, die Fachhochschulreife oder einen Meisterbrief.
Doch ganz gleich, welche Vorbildung die Studenten nach Westsachsen mitbringen, sie dürften von den guten Rahmenbedingungen vor Ort profitieren. Einmal verfügt Zwickau über eine lange Tradition als Bildungsstandort. Bereits in der frühen Neuzeit soll es eine einflussreiche Lateinschule in der Stadt gegeben haben. Ende des 19. Jahrhunderts wurde schließlich die renommierte Ingenieurschule gegründet. Die FH existiert schließlich seit rund 20 Jahren, wie Prof. Jens Mehnert erklärte, der die Weiterbildung im Bereich Service an der WHZ leitet. Mehnert studierte noch zu DDR-Zeiten Kfz-Technik in Zwickau. Ein weiterer Grund, warum sich vor allem die angehenden Kfz-Fachleute in Zwickau wohlfühlen dürften, liegt in der langjährigen automobilen Tradition der Stadt. Während heute der Volkswagen-Konzern einige seiner Modelle vor den Toren der Stadt produziert, rollten früher Horch, Audi und zu DDR-Zeiten Trabant vom Band. Nicht zuletzt sprechen eine gute Betreuungssituation der Studenten, vergleichsweise geringe Lebenshaltungskosten und modern eingerichtete Hochschulgebäude für ein Studium an der Mulde. Für so manchen ein weiterer Grund: An der WHZ gibt es noch das Diplom. Zwar schließen auch einige angebotene Fachrichtungen mit einem Bachelor bzw. Master ab, aber in den alteingesessenen Ingenieur-Studiengängen wird den Absolventen noch das Diplom mit auf den Weg gegeben. Die Verantwortlichen hielten offenbar trotz des Bologna-Prozesses zur höheren Standardisierung der europäischen Hochschullandschaft am deutschen Diplom fest. Ein Umstand, den so mancher Personalverantwortliche begrüßen dürfte und eventuell eher den Bewerber aus Westsachsen zum Vorstellungsgespräch bitten könnte – zumindest in kleineren und mittleren Unternehmen.
Die WHZ zählt an ihren vier Standorten Zwickau, Schneeberg, Reichenbach sowie Markneukirchen 5.200 Studenten. Die Zahl der Professoren liegt den Angaben zufolge bei etwa 160. Neben den Fächern Kfz-Elektronik und Kfz-Technik kann man an der WHZ u.a. Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Verkehrssystemtechnik studieren. Zudem finden sich seltenere Studiengänge wie Gebärdensprachdolmetscherin, Musikinstrumentenbau, Pflegemanagement sowie Gestaltung und Textiltechnik.
Während die Synergieeffekte und Schnittmengen zwischen den Bereichen Kfz und anderen ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen klar ersichtlich sind, fällt es schwerer, gemeinsame Forschungsfelder zwischen Fahrzeugtechnik und den exotischeren Studiengängen zu identifizieren. Und doch gibt es diese, machte Pressesprecherin Franka Platz deutlich: Einerseits gebe es Kooperationsmöglichkeiten mit dem Institut für Textil- und Ledertechnik im Bereich der technischen Textilien, z.B. bei der Entwicklung robuster Sitzbezüge. Des Weiteren kommt dem Fachbereich Gestaltung beim Fahrzeugdesign eine große Rolle zu. Schließlich eröffne der moderne Fahrzeugbau deutlich mehr Designmöglichkeiten als früher, weiß Mehnert: „Da ist es von Vorteil, wenn man eine eigene Designschule im Rücken hat.“ Insbesondere bei der Konstruktion von Elektromobilen haben Gestalter mehr Raum für künstlerische Freiheiten. Durch den Verbrennungsmotor war die Form eher vorgegeben gewesen, so Mehnert. Während der Fachbereich Karosserie durchaus Designvorschlägen gegenüber offen ist, ist die gemeinsame Schnittmenge zwischen Design und Service freilich begrenzt. Derzeit studieren etwa 35 Studenten die Vertiefungsrichtung Service. Nach dem viersemestrigen Grundlagenstudium wählen die Studenten ihren Studienschwerpunkt. Im Semester 5 bis 8 erarbeiten sie sich die Fachkompetenz in diesem Segment. Durch die Projektarbeit (5. Semester) und die Diplomarbeit (8. Semester) geht der Fachkräftenachwuchs auf Tuchfühlung mit der Wirtschaft, da diese Arbeiten zumeist in Kooperation mit Unternehmen durchgeführt werden. Im Grundlagenstudium vermittelt und verlangt die Hochschule Grundwissen u.a. in Mathematik, Informatik, Physik, Elektrotechnik sowie Thermodynamik und Konstruktionslehre. Ergänzend werden die Wahlfächer BWL und Technisches Englisch angeboten. In der Vertiefung Service lernen die Studenten die Bereiche Kfz-Service- und Recyclingorganisation kennen. Im 7. Semester kommen die Themen Kfz-Schadensbewertung, Karosserie-Instandsetzung sowie Diagnosetechniken dazu. Derart befähigt sind die Absolventen äußerst begehrt auf dem Arbeitsmarkt. Die späteren Einsatzgebiete umfassen leitende Positionen in großen, mehrere Filialen umfassenden Autohäusern und Servicebetrieben, bei Prüf- und Sachverständigenorganisationen. Darüber hinaus zieht es frischgebackene Ingenieure zu Versicherungen oder Fahrzeugherstellern, um beispielsweise Lebensdauerprognosen für Komponenten oder Wartungspläne zu erarbeiten.
Zugangsbeschränkt
Pro Jahr beginnen rund 150 junge Frauen und Männer ihr Studium an der fahrzeugtechnischen Fakultät. Der Anteil der Studentinnen beträgt Schätzungen von Jens Mehnert zufolge etwa zehn Prozent. In diesem Jahr wurden etwas mehr Erstsemester aufgenommen, um den starken Jahrgängen infolge des doppelten Abi-Jahrgangs und der Aussetzung der Wehrpflicht Rechnung zu tragen, hieß es. Als eigenen Angaben zufolge einzige Fachhochschule in Deutschland verlangt die Westsächsische Hochschule Zwickau neben der zuvor beschriebenen verbrieften Zugangsberechtigung in Form von Meisterbrief oder Abizeugnis einen Numerus Clausus, derzeit einen Notendurchschnitt von 2,7.
An der WHZ gehen Tradition und Fortschritt Hand in Hand. Die Zwickauer Forschung gestaltet einerseits die Zukunft des Automobils. Andererseits gibt sie Restaurierungs-Know-how an die nächste Generation weiter. Im Rahmen der IG Oldtimer kümmern sich Studenten um klassische Fahrzeuge. Die restaurierten Schmuckstücke werden im Ausstellungsraum „Forum Mobile“ gezeigt oder, wie jüngst der Nachkriegsrennwagen „Awtowelo 650“, an interessierte Museen weitergegeben. Martin Schachtner
▶ Diplomstudiengang: Die WHZ zieht das Diplom mehrheitlich den Abschlüssen Bachelor und Master vor
▶ Fahrzeugdesign: In Zwickau gibt es häufig Synergieeffekte zwischen den einzelnen Fakultäten
▶ Hohe Nachfrage: Pro Jahr beginnen etwa 150 Studenten ein Studium der Fahrzeugtechnik in Zwickau