Ganz neue Zeiten

21.11.2019 11:00 Uhr

Weniger reine Vorträge, mehr Talkrunden, weniger graue Theorie, mehr alltagstaugliche Praxis: Auch das 15. AUTOHAUS-Schadenforum in Potsdam hatte seinen rund 250 Fachbesuchern wieder einiges zu bieten. Souverän moderiert von der TV-erprobten Petra Bindl, beschäftigte man sich gemeinsam mit Patrick Neumann, dem stellvertretenden AUTOHAUS-Chefredakteur, zwei Tage lang mit dem Kernthema autonomes Fahren in all seinen Facetten - von der zugrunde liegenden Technik über die Auswirkungen auf Unfallreparaturen und Schadensteuerung bis hin zu den geänderten Anforderungen an die technische Fahrzeugüberwachung reichte die Bandbreite. Da das Vortragsprogramm im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal deutlich gestrafft daherkam und die Redebeiträge größtenteils im Dialog mit den Moderatoren stattfanden, fehlte auch die 2018 mit viel Lob bedachte Live-Karosseriereparatur im Werkstattzelt nicht wirklich.

Zukunftsthemen aktiv besetzen

Positiv auch der immer wieder hergestellte Praxisbezug im Rahmen der teilweise aufeinander aufbauenden Fachvorträge und Talkrunden. So präsentierte der fränkische K&L-Unternehmer Rainer Schwanfelder seine topmoderne Mess- und Prüfstraße und machte den anwesenden Kollegen Mut: "Das Thema Kalibrierung von Fahrer-Assistenzsystemen ist technisch beherrschbar, baulich umsetzbar und auch finanziell machbar. Beschäftigt euch frühzeitig damit, ob ihr dieses zukunftsträchtige Geschäftsfeld im Alleingang oder gegebenenfalls mit finanzkräftigen Partnern angehen wollt." Unterstützung bekam Schwanfelder von Verbandsseite, als Michael Zierau, Leiter Referat Technik beim ZKF, der Angst vor eventuellen Rechnungskürzungen den Wind aus den Segeln nahm: "Wer seiner Instandsetzungsrechnung Messprotokolle beilegt oder Argumente für die Notwendigkeit einer ausführlichen Probefahrt, der ist rechtlich eindeutig auf der sicheren Seite." ( siehe Kasten Seite 40)

Unternehmenskultur unabdingbar

Ein weiteres Highlight war der thematische Schwerpunkt "Unternehmenskultur und Personalführung" am zweiten Veranstaltungstag. Die emotionalen Vorträge von Repanet-Vorstand Andreas Keller und Willi Lemke, Senator a. D. und ehemaliger Manager von Werder Bremen, unterstrichen eindrucksvoll, wie wichtig der richtige Umgang mit Mitarbeitern in Zeiten von immer komplexer werdenden Reparaturen und Fachkräftemangel ist. "Schaffen Sie eine eigene Marke, die von Ihrer Mannschaft aktiv in Ihrer Region repräsentiert wird. Ziel muss es immer sein, dass Ihre Belegschaft gerne für Sie arbeitet und gemeinsame Werte die funktionierenden Prozesse im Werkstattalltag sinnvoll ergänzen", betonte Keller, der Unternehmensberater mitten aus der K&L-Praxis.

Mut aus den eigenen Reihen

Wie solche Prinzipien zusammen mit dem eigenen Personal erarbeitet werden können und welche Verbesserungen dies im Miteinander bringen kann, lebten gleich drei sogenannte Mutmacher auf der Bühne in Potsdam vor: Diana Giemsch, Giemsch GmbH (Ludwigslust/Grabow in Mecklenburg-Vorpommern), Gerd Hacker, Hacker GmbH (Geesthacht/Schleswig-Holstein), und Werner Krause, Krause Karosserie GmbH (Neuss, NRW), hatten eine ganze Reihe leicht umsetzbarer Beispiele aus ihrer täglichen Praxis mitgebracht. Jeden Tag mit einem Rundgang durch den Betrieb zu beginnen, seine Mitarbeiter mit Handschlag zu begrüßen und dabei stets ein offenes Ohr für die Bedürfnisse und Probleme der Belegschaft zu haben - so beschrieb Gerd Hacker einen möglichen Einstieg in ein positiveres Arbeitsklima im eigenen Unternehmen.

Talente entdecken und fördern

Laut Diana Giemsch übernähmen auch im Alltag eher ruhigere Kollegen gerne die Leitung interner Arbeitsgruppen, die sich mit konkreten Aufgaben beschäftigen: "Sobald neue Auszubildende in unseren Betrieb kommen, übernehmen die 'alten Hasen' die Führung durch die Werkstatt und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Gemeinsam sind wir immer auf der Suche nach sozialen Projekten in unserer Region, die wir unterstützen können." Werner Krause arbeitet auf der Suche nach Praktikanten mit Schulen am Ort zusammen und ist so in der Lage, regelmäßig vielversprechende Bewerber als Nachwuchs in Sachen Karosserie und Lack für sein Unternehmen zu interessieren. In Sachen Fachkräftemangel riet er den anwesenden Betriebsinhabern, personelle Engpässe mit der eigenen Mannschaft zu überbrücken: "Wichtig ist, das bestehende Team zu binden und gezielt weiterzuentwickeln. Wenn sich ein Lackierer für das Ausdrücken von Dellen begeistert, nutzen Sie diese Chance und bilden ihn weiter aus. Es gibt viel Potenzial in den eigenen Reihen zu entdecken."

Partnerbetriebe der Zukunft

Mit Schadensteuerung und Netzentwicklung im Zeitalter des autonomen Fahrens beschäftigte sich eine illustre Talkrunde, besetzt mit Thomas Geck (HUK-Coburg), Ullrich Bechmann (Innovation Group), Rainer Hansen (Consense), Andreas Brodhage (G.A.S.) und Ludger Kersting (ADAC/ SPN). Die diskutierenden Teilnehmer konnten sich schließlich darauf einigen, dass zukunftsfähige Betriebe sich um einige Kernthemen kümmern sollten: Diskriminierungsfreier Zugang zu Fahrzeugdaten, Konzepte gegen Fachkräftemangel und stetige Aus- und Weiterbildung plus Investitionen in moderne Werkstattausrüstung helfen dabei, das eigene Geschäft abzusichern. Freie Betriebe müssten mit ihrer eigenen Kaufkraft dazu beitragen, sich eine starke Position im hart umkämpften Instandsetzungsmarkt zu sichern.

Wie technische Überwachung im Zeitalter des autonmen Fahrens funktionieren kann, war Thema einer Talkrunde mit Vertretern verschiedener Prüfdienste, darunter TÜV SÜD ( siehe S. 43 TÜV SÜD aktuell). Einigkeit herrschte darüber, dass der diskriminierungsfreie Zugang zu Fahrzeugdaten die Grundlage für eine sinnvolle HU der Zukunft ist. Die Vielzahl an Assistenzsystemen werde eine dynamische Überprüfung im Rahmen einer Probefahrt erforderlich machen.

Werkstätten müssen Sensoren kalibrieren

Beim 15. Schadenforum in Potsdam diskutierte asp mit Experten über die Kalibrierung von Fahrer-Assistenzsystemen. Das Thema kommt auf breiter Front. K&L-Werkstätten sollten entsprechend aufrüsten und Mitarbeiter schulen.Die korrekte Kalibrierung von Fahrer-Assistenzsystemen (FAS) und die Investition in geeignete Ausrüstung wird für Karosserie- und Lackbetriebe immer wichtiger. Das war die Kernbotschaft einer Diskussionsrunde zur FAS-Kalibrierung im Rahmen des 15. Schadenforums von AUTOHAUS und asp AUTO SERIVE PRAXIS in Potsdam. Rainer Schwanfelder, Inhaber und Geschäftsführer des Karosserieund Lackierzentrums Schwanfelder in Rednitzhembach bei Nürnberg, riet den anwesenden Kollegen, sich frühzeitig mit der Thematik auseinanderzusetzen. In Potsdam präsentierte der Unternehmer eine High-End-Lösung aus seinem K&L-Betrieb, wo vor Kurzem eine eigene Prüfhalle auf dem neuesten Stand der Technik eingeweiht wurde: "Für mich war schnell klar, dass es eine separate Halle sein muss, wo praktisch unter Laborbedingungen gemessen wird. Wir arbeiten dort nicht mit schwerem Werkzeug." Er sprach sich dafür aus, dass die Voraussetzungen in den Betrieben zur korrekten Einstellung von FAS stärker als bislang überprüft werden sollte, da neben dem richtigen Equipment auch gut ausgebildetes Personal notwendig sei. "Hier geht es schließlich um die Sicherheit der Systeme, auf die sich der Fahrer verlassen muss", so Schwanfelder. Bei der Anschaffung des Kalibriersystems seien ihm möglichst kurze Rüstzeiten wichtig gewesen. "Bei unserem digitalen System habe ich sehr geringe Rüstzeiten und benötige maximal zehn Minuten für die Sensoreinstellung, mit dem analogen System dauert das bis zu einer Stunde", erklärte Schwanfelder.Harald Neumann, Senior Consultant im Bereich Automotive Aftermarket bei Bosch, unterstrich, dass es sinnvoll sei, vor der Kalibrierung den Fehlerspeicher des Fahrzeugs auszulesen, um eventuell bereits vorliegende Fehler zu erkennen. Zudem sollte nach jeder statischen Sensorkalibrierung eine ausführliche Probefahrt gemacht werden. Erst dann sei die richtige Funktion der Fahrer-Assistenzsysteme abschließend zu beurteilen.Imre Makra, Produktmanager bei Werkstattausrüster Beissbarth, empfahl, dass Werkstätten vor Anschaffung eines Kalibriersystems und der notwendigen Peripherie genau kalkulieren sollten, ob sich die Anschaffung lohnt. Mit Achsvermessung und Diagnosegerät sei man schnell bei über 20.000 Euro. "Werkstätten, die vor allem ältere Autos reparieren, sind mit dem Thema noch nicht so sehr konfrontiert, da ist vielleicht die Kooperation mit einem Markenbetrieb sinnvoll", so Makra. Zentrale Punkte bei der Auswahl des Geräts seien die Richtzeiten sowie die Präzision der Kalibrierung. Ebenfalls wichtig sei die Prozesssicherheit und dass alles nach Herstellervorgaben läuftMichael Zierau, Leiter des Referats Technik im Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF), sagte, dass bei den 600 Eurogarant-Betrieben die Kalibrierung der elektronischen Helfer bereits zum Tagesgeschäft gehöre. Um die erbrachten Leistungen auch abrechnen zu können, sei jedoch eine lückenlose Dokumentation der Arbeitsschritte von Bedeutung, das gelte auch für die Probefahrt, die er für unverzichtbar hält. "Die Probefahrt nach der Kamera- und Sensorkalibrierung hat mit der normalen Probefahrt nach einer Reparatur nichts zu tun", erklärte Zierau. Der Zeitaufwand sei viel höher und müsse vom Versicherer auch entsprechend vergütet werden.Dietmar Winkler

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